Strumpfgeld - DER SPIEGEL
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Strumpfgeld

• aus DER SPIEGEL 38/1948
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Heute können wir nur noch zehn Westmark pro Kunden auszahlen«, verkündete die grauhaarige Geschäftsführerin der Wechselstube am Kurfürstendamm gegen Mittag. Die wartende Schlange vor dem Schalter, an dem Westmark gegen Ostmark verkauft wird, wand sich in Enttäuschung. Wer dagegen Westmark brachte, um Ostgeld zu erwerben, brauchte nicht zu warten. Sein Schalter war leer. Deutsche Mark West war wieder einmal knapp.

»Wenn nicht noch ein großer Eingang von Westmark kommt, müssen wir morgen die Ostmark noch schwächer notieren«, lautete die neue Hiobsbotschaft für die Westgeldbedürftigen. Morgens hatte die Dame an der Wechselkasse noch Beträge bis zu 500 Westmark im Tageskurs von 3,60 Ostmark zu 1 Westmark verkauft. Dann wurden die westlichen Scheine immer seltener in der Kasse. Die Höchstgrenze der Tauschgeschäfte rutschte über 200 DM West 100, 50 und 20 auf 10 Westmark herunter. So geht es fast jeden Tag.

Angebot und Nachfrage bestimmen den täglichen Kurs der 31 Berliner Wechselstuben. Alle liegen in den drei Westsektoren der Stadt. Sie sind Umschlagplatz zwischen der ostdeutschen und westdeutschen Währung, die finanzielle Klammer für die getrennten deutschen Gebiete. Im sowjetischen Sektor gibt es keine Wechselstuben. Dort ist allein schon das Bei-sich-Führen von Westgeld eine strafbare Handlung. Davon profitieren die schwarzen Börsengeschäfte rund um den Alexanderplatz.

Ohne die Wechselstuben wäre das Berliner Währungsdilemma noch größer. In der ersten Zeit nach der doppelten Währungsreform bestimmte der wilde Geldhandel auf den traditionsgebundenen schwarzen Märkten den Kurs. Ihre illegalen Wechsler erhielten ihre Tauschanweisungen direkt von der Karlshorster SMA. Weil ein genaues Bild über Angebot und Nachfrage nicht möglich war, konnten sie den Wert des Westgeldes mit geschickten Manipulationen künstlich niedrighalten. Millionenbeträge der neuen wertvollen Devisen wanderten in den ersten Wochen nach dem Berliner X-Tag in die Tresore der sowjetischen Befehlszentrale Karlshorst.

Zur Kontrolle der Geldwanderung und zur regulären Kursbildung wurden die Wechselstuben lizenziert; und zur Erleichterung für die zwischen den feindlichen Währungen zappelnden Berliner.

Sokolowskis Befehl Nr. 111 vom 23. Juni schuf mit dem Anspruch auf finanzielle Oberhoheit über Gesamtberlin als neue Geldscheine »Reichsmark und Rentenmark alten Musters mit aufgeklebten Spezialkoupons«. Die drei Westsektoren importierten die Deutsche Mark der Westzonen als ihre Sektorenwährung. Zur Unterscheidung vom im Westen ausgegebenen Geld wurden die Scheine mit einem großen B überstempelt.

Wie die Geldreform in Westberlin gemacht wurde, gereicht den Finanzexperten der Westmächte nicht zur Ehre. Man ließ die neuen Geldscheine, made in USA, nur als quasi Spitzenwährung gelten. Dagegen wurde die Ostmark (später »Deutsche Mark der Deutschen Notenbank« genannt) als vollwertiges Zahlungsmittel für alle lebensnotwendigen Dinge anerkannt: bewirtschaftete Lebensmittel jeglicher Art, Mieten, Steuern und städtische Abgaben, Verkehrsgebühren, Leistungen der Reichspost, Lieferung von Strom und Gas.

Damit wurde die von den Sowjets kontrollierte Mark von vornherein die bestimmende Währung auch in Westberlin. Die Folge: alle Verbindlichkeiten wurden soweit wie möglich mit Ostgeld bezahlt. Das seltene Westgeld wurde aus dem täglichen Leben verbannt. Es ist die Währung zur Hebung des Lebensniveaus. Der Schwarze Markt ist nur für die gute Westmark handelsbereit, allen voran die Zigarettenverkäufer der sowjetischen Großhandelsgesellschaft Rasno-Export.

Gehälter und Löhne brauchen in West-Berlin nur zu 25 Prozent in Westwährung gezahlt werden. Der dreifache Rest in Ostgeld. Viele Firmen zahlten wenigstens die Hälfte in gutem Geld aus. Die Ostwährung ist in der Lohntüte nicht beliebt.

Die Glücklichen sind selten, die ihr Gehalt bis auf den letzten D-Pfennig in Berliner Westgeld erhalten. Die Unglücklichen sind häufig, die ihr ganzes monatliches Einkommen in minderwertigem Ostgeld einstecken müssen. Zum Beispiel, wenn sie in Lichtenberg (sowjetischer Sektor) arbeiten und dabei in Jungfernheide (Britensektor) wohnen. Oder wenn sie bei der Eisenbahn angestellt sind, die unter sowjetischem Oberbefehl grundsätzlich nur Ostgeld einnimmt und zahlt.

Die Ostmark-Entlohnten bilden die Hauptmacht der Belagerungsarmeen vor den Wechselstuben. Ohne Westgeld kommt man in Berlin nicht weit. Die Sonderzuteilungen an Ami-Zigaretten müssen völlig westlich bezahlt werden. Die Seifenzuteilung wird halb west, halb ost eingekauft.

Hat man einen Bezugschein erhalten, muß man die Ware zur halben Summe in Westgeld bezahlen. Manche Geschäfte zeichnen ihre Waren doppelt aus. Beispielsweise ein Wasserglas gleich 1,20 Westmark oder 2,80 Ostmark. Doch der Berliner geizt mit seinem Strumpfgeld. Westgeld trägt man in Berlin meist im Strumpf, um es bei Geldrazzien im Ostsektor nicht erst umständlich verstecken zu müssen.

Rentner und Sozialversicherte bekommen nur Ostgeld. Die zentralisierte Versicherungsanstalt Berlin hat ihren Sitz im Ostsektor.

Soziale Ungerechtigkeit triumphiert. Die Ostentlohnten sind die mehr als dreifach Betrogenen gegenüber denen, die reines Westgeld verdienen. Aber auch viele Firmen, die nur »Berliner Rubel« einnehmen, benötigen zum Einkauf von Rohstoffen und Halbfabrikaten die andere Währung. Die Firmen der Sowjetzone sind eifrige Kunden der Berliner Wechselstuben. Vor allem ihretwegen besteht die Anordnung, daß sich niemand beim Geldgeschäft auszuweisen braucht.

Die Ware der Wechselstuben ist die Ostmark. Ihr Kurs wird für jeden Tag neu festgelegt; dann aber bis Geschäftsschluß durchgehalten. Mehrmals in der Woche kommen die Inhaber der Wechselstuben zusammen, um gemeinsam den Kurs abzustimmen. Auf einer Tafel vor dem Wechselgeschäft ist er angeschrieben, damit sich die Schwarzhändler vor der Tür auch danach richten können.

Wie ein Seismograph verzeichnet der Kurs die Wirkung der politischen Ereignisse auf die Stimmung der Bevölkerung. Als deutliches Mißtrauensvotum gegenüber den Westmächten fiel der Kurs rapide von 3,55 Ostmark für 1 Deutsche Mark auf 2,30 Ostmark für 1 Deutsche Mark, als kompromißbereite Töne aus der Moskauer Luft herüberklangen. Die Vertrauenskrise hielt nicht lange an. Die Verschärfung der Berliner Situation ließ Nackenversteifung der Westalliierten vermuten. Der Kurs reagierte schnell auf 3,55 zu 1.

Anfangs setzten die geschäftstüchtigen Wechsler den Gewinn auf 30 Ostpfennig fest. Doch das Preisamt des Magistrates revoltierte gegen die »unsoziale Bereicherung des jüngsten Berliner Gewerbes«. Zehn Pfennig sollten erlaubt sein. Drei Tage streikten die Wechselstuben, und der illegale Handel blühte wieder auf. Dann gaben sie klein bei. Vorerst.

In einem Verfahren vor dem Verwaltungsgericht wollen sie die Zuständigkeit des Preisamts bestreiten. Im übrigen sei die jetzige Gewinnspanne zu niedrig, um das hohe Risiko des Wechselgeschäftes auf eine solide Basis zu stellen.

Berlins echte Börsenmänner neiden den Geldwechslern ihre Gewinne. Auf einer Veranstaltung des wirtschaftspolitischen Ausschusses der LDP wurde gefordert, daß der Kurs in den Wechselstuben künftig von vereidigten Maklern festgesetzt werde. »Wenn wir in Berlin gegenwärtig zwei Währungen haben und vielleicht noch zu einer dritten kommen«, erklärte der Referent der Versammlung, Dr. Reiff, »dann ist eine wirtschaftliche Kurspflege nur erträglich im Rahmen einer echten Börsenveranstaltung«.

[Grafiktext]

Berliner Fieberkurve in D-Mark: Ost
u. West

Letzter Tag der
Tapetenmark

Westmächte Kein
Währungskomprom.

Schwarzmarktkurs,
da Streik
d. Wechselstuben.

Putschversuch d. SED.
Verstärkte Westhaltung
erwartet.

Währungsbesprechg. i.
Berlin. Wachsende
Aktivität
d. Westmächte

Moskauer Fehlmeldg:
Ostwährung f. Berlin.

Freigabe von Ost
Neugeldkonten

Offizielle Wechselstuben
eröffnet.

Ausgabe der neuen
Ostmark.

Nachrichten von bevorstehender
2. Ostwährungsreform.

Noten der Westmächte
an Moskau

[GrafiktextEnde]

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