HANDEL Strikt getrennt
Der Mandant war von bestem Firmenadel, sein Auftrag aber etwas sonderbar: Der Münchner Industriejurist Gerhard Haas sollte für die Fürther Versandhaus-Dynastie Schickedanz einen Plan zur eigenen Entmachtung entwerfen.
Nach halbjähriger Arbeit präsentierte der Anwalt seinen Auftraggebern ein kompliziertes Rechtswerk. Darin war bis ins Detail ausgeklügelt, wie die Quelle-Familie für alle Zeiten vom Geschäftsgang in ihren Firmen ausgeschlossen werden kann.
Eine Ausnahme hatte Haas allerdings wunschgemäß mit eingebaut: Familien-Seniorin S.51 Grete Schickedanz wird mehr Macht im Konzern bekommen als je zuvor.
Um die anderen Familienmitglieder und deren Erben für immer aus den Führungsetagen ihrer Unternehmen zu verbannen, mußte die Konzernleiterin eine völlige Neuorganisation der Gruppe anordnen.
Neben der fränkischen Handelsherrin selbst haben bislang vor allem ihre beiden Schwiegersöhne Hans Dedi, 61, und Wolfgang Bühler, 46, in dem Fürther Familienunternehmen das Sagen. Die Oberhäupter der drei Inhaber-Familien regieren über ein verzwicktes System von Beiräten und Geschäftsführungen die Quelle, die Vereinigten Papierwerke ("Tempo«, »Camelia") und eine Großbrauerei ("Patrizier").
Die Konstruktion brachte es mit sich, daß niemand die Clan-Anführer kontrollierte. Diese kontrollierten sich allenfalls selbst.
Nunmehr ziehen sich die Schwiegersöhne in eine sogenannte Führungs-Stiftung zurück. Die Stiftung, die von den drei Eigner-Familien kontrolliert wird, legt die Konzernpolitik fest und weist den Tochter-Firmen die Aufpasser zu.
In den Verwaltungsräten der Schickedanz-Unternehmen sollen, so Stiftungschef Dedi, »nicht nur wir drinsitzen, sondern auch Bankiers und namhafte Industrielle«. In die Vorstände der Firmen dürfen zukünftig keine Angehörigen der Schickedanz-Sippe, die im Stiftungsvorstand sitzen, mehr einrücken -- Management und Aufsicht werden strikt getrennt.
Der tiefe Sturz des einstigen Konkurrenten und Dressurreiters Josef Neckermann S.52 vor gut vier Jahren hatte die Quelle-Führer nachdenklich gestimmt.
Mit einsamen Entschlüssen und skurrilen Gewohnheiten hatte Olympionike Neckermann seinen Frankfurter Versandkonzern an den Rand des Ruins manövriert. Nur durch den schnellen Zugriff des Essener Warenhaus-Giganten Karstadt konnte die Firma mit ihren 20 000 Arbeitsplätzen gerettet werden.
Es bedurfte dennoch stundenlanger Abendsitzungen vor dem Kamin ihres schloßähnlichen Anwesens in Dambach nahe Fürth, bis Deutschlands mächtigste Unternehmerin ihre elfköpfige Großfamilie von dem notwendigen Verzicht auf angestammte Rechte überzeugt hatte.
Mit dem Neubau des Imperiums ist für die Witwe des vor drei Jahren verstorbenen Konzerngründers Gustav Schickedanz endgültig ausgeschlossen, »daß irgendwann in späteren Generationen« inkompetente Verwandte »die Alleinherrschaft an sich reißen und mit riskanten Manövern den Konzern und seine 43 000 Arbeitsplätze aufs Spiel setzen«.
Für die Entmachtung der eigenen Verwandtschaft hatte sich die Dame aus Dambach in der Familien-Runde die beiden gewichtigsten Stimmen vorher gesichert, die der beiden Schwiegersöhne.
Erst nach dem Tod von Gustav Schickedanz hatten Dedi und Bühler zusammen mit ihrer Schwiegermutter auf den Chefsesseln im Management Platz nehmen können. Kronprinz Dedi erhielt das Kommando im Konzern sowie die beiden Vizeposten bei der Quelle und der Industriegruppe, Bühler bekam die Sparte Bier und Papier.
Gustav-Witwe Grete, die bereits als Lehrling mit 15 Jahren in den Kurz- und Wollwaren-Großhandel Schickedanz eingetreten war, übernahm die Alleinherrschaft im Versandreich.
Da kannte sich die Erbin aus. Die Umsatz-Zuwächse, die von der Quelle-Anführerin herausgeholt werden, liegen seit langem weit über dem Branchendurchschnitt. Im letzten Jahr etwa schaffte der Quelle-Versand ein Plus von acht Prozent, der gesamte Handel dagegen blieb unter fünf Prozent. Im schwierigen Versandgeschäft rangiert das fränkische Unternehmen in Europa heute unangefochten an der Spitze.
Bei all dem Erfolg ist die Firma Quelle ein Familienbetrieb geblieben. Und bei all ihrer Umgänglichkeit ist Grete Schickedanz die unangefochtene Nummer eins im Haus Quelle.
Sie feilscht um die Einkaufspreise, sie hat das letzte Wort bei den Katalogpreisen. Die Konzernchefin selbst befindet über Muster und Mengen, über Stoffe und Stile.
Wenn sie beispielsweise, zum Einkauf, in Hongkong einfliegt, dann ist schon alles für den großen Basar gerichtet. Einkäufer, von der Fürther Quelle-Zentrale ausgesandt, haben aus Taipeh und Singapur, aus Bangkok und Manila, aus Colombo und Tokio rund 500 Modelle an Nähereien und Strickereien herangeschleppt.
Acht Tage lang mustert die Kauffrau aus Fürth dann in der Quelle-Dependance Hongkong. Und stets entscheidet nur die Chefin selbst, was gut ist für den 1322 Seiten dicken Quelle-Katalog und die acht Millionen Stammkunden. Von den 50 000 Positionen im zweimal jährlich verschickten Katalog mustert und ordert die Alleinherrscherin selbst gut 30 000.
Einmal im Jahr geht Grete Schickedanz quer durch die Billiglohn-Länder des Fernen Ostens auf ihre Katalog-Tournee, um binnen vierzehn Tagen rund eine viertel Milliarde Mark auszugeben; voriges Jahr zog es sie erstmals auch nach China.
Eingefuchst mit allen Finten und Finessen ist es kaum möglich, die Händlerin beim Einkauf auszutricksen. Als ihr der japanische Perlen-Lieferant Hiroshi Mihara im Royal-Hotel von Osaka seine neueste Ernte zeigen will, lehnt sie ab und bestellt den Japaner ins Quelle-Büro nach Kobe. Dort ist das Licht besser.
Eine solche Kraft ist denn auch, so Schwiegersohn Dedi, vorerst unersetzlich im Management des Paketversenders. Sie allein wird im Imperium künftig eine Doppelrolle einnehmen -- als Vorstandschefin bei Quelle und als Eigentümerin im Stiftungsvorstand.
Schon bis Mitte des Jahres soll das gesamte Haus Schickedanz nach den neuen Plänen formal umgewandelt sein. Das Dambacher Dreigestirn hatte es so eilig mit der Reform, daß es bereits zum Jahreswechsel neue Manager für die Vorstände einkaufte.
»Konzerne unserer Dimension«, so Dedi, »kommen ohne fremdes Management nicht aus.«
Einflüsse Außenstehender auf ihre Konzernpolitik und unliebsame Einblicke in ihre Finanzen wußte die Quelle-Familie dagegen zu verhindern.
Während andere Familien ihre Unternehmen in Aktiengesellschaften umwandelten, um an neues Kapital heranzukommen, ist die liquide Quelle auf fremde Aktionäre nicht angewiesen.
Einen lästigen Aufsichtsrat, in dem Betriebsräte und Gewerkschafter sich tummeln könnten, wird der Schickedanz-Konzern daher auch in Zukunft nicht haben.
S.50Bei der Musterung in Schanghai.*S.52Wolfgang Bühler, Grete Schickedanz, Hans Dedi.*