Studie zu Ackermanns Image Peanuts für die Deutsche Bank
Im beruflichen Leben eines Insolvenzverwalters wie Dirk Obermüller gibt es eher selten Grund zu Heiterkeit. Der Bonner Jurist hat mit Mittelstands-Desastern zu tun, deren Firmennamen kaum jemand kennt - wie die Metzgerei Koch GmbH aus Birnbach oder die Bedachung Krämer Gesellschaft mit beschränkter Haftung aus Siegburg.
In wirtschaftlich tristen Zeiten sind Pleiten ein gutes Geschäft für Rechtsanwälte wie Obermüller - wenn auch wirklich kein lustiges. In Aktenordnern und Bilanzen sind Schicksale vergraben und gescheiterte Lebensentwürfe. Aber dann kam dieser Tag, als er in den Unterlagen eines seiner Fälle eine Rechnung über mehr als 800.000 Euro entdeckte. Schon die Summe machte ihn neugierig, noch mehr aber der vermeintlich säumige Zahler: die Deutsche Bank.
Und je weiter er sich in Akten und E-Mails grub, umso sicherer wurde er, auf einen "dicken Brocken" gestoßen zu sein, eine spannende Posse "von Kabale und Liebe. Da musste ich schon lachen", sagt Obermüller. "Das hat man nicht jeden Tag."
Es war, als würden sich vor seinen Augen plötzlich nicht nur Aktendeckel öffnen, sondern sonst sorgsam verschlossene Samtvorhänge, die nun den Blick freigaben auf das Innenleben von Deutschlands größter Bank bis hinauf in deren Vorstandsspitze.
Da geht es um Alleingänge umtriebiger Manager und die Image-Sorgen der Frankfurter Finanzgrößen. Es geht um eine strittige Rechnung, mit der sich bald ein Gericht beschäftigen dürfte, und um die Frage, wer da wen benutzte. Auch die Bank sieht sich mittlerweile als Opfer.
Die Geschichte, wie Obermüller sie zusammengetragen hat, beginnt im Herbst vergangenen Jahres damit, dass der Deutsche-Bank-Vorstand Hermann-Josef Lamberti Kontakt zu dem Bonner Medienunternehmer Roland Schatz aufnimmt.
Lamberti trägt im innersten Führungskreis der Konzernspitze den Titel Chief Operating Officer. Schatz gehört zu jenem Zeitpunkt die Bonner Firma Medien Tenor, die Inhaltsanalysen von Presse und Fernsehen anbietet und sich mit Dependancen in London, Ostrava, Pretoria und New York ebenso schmückte wie mit Auftraggebern bis in die US-Regierung.
Am 12. Oktober treffen sich die beiden prominenten Manager am Frankfurter Flughafen. Lamberti will wissen, wie Medien Tenor so arbeitet. Schatz möchte hören, was es zu untersuchen gilt. Offenbar sorgt sich der Deutschbanker vor allem um den Ruf seines Konzerns und seines Vorstandssprechers Josef Ackermann. Jurist Obermüller jedenfalls glaubt, dass vor allem untersucht werden sollte, inwieweit das damals miserable öffentliche Ackermann-Bild auch auf den Konzern abfärbt. Zumindest weiß er, vor welcher Kulisse sich das herbstliche Flughafen-Tête-à-tête abspielte.
Zu jener Zeit nämlich tobte innerhalb der Bank ein Krach um die künftige Strategie. Intern und extern wuchs die Kritik an Person und Positionierung. Der seit Mitte 2002 amtierende Ackermann vernachlässige seinen Heimatmarkt, hieß es. Er spiele seinen geldgierigen angloamerikanischen Investmentbankern in die Hände. Er drohe, das Unternehmen nach London zu verlagern oder gar ausländischen Konkurrenten zum Fraß vorzuwerfen. Ackermann war obendrein durch seine Anklage im Düsseldorfer Mannesmann-Prozess lädiert, wo er regelmäßig erscheinen musste - dumme Fotos von Victory-Handzeichen und Siegergrinsen inklusive.
Für einen Medienforscher gab es eine Menge zu untersuchen. Und es sollte schnell gehen. Schatz klärte die letzten Details via E-Mail - mal mit Lambertis Sekretärin, mal mit dem Top-Manager selbst.
Am Freitag, 29. Oktober, zum Beispiel schickte Lamberti ihm um 18.13 Uhr knappe Direktiven zum Umfang: "Herr Schatz, es geht um den Zeitraum seit 1. Jan. 2003. Lassen Sie uns in der nächsten Woche telefonieren, Gruß HJL."
Um 18.26 Uhr fragte Schatz via E-Mail nach, ob er nur den deutschen Markt analysieren solle oder auch den globalen. Und wollte Lamberti lediglich eine Analyse des eigenen Konzerns oder auch einen Vergleich mit deutschen Konkurrenten? Die Replik aus dem Vorstandssekretariat kam am 2. November: "Herrn Lambertis Antwort lautet: 'D + Benchmark'."
Danach machte sich der Forscher-Trupp von Medien Tenor ans Werk. So etwas ist in der Regel nicht billig. Das Training der Analysten, die Programmierung, der Aufbau eines sogenannten Codebuchs - all das kostet Geld. Mitunter viel Geld.
Die erste Rechnungs-Tranche - Kunden-Nummer 30.401 und an Lamberti persönlich adressiert, beläuft sich auf insgesamt 406.696 Euro, trägt das Datum vom 2. November und sollte bis 12. November überwiesen werden. Das Geld ging bei Medien Tenor aber nie ein. Weil es gar keinen Auftrag gab und auch keine Rechnung ankam, sagt die Bank heute.
Immerhin reiste Schatz am 20. Dezember nach Frankfurt, um dort seine "Media content analysis - Deutsche Bank in opinion-leading media" zu präsentieren. Neben Lamberti stießen auch Kollegen von ihm dazu.
Das Schatz-Kästchen der Ergebnisse kann sie nicht sonderlich glücklich gemacht haben. Das nie veröffentlichte Medien-Tenor-Papier fiel bitter aus, auch wenn sich große Teile mit eher allgemeinem Geschwurbel über Krisenmanagement und anderweitigen PR-Flops befassten:
- Unter den Top-Managern innerhalb der Deutschen Bank wird am meisten über Ackermann berichtet. Eindeutig negative und positive Meldungen halten sich dabei die Waage.
- Im Spiegel der Medien hat die Bank noch im August 2004 das mit Abstand schlechteste Image unter den 30 im deutschen Aktienindex Dax notierten Konzernen, auch wenn sich das Bild im September vorsichtig aufzuhellen begann.
- Unter den 30 Dax-Vorstandschefs nimmt Ackermann mal den letzten Platz ein, mal den drittletzten.
- Von Januar 2002 bis August 2004 wurde in deutschen Medien nur über Mannesmann und DaimlerChrysler noch mehr berichtet. Und nur diese beiden sowie die Deutsche Telekom kamen in absoluten Zahlen noch häufiger schlecht weg als die Finanzmanager vom Main.
Besonders wild tobte das Gewitter der Berichterstattung im Mai und Juni vergangenen Jahres, als die Deutsche Bank eine Zeit lang im Gespräch war, bei der Postbank einzusteigen. Damals seien die konkurrierenden Images der Frankfurter als Investmentbank einerseits und als Kundenbank andererseits "miteinander in Konflikt" geraten.
Dabei, so das Fazit der 62-seitigen Powerpoint-Präsentation für das Frankfurter Führungskränzchen, könne Kommunikation doch genauso akkurat geplant werden wie Kundenbeziehungen. Man müsse nur die richtigen Botschaften zum richtigen Zeitpunkt über die richtigen Kanäle zu den unterschiedlichsten Zielgruppen transportieren.
Seit Anfang des Jahres ist durchaus zu besichtigen, dass das Geldhaus eine andere, erfolgreichere Kommunikationsstrategie eingeschlagen hat. Neuerdings gefällt sich das Unternehmen als patriotischer Gralshüter des deutschen Finanzgewerbes. Gern wird ein Loblied auf den Standort gesungen. Und Vorstandssprecher Ackermann gibt regelmäßig Interviews, selbst im Fernsehen, wo er zuletzt in Maybrit Illners ZDF-Talkshow "Berlin Mitte" seinen Schweizer Charme spielen ließ. Andererseits unterlaufen ihm nach wie vor gelegentliche PR-Katastrophen.
Auf seiner Jahrespressekonferenz kündigte er am 3. Februar einen Nettogewinn von 2,5 Milliarden Euro an sowie sein Ziel, die Eigenkapitalrendite auf 25 Prozent wuchten zu wollen - zugleich müssten aber weltweit 6400 Arbeitsplätze abgebaut werden. Einen Tag vorher hatte die Bundesrepublik zum ersten Mal offiziell die magische Marke von fünf Millionen Arbeitslosen gerissen. Bei solchen Verquickungen von Renditehunger und Jobabbau reagieren nicht nur Stammtische empfindlich.
Das Frankfurter Management habe "die Bodenhaftung verloren", urteilte die "Neue Zürcher Zeitung am Sonntag" danach, und stehe nun "am Pranger" ("Frankfurter Allgemeine"). Selbst die "Welt" bilanzierte, Ackermann sei zum "Sinnbild des arroganten, gewissenlosen Unternehmers" geworden.
Vielleicht hätten die einmal mehr um ihren Ruf kämpfenden Bankiers doch noch weitere Analysehilfen benötigt. Doch die waren von Medien Tenor schon kurz darauf nicht mehr zu erwarten.
Zwar traf sich Schatz Anfang des Jahres erneut mit Kommunikations-Profis der Bank. Zwar weist eine Rechnung darauf hin, dass die zweite Hälfte über weitere 406.696 Euro bis 12. Januar hätte überwiesen werden sollen. Aber Anfang März rutschte das Analyseunternehmen selbst in das Chaos einer Insolvenz.
Wenn man Schatz glaubt, dann hat seine eigene Pleite nicht nur, aber auch damit zu tun, dass große Kunden ihre Rechnungen in den vergangenen Jahren immer zögerlicher oder gar nicht beglichen. Zu seinem vermeintlichen Deutsche-Bank-Deal will er sich nicht äußern, "aber auch und gerade die Großen zahlten zusehends unpünktlicher".
Unbezahlte Aufträge und Ärger mit Analyseexperten, Methodenstreitigkeiten, Prozesse und eine wilde Expansionszeit der gerade zehn Jahre alt gewordenen Firma - es kam viel zusammen für Schatz, der sein Geschäft seither unter dem leicht abgewandelten Namen Media Tenor in Bonn weiterführt.
Und die Deutsche Bank? Bestätigt zwar das Frankfurter Treffen und die Präsentation am 20. Dezember, aber von einer großangelegten Analyse könne gar keine Rede sein. Einen offiziellen Auftrag habe es nie gegeben. Im Gegenteil: Man habe Medien Tenor frühzeitig mitgeteilt, dass man auf eine Zusammenarbeit keinen Wert lege. Offene Rechnungen seien nicht bekannt, würden zurückgewiesen und nicht bezahlt. Und wieso seien nicht mal Mahnungen gekommen?
Grob gesagt: Aus Medien-Tenor-Sicht hat ein Deutsche-Bank-Vorstand das miese Image seines Chefs und Unternehmens analysieren lassen, Angst vor der eigenen Courage bekommen und drückt sich seither vor der Bezahlung. Tatsächlich existieren ja E-Mails und Präsentation.
Aus Sicht der Bank ist das alles eher der Versuch eines Unternehmens, in den Wirren der eigenen Insolvenz bizarre Rechnungen einzutreiben, die jeder Grundlage entbehrten. Tatsächlich hätte Medien Tenor ja nie einen Auftrag, geschweige denn einen schriftlichen Vertrag mit den Frankfurtern gehabt.
Der Krach könnte für beide Seiten noch zum Problem werden - für die Bank nur ein finanzielles, für Schatz ein existentielles, wenn ihm Fehler nachgewiesen werden sollten.
Der komplette Fall liegt nun bei dem Bonner Insolvenzverwalter Obermüller. Auf dessen erste Aufforderung, den Gesamtbetrag von 813.392 Euro zu zahlen, erklärte der Konzern schon im April, dass ihm offene Rechnungen "nicht vorliegen". Vergangene Woche schickte Obermüllers Kanzlei eine Zahlungsaufforderung nach Frankfurt, um die Angelegenheit noch außergerichtlich zu klären.
An der Stichhaltigkeit der Rechnung bestand für ihn vergangene Woche kein Zweifel. Die Aktenlage sei klar, eine Leistung erbracht worden, ein schriftlicher Vertrag im Medienforschungsgewerbe offenbar nicht üblich. Der Bank setzte er eine Frist bis 19. Juli. Er will das Geld notfalls einklagen, wenn die Frankfurter nicht zahlen, die ihrerseits inzwischen die eigenen Juristen eingeschaltet haben.
Insolvenzverwalter Obermüller schmunzelt da wieder. 800.000 Euro? Das seien für die Frankfurter doch nur "Peanuts".