Stromausfall: E.on sucht die Schuldigen - DER SPIEGEL
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Stromausfall E.on sucht die Schuldigen

Nach dem europaweiten Stromausfall ist der Energiekonzern E.on um Schadenbegrenzung bemüht. Kardinalfrage ist, wer die Verantwortung für den Blackout trägt. Als sicher gilt inzwischen, dass die Hochspannungsleitung im Emsland der Auslöser für das Desaster war. Was aber ist die Ursache?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Eine Hochspannungsleitung wird planmäßig unterbrochen und plötzlich geht in halb Europa nichts mehr. Auch fast zwei Tage nach dem Blackout gibt es immer noch keine schlüssige Erklärung für die beispiellose Panne. "Die Emsleitung stand am Anfang einer ganzen Kette von Störungen, die schließlich zu den Versorgungsengpässen in ganz Europa geführt haben", sagte Guido Knott, Geschäftsführer der E.on-Netztochter E.on Energie, zu SPIEGEL ONLINE. So viel sei inzwischen sicher.

Ebenso sicher sei aber auch, dass die Versorgungsleitung nicht die einzige Ursache für die Versorgungsengpässe gewesen sei, sagte Knott weiter. "Das lässt sich aus der Tatsache ableiten, dass es erst 30 Minuten, nachdem die Leitung abgeschaltet worden war, zu den Ausfällen gekommen ist." Was aber hat noch zu dem Stromausfall beigetragen?

Normalerweise verursacht die Abschaltung einer einzelnen Leitung keine Probleme, weil das Netz doppelt abgesichert ist. Überdies werden Situationen, wie am vergangenen Samstag im Emsland, zuvor in Simulationen durchgespielt, so dass etwaige Probleme von vorneherein ausgeschlossen werden können.

Dass es trotzdem zum Blackout kommen konnte, kann Knott sich nur mit einer größeren Anzahl von Störfällen erklären, die im Anschluss an die Abschaltung aufgetreten sind. Was sich aber im Detail abgespielt habe, darüber könne man zum jetzigen Zeitpunkt nur spekulieren, sagt er.

Auf irgendeine Weise hätten auch die Betreiber von Windkraftanlagen zu dem Problemen beigetragen, fügte er hinzu. Am Samstagabend habe es während eines durchaus nennenswerten Zeitraums eine ausgeprägte Flaute gegeben. Normalerweise könne das System solche Unregelmäßigkeiten aber problemlos verkraften.

Am Vormittag bereits hatten sich die Windenergie-Erzeuger energisch gegen Schuldzuweisungen in dieser Richtung zur Wehr gesetzt. Im Verlauf des Samstags seien rund 30 Prozent der maximalen Kapazität ins System geflossen, sagte der Geschäftsführer des Bundesverbands Windenergie, Ralf Bischof, SPIEGEL ONLINE. Die gelieferte Strommenge habe dem entsprochen, was am Freitag aufgrund von Wetterprognosen vorhergesagt worden war. Zudem habe man am Samstag, als bekannt wurde, dass es Probleme gebe, Kapazitäten in Ostdeutschland zügig abgeschaltet. "Insgesamt war das Netz aber nur schwach ausgelastet und in keinem kritischen Zustand", erklärte Bischof.

Allerdings war, anders als bislang in der Öffentlichkeit diskutiert, nicht zu viel Strom in den Leitungen, so dass - zumindest im übertragenen Sinne - irgendwo eine Sicherung durchgebrannt wäre, sondern zu wenig, was tatsächlich auf die Windenergie-Erzeuger hindeuten könnte. Ein erstes Indiz dafür ist ein Frequenz-Diagramm des betreffenden Zeitraums, das einen drastischen Abfall der Kurve nach 22.30 Uhr auf 49 Hertz ausweist, also einen Mangel an zur Verfügung stehender Energie.

Gemessen wird die Belastung des Netzes an der Frequenz des Wechselstroms. 50 Hertz gelten als das Maß der Dinge. Steigt der Wert über die 50-Hertz-Marke, deutet dies auf zu viel Strom im Netz hin. Für die Techniker ist dies genauso alarmierend wie zu wenig Strom. Die Reaktion ist im Prinzip dieselbe, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen. Im ersten Fall werden die Lieferanten abgeregelt, im zweiten Fall wird zusätzliche Leistung angefordert. Wenn sich die Frequenz auf diese Weise nicht mehr einpegeln lässt, müssen Kraftwerke vom Netz genommen werden - oder eben Verbraucher.

Der Tübinger Energieberater Martin Schmieg warnt allerdings vor voreiligen Schlüssen. Die Kurve zeige einen Leistungsausfall von 7,5 bis 10,5 Gigawatt innerhalb von wenigen Sekunden an. "Die angesprochene Flaute muss also schlagartig und flächendeckend über ganz Norddeutschland hereingebrochen sein. Aber selbst wenn dieser unwahrscheinliche Fall eingetroffen wäre, könnte den Windkraft-Betreibern nicht die alleinige Schuld zugewiesen werden, sagte Schmieg weiter. "Das ist schon rein rechnerisch nicht möglich, denn 30 Prozent der Maximalkapazität entsprechen rund fünf Gigawatt. Sein Resümee: "Es müssen noch andere Energiequellen ausgefallen sein."

Welche das sind, versuchen die E.on-Leute derzeit herauszufinden. Wann sie mit der Ursachenforschung fertig sind, vermag E.on-Energie-Geschäftsführer Knott allerdings noch nicht zu sagen. "Wir bemühen uns um schnellstmögliche Aufklärung."

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