Streit über Ausbildung: "Das Desaster wird immer größer" - DER SPIEGEL
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Streit über Ausbildung "Das Desaster wird immer größer"

Vor sechs Wochen schlossen Wirtschaft und Regierung ihren Pakt für mehr Ausbildung, jetzt provoziert er wieder heftigen Streit: IG Metall und ein regierungsnaher Wissenschaftler glauben, dass Betriebe und Industrie ihre Zusagen brechen werden. Ein paar Dax-Konzerne und die Bahn AG geloben dagegen Besserung.
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Berlin - Berthold Huber hat genug gesehen - für ihn ist das Spiel schon verloren. "Alle Prognosen deuten darauf hin, dass der Ausbildungspakt nicht den versprochenen Erfolg hat", sagte der stellvertretende IG-Metall-Vorsitzende im Bayerischen Rundfunk. "Wir haben zu befürchten, dass wieder 30.000 junge Leute eines Jahrgangs ohne Ausbildungsplatz bleiben. Das Desaster wird immer größer."

Die IG Metall sieht sich damit in ihrer Kritik bestätigt. Sie hatte den Ausbildungspakt, der zunächst auf die Freiwilligkeit der Wirtschaft bei der Schaffung von Ausbildungsplätzen setzt, immer abgelehnt. Stattdessen forderte sie eine gesetzliche Zwangsregelung, die Betriebe mit einer Ausbildungsplatzumlage bestrafen sollte, wenn sie nicht genügend ausbilden. Diese Umlage hatte auch SPD-Chef Franz Müntefering zu seinem Amtsantritt gefordert. Unter dem Druck dieser Drohung hatten Wirtschaftsverbände vor anderthalb Monaten zugesagt, 30.000 zusätzliche Lehrstellen zu schaffen.

"Die Betriebe rationalisieren weiter"

Auch nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung, das dem Bundesbildungsministerium untersteht, werden aber in diesem Jahr wieder bis zu 35.000 Lehrstellen fehlen. "Wir erwarten, dass die Zahl der Jugendlichen, die nicht in eine Ausbildung vermittelt werden können, in diesem Jahr genauso hoch oder noch höher sein wird als 2003", sagte der Generalsekretär des Instituts, Helmut Pütz, der "Berliner Zeitung".

Die Lehrstellenlücke erkläre sich aus der schwachen Konjunktur. Unternehmen, die Personal abbauten, böten auch weniger Lehrstellen an. "Die Betriebe rationalisieren weiter, und das ist betriebswirtschaftlich auch richtig", erläuterte Pütz. "Das heißt aber, dass die Wirtschaftsverbände im Ausbildungspakt Zusagen gegeben haben, die in den Betrieben nicht eingehalten werden können."

Bahn will um 15 Prozent aufstocken

Das "Handelsblatt" berichtete indes, zahlreiche Unternehmen hätten auf den Ausbildungspakt mit einer Aufstockung des Lehrstellenangebots reagiert. Dabei beruft es sich auf eine eigene Umfrage. Diese allerdings bezieht sich vor allem auf die 30 Großkonzerne, die im Börsenindex Dax notiert sind. So will E.ON 300 zusätzliche Ausbildungsplätze schaffen, die Metro   verspreche gar 3000 neue Azubi-Posten. Auch Volkswagen     wolle nachlegen - aber nur, wenn die neuen Lehrlinge nicht mehr zum Haustarif, sondern zum niedrigen Metaller-Tarif entlohnt würden. Die Bahn wolle 15 Prozent mehr Stellen schaffen.

Auch bei den Großunternehmen ist das Bild uneinheitlich: Continental  , SAP, BMW  , Post  , Siemens  , Deutsche Telekom   und einige andere wollten sich laut "Handelsblatt" nicht auf eine Steigerung der Lehrstellenzahl festlegen. Sie betonten, sie würden bereits über Bedarf ausbilden.

Laut Handwerksverband hat sich die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge zum Vorjahr bereits um vier Prozent erhöht, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag meldet einen Zuwachs um 3,5 Prozent. Bei kleinen Selbstständigen, so das "Handelsblatt" weiter, sei die Indifferenz gegenüber dem Pakt groß: Laut einer Umfrage in diesem Bereich wollen nur zwei Prozent der Arbeitgeber in diesem Jahr mehr Azubis einstellen als 2003.