Streikfolgen Bahn und GDL giften sich an
Hamburg - Es ist ein verbaler Schlagabtausch, wie er heftiger kaum sein könnte: "Arglistige Täuschung" und "Verdummbeutelung" hatte der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Manfred Schell, der Bahn vorgeworfen, weil diese jetzt doch keinen Tarifvertrag aushandeln wolle. Schell falle außer Beschimpfungen und Beleidigungen offensichtlich nichts mehr ein, keilte die Bahn zurück. "Noch erschreckender als diese verbalen Entgleisungen ist allerdings der Realitätsverlust von Herrn Schell", ließ ein Sprecher verlauten.
Doch damit nicht genug: Die Auseinandersetzung zwischen den Lokführern und der Bahn gipfelte am heutigen ersten Streiktag im Quasi-Rauswurf von GDL-Chef Schell und seinen streikenden Kollegen aus dem Frankfurter Hauptbahnhof. Die Bahn habe von ihrem Hausrecht Gebrauch gemacht und die Streikenden gebeten, außerhalb des Bahnhofs zu demonstrieren, sagte ein Bahnsprecher. Die streikenden Lokführer hätten Kollegen massiv bedrängt, sich am Streik zu beteiligen, erklärte er.
Sie seien mit dem GDL-Chef Manfred Schell freiwillig gegangen, bestätigten GDL-Mitglieder vor dem Bahnhof. Das Bahn-Management habe ihnen mit der Bundespolizei gedroht und erklärt, sie hätten wegen der ungenehmigten Demonstration Hausverbot. GDL-Sprecherin Gerda Seibert sagte dagegen, ein Hausverbot sei nicht ausgesprochen worden. Vielmehr seien die Gewerkschafter von Seiten des Bahnhofsmanagements aufgefordert worden, die Streikwesten auszuziehen und nicht im Bahnhof zu demonstrieren.
"Notfallpläne haben mehr angerichtet als der Streik"
Heute Morgen hatte der Streik der Lokführer dafür gesorgt, dass es im ganzen Bundesgebiet zu massiven Verspätungen bei Zügen und S-Bahnen kam. Nach Angaben des Unternehmens fuhren lediglich zwei Drittel der 750 Fern- und etwa die Hälfte der 19.000 Regionalzüge planmäßig. Die Bahn setzte einen Notfahrplan in Kraft, was zusätzlich zu Behinderungen im Fernverkehr führte. Wenige Stunden vor Streikbeginn war der Konzern mit dem Versuch gescheitert, den Ausstand gerichtlich verbieten zu lassen.
"Die Notfallpläne haben mehr angerichtet als der Streik", kritisierte der stellvertretende GDL-Vorsitzende Günther Kinscher. Auch GDL-Chef Schell legte nach, indem er darauf hinwies, dass die Bahn selbst das Zugangebot im Regionalverkehr um 50 Prozent reduziert habe. "Das wäre schon mal die Hälfte. Und dann, was unsere Leute dazu beigetragen haben, das was mir aus Deutschland bekannt ist, da ist die Situation aus Sicht der GDL positiv zu bewerten."
Millionen Deutsche zu spät zur Arbeit
Nach Bahn-Informationen kamen am Freitag Millionen Deutsche zu spät zur Arbeit. Da die Entscheidung des Gerichts aber spät gekommen sei, habe ihr Unternehmen keine andere Wahl gehabt, als die Notpläne in Kraft zu setzen, von denen auch der Fernverkehr betroffen war, sagte Bahn-Vorstand Margret Suckale. Nach Angaben der Bahn werden bis zum Abend von den täglich knapp 40.000 Zügen etwa die Hälfte gefahren sei. Im Güterverkehr habe es keine Störungen gegeben; die Versorgung der großen Hütten, der Autoproduktionsstätten wie auch der Häfen habe funktioniert. Ab Samstag sollen wieder die regulären Fahrpläne gelten.
In der Sache zeigten sich die Kontrahenten weiter unnachgiebig. Suckale lehnte die Forderung der GDL nach 31 Prozent mehr Lohn weiter strikt ab. Es sei den anderen 200.000 Bahn-Beschäftigten nicht zuzumuten, dass "eine Sondergruppe ... völlig absurde und irrationale" Rechte einfordere. Sie bot erneut "zehn Prozent mehr" an, wobei allerdings etwa die Hälfte aus zwei zusätzlichen Arbeitsstunden besteht.
Schell reagierte erbost: "Das Angebot der Bahn ist kein Angebot, sondern Verdummbeutelung." Er deutete allerdings an, dass der GDL-Vorstand am Montag von seiner Forderung abrücken könnte, um den Weg zum Kompromiss zu ebnen. Ein Einknicken sei das nicht. Zugleich überlegt die GDL, weitere juristische Schritte einzuleiten. Gegebenenfalls werde der Instanzenweg beschritten, erklärte GDL-Vize Kinscher. Das Arbeitsgericht Chemnitz hatte in der Nacht entschieden, dass die GDL im Regionalverkehr, aber nicht im Fern- und Güterverkehr streiken darf.
Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) hat es unterdessen abgelehnt, im Tarifstreit zu vermitteln. "Die Verantwortung will und kann ich den Tarifpartnern nicht von den Schultern nehmen", sagte Tiefensee nach einem Treffen von SPD-Verkehrspolitikern aus Bund und Ländern in Wiesbaden. Es sei in Deutschland bewährte Praxis, dass sich die Politik nicht in Tarifverhandlungen einmische.
Tiefensee appellierte allerdings an die Bahn und die Gewerkschaft der Lokführer, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen: "Es muss möglich sein, zügig zu einer Einigung zu kommen." Die Tarifparteien trügen eine hohe Verantwortung für die deutsche Volkswirtschaft. Auch als 100-prozentiger Eigentümer der Bahn habe der Bund ein hohes Interesse daran, dass der Tarifkonflikt möglichst schnell beendet werde.
sam/dpa/AP/Reuters
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