Studie: Konzernbosse haben Angst vor Rezession - DER SPIEGEL
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Studie Konzernbosse haben Angst vor Rezession

Düstere Stimmung in den Chefetagen großer Konzerne: Laut einer Umfrage fürchten die Bosse erstmals seit fünf Jahren eine Rezession. Der Internationale Währungsfonds erwartet ebenfalls eine Abkühlung des weltweiten Wachstums - die Bundesregierung sieht auch für Deutschland Risiken.
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Frankfurt am Main - Zum ersten Mal seit fünf Jahren haben die Vorstandsvorsitzenden internationaler Unternehmen wieder größere Angst vor einer Rezession. Das berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" unter Berufung auf eine Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PWC) mit mehr als 1100 Vorstandsvorsitzenden. Die Sorge der Bosse bezieht sich auf große Volkswirtschaften der Erde. Insgesamt zählten die Konzernchefs einen möglichen Abschwung der Weltwirtschaft zu den Top-Drei-Bedrohungen für das weitere Wachstum ihrer Unternehmen.

Parallel schwächte sich auch die Zuversicht ab, mit der die Manager in die Zukunft sehen, schreibt die Zeitung. Allerdings seien immer noch rund 50 Prozent der Vorstände "sehr zuversichtlich" für die Umsatzsteigerungen ihrer Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten, zwei Prozentpunkte weniger als im vergangenen Jahr. Auf die Sicht von drei Jahren hingegen bestätigen mit 40 Prozent deutlich weniger Befragte ihr Urteil "sehr zuversichtlich", heißt es in dem Bericht.

Vor allem Vorstände aus den USA und Westeuropa sähen nicht mehr ganz so optimistisch in die Zukunft. Deutschland steche unter den europäischen Nationen allerdings hervor: Während sich in Europa insgesamt 62 Prozent der Befragten Sorgen über einen Abschwung machten, seien es hierzulande mit gut 40 Prozent deutlich weniger.

Skeptischer gibt sich mittlerweile die Bundesregierung. Sie warnt in ihrem neuen Jahreswirtschaftsbericht vor zahlreichen Risiken für den weiteren Konjunkturverlauf im Jahr 2008. Ein Grund seien die Turbulenzen an den Finanzmärkten. Negativ sieht die Regierung auch Inflationsgefahren mit negativen Auswirkungen auf Einkommen und Konsum. "Ein Risiko besteht darin, dass sich der Wachstumsschwerpunkt nicht im erwarteten Maße von der Außenwirtschaft hin zur Binnenwirtschaft und dort insbesondere zum privaten Konsum hin verschiebt", heißt es in dem Bericht, den Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) heute vorstellen will und aus dem die "Financial Times Deutschland" vorab zitiert.

"Zieht das Preisniveau über Erwarten stark an, wird das real verfügbare Einkommen und damit der private Konsum gedämpft", schreiben die Ökonomen aus dem Wirtschaftsministerium. Der Inflationsdruck könne durch hohe Tarifabschlüsse stärker werden, warnt die Regierung. Für 2008 nimmt sie eine Teuerung von 2,3 Prozent an.

Ihre Wachstumsprognose für 2008 senkt die Regierung von 2,0 auf 1,7 Prozent. Zum Vergleich: 2007 hatte die deutsche Wirtschaft noch einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von 2,5 Prozent verzeichnet.

Doch selbst die neue Einschätzung könnte aus Sicht der Regierung noch zu optimistisch sein: Neben der Inflationsgefahr sieht sie weitere, vor allem außenwirtschaftliche Risiken. "Ursachen dafür liegen in einer Ausweitung der US-Hypothekenkrise auf Banken und Investoren weltweit." Dadurch ausgelöste "Turbulenzen an den Finanzmärkten könnten sich in einer stärkeren Abschwächung der Weltkonjunktur niederschlagen", schreibt die "FTD" unter Berufung auf den Bericht. Die Prognose wurde noch vor den Kursstürzen an den Börsen am Montag und Dienstag abgeschlossen.

Immerhin geht die Regierung von einem Zuwachs des privaten Konsums um 1,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr aus, nachdem die Haushalte 2007 noch 0,3 Prozent weniger ausgegeben hatten. Beim Ölpreis erwartet die Regierung im Jahresdurchschnitt einen Wert von rund 95 Dollar pro Barrel, den Euro-Kurs sieht sie bei 1,45 Dollar. Beim Leitzins der Europäischen Zentralbank werden unverändert 4,0 Prozent angenommen.

Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten mit deutlichen Folgen für die Weltkonjunktur. "Eine erhebliche Drosselung des globalen Wachstums für 2008 scheint bereits unvermeidlich, während die Abwärtsrisiken weiter vorherrschen", sagte IWF-Sprecher Masood Ahmed in Washington. Die Schwächung vieler Aktienmärkte in den vergangenen Tagen habe noch einmal die Belastung unterstrichen, die die gegenwärtigen Verwerfungen an den Finanzmärkten für die weltweiten Wachstumsaussichten darstellen.

Abschreibungen ausgewählter Banken in US-Dollar *

Citigroup 24,6 Mrd.
Merrill Lynch 23,6 Mrd.
UBS 14,4 Mrd.
Morgan Stanley 9,4 Mrd.
Bank of America 5,3 Mrd.
Credit Suisse 4,7 Mrd.
HSBC 3,4 Mrd. **
Deutsche Bank 3,2 Mrd. **
JP Morgan Chase 2,9 Mrd.
Barclays 2,7 Mrd. **
Bear Stearns 2,7 Mrd.
Wachovia 1,7 Mrd.
Dresdner Bank 840 Mio. **
Commerzbank 425 Mio.
Hypo Real Estate 584 Mio.
Postbank 89 Mio. **
* 3. und 4. Quartal 2007
** nur 3. Quartal

Optimistischer gibt sich dagegen Bundesbank-Präsident Axel Weber. Er sieht das Wirtschaftswachstum in Deutschland durch die jüngsten Börsen-Turbulenzen nicht gefährdet. "Man sollte solche täglichen Bewegungen an Aktienmärkten nicht überdramatisieren", sagte Weber. Für dieses Jahr erwarte die Bundesbank ein Wachstum von 1,6 Prozent. Damit liege Deutschland im Rahmen seiner mittel- und langfristigen Wachstumsmöglichkeiten. Deswegen halte er "jegliche Diskussion um Rezessions- oder Stagnationsszenarien" für falsch.

Diese Meinung teilt auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. In der "Passauer Neuen Presse" erklärte er, "die Börsen sind immer noch auf einem Niveau, das wir zu Beginn des Jahres 2007 hatten". In der Zwischenzeit seien aber negative Faktoren wie die US-Immobilienkrise, die Aufwertung des Euro und ein hoher Ölpreis hinzugekommen. So gesehen sei das jetzige Kursniveau nicht unrealistisch, sagte Bofinger, der an der Universität Würzburg lehrt. "Es besteht kein Grund zur Panik." Mit einer Rezession rechne er in keinem Fall. "Mein Eindruck ist, dass der private Konsum vom Auf und Ab an den Börsen kaum beeinflusst wird."

Nach den weltweiten Kursstürzen am Montag hatte die US-Notenbank Fed gestern drastisch die Zinsen gesenkt. Daraufhin erholten sich die Märkte. Trotzdem halten nicht alle Ökonomen die Maßnahme der Notenbank für richtig. Der deutsche Wirtschaftsweise Wolfgang Franz äußerte Zweifel über die Wirksamkeit der Zinssenkung. "Die Möglichkeiten, mit Hilfe einer expansiven Geldpolitik die Konjunktur anzukurbeln, sind sehr begrenzt", sagte Franz der "Berliner Zeitung".

In erster Linie gehe es der Fed wohl darum, die Auswirkungen der Finanzmarktturbulenzen auf die Bankenliquidität einzudämmen. Das Problem bestehe aber darin, dass die Banken in den USA in der Zukunft noch risikofreudiger, wenn nicht sogar - wie bei den Subprime-Krediten - leichtsinnig würden, wenn sie den Eindruck gewönnen, dass ihnen die Fed stets hilft.

Immerhin: Die Bundesregierung versucht nun, Ruhe in die Märkte zu bringen. So will Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) Mitte Februar eine Regierungserklärung zur Finanzkrise halten. Das kündigte er bei einer SPD-Fraktionssitzung an, wie die "Neue Presse" unter Berufung auf Teilnehmerkreise berichtet. Es gehe darum, die Menschen zu beruhigen, wurde Steinbrück zitiert. Er warnte vor "Hysterie". Die ökonomischen Basisdaten seien weiterhin gut. Nach dem G7-Finanzministertreffen in Tokio am 9. Februar werde er über weitere Informationen verfügen.

SPD-Fraktionsvize Ludwig Stiegler forderte, sich für den Fall einer wirtschaftlichen Eintrübung zu wappnen: "Jetzt gibt es keinen dringenden Handlungsbedarf. Aber wir müssen wachsam sein und in aller Stille Optionen prüfen und vorbereiten", sagte Stiegler. Später könne man dann notfalls kurzfristig steuer- oder haushaltspolitisch reagieren, um mit öffentlich geförderter Nachfrage etwas zu bewirken - etwa über das Gebäudesanierungsprogramm. Derzeit sei das nicht notwendig, aber die Koalition müsse für alle Fälle vorbereitet sein.

wal/AP/AFP/dpa/ddp