Stummer Sprecher - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 43 / 143

DRESDNER BANK Stummer Sprecher

Die Dresdner Bank kommt nicht zur Ruhe: Noch-Vorstandssprecher Jürgen Sarrazin wird zum sofortigen Rücktritt gedrängt.
Von Thomas Jungbluth und Gabor Steingart
• aus DER SPIEGEL 42/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jürgen Sarrazin kann durchaus gesprächig sein. Über hohe Steuern und mangelnde Eigeninitiative zum Beispiel klagt der Vorstandssprecher der Dresdner Bank auch öffentlich gern.

In der Oktoberausgabe der Zeitschrift FINANZSPEKTRUM, dem bankeigenen Magazin »für private Kunden«, wünscht er sich von den Deutschen »mehr Selbstverantwortung« und »mehr Eigeninitiative« und plädiert für eine Senkung des Spitzensteuersatzes.

Wenn es um seine eigene Person geht, gibt sich Sarrazin verschlossener. Zu den Ermittlungen der Steuerfahndung gegen ihn und andere Spitzenmanager hat er bisher kaum Stellung bezogen. Dem ZDF verriet er lediglich, er glaube nicht, daß seine Top-Leute etwas falsch gemacht hätten.

Dabei ist die Bank, mit 45 000 Mitarbeitern das zweitgrößte Geldinstitut des Landes, verunsichert wie noch nie. Schon die überraschende Ankündigung, Sarrazin werde im Mai in den Aufsichtsrat wechseln, hat kaum jemand verstanden.

Dann trat vor vier Wochen auch noch der Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Röller zurück, weil ihm die Steuerfahndung im Nacken sitzt. In der vergangenen Woche erklärte nach tagelangem Drängen von Vorständen schließlich Vorstandsmitglied Hans Adenauer, der nach einer Selbstanzeige dem Finanzamt 400 000 Mark nachzahlen muß, seinen frühzeitigen Abgang.

Weitere Rücktritte sind nicht auszuschließen: Gegen insgesamt vier Vorstände wird derzeit wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung ermittelt.

Gefragt sei jetzt eine »offensive Öffentlichkeitsarbeit«, mahnt die BÖRSENZEITUNG. Die Bank, so das in der Finanzwelt angesehene Blatt, müsse »die Schockerlebnisse schnell überwinden, sollen daraus nicht dubiose Risiken erwachsen«.

So sehen es auch Sarrazins Vorstandskollegen, die formal ihrem Sprecher gleichgestellt sind. Doch auch sie konnten ihn bisher nicht zu einer detaillierten Erklärung bewegen. »Der hält das Schweigen für Stil«, erklärt einer. Für die Bank allerdings sei das »eine Katastrophe«. Ein anderer fügt voller Zorn hinzu: »Die Aufgabe des Sprechers ist es, zu sprechen.«

Doch Sarrazin, verbittert über den gescheiterten Versuch, nach dem Röller-Abtritt doch noch Aufsichtsratschef zu werden, will sich offenbar von niemandem drängen lassen. So blieb es den einzelnen Vorständen überlassen, sich zu erklären - gegenüber nervösen Mitarbeitern und aufgebrachten Kunden.

Die Führungsspitze will sich nicht pauschal als Verein von Steuersündern kriminalisieren lassen. Doch im Vier-Augen-Gespräch, so müssen die Top-Banker feststellen, läßt sich ein Unternehmen dieser Größe nicht beruhigen. Die Sprachlosigkeit der Bank sorgt in Frankfurt für immer neue Gerüchte und Verdächtigungen.

Der Vorstandssprecher möchte vor allem jeden Anschein von Hektik vermeiden. Alles soll nach Normalität aussehen. Erst zur Hauptversammlung im kommenden Mai plant Sarrazin, der mittlerweile auch auf einen Sitz als einfaches Mitglied im Aufsichtsrat verzichtet hat, seinen Abschied.

Die Zeit bis dahin scheint vielen Vorständen und Kontrolleuren unerträglich lang. Hinter verschlossenen Türen wird der Sprecher, der nicht sprechen will, dezent zum sofortigen Rücktritt ermuntert. Viele Vorstände hoffen, daß der Aufsichtsrat dem Drama schnell ein Ende macht.

Erste Absprachen sind bereits getroffen worden. Die von der Arbeitnehmerseite entsandten Kontrolleure wollen auf der Aufsichtsratssitzung am 25. November die Frage diskutieren lassen, ob ein sofortiger Sprecherwechsel nicht besser für die Bank wäre.

Seit seinem freiwilligen Verzicht auf einen Aufsichtsratsposten ist Sarrazin innerhalb der Bank kein Machtfaktor mehr. Als Sprecher auf Abruf, so sehen es offenbar auch Vertreter der Kapitalseite, kann er dem Geldinstitut kaum mehr nutzen.

Die Vorstandskollegen hoffen darauf, daß Sarrazin von selbst ein Einsehen hat und zumindest das Sprecheramt vorzeitig an Bernhard Walter übergibt. Auch ein sofortiger Abgang Sarrazins aus dem Vorstand wäre so manchem recht: »Die Idee muß ihm selber kommen, das kann man ihm nicht vorschlagen«, sagt ein Vorstandsmitglied.

Der bereits neugewählte Sprecher Walter taktiert vorsichtig. Er möchte jetzt keinen Fehler machen, denn er hat ein gravierendes Handicap: Walter kann sich der Loyalität seiner Vorstandskollegen nicht ganz sicher sein.

Nicht wenige halten seine Ernennung für eine Fehlentscheidung. Walter ist im Vorstand zuständig für das Firmenkundengeschäft und den Aufbau in Osteuropa. Vom modernen Investmentbanking verstehe er nicht viel, werfen ihm seine Kritiker vor.

Zwar erfolgte seine Berufung zum Sprecher einstimmig, wie im Statut der Bank vorgesehen. Der Vorstand, so wollen es Satzung und Geschäftsordnung, arbeitet nach dem »Kollegialitätsprinzip«, für seine Beschlußfassung gilt die Einstimmigkeit. Auch der Sprecher der Bank ist kein Vorstandsvorsitzender, sondern nur Primus inter pares.

Doch die Idee, Walter zu nominieren, ist nicht im Kreise der Vorstandskollegen entstanden, berichten zwei Mitglieder des Führungsgremiums. Erst der damalige Aufsichtsratschef Röller habe Walter ins Spiel gebracht.

Viel zu diskutieren gab es offenbar nicht mehr. Dem obersten Führungszirkel der Bank wurde sogar bedeutet, daß die Verweigerung von Walters Ernennung negative Folgen für die eigene Karriere haben könne. Denn fünf Vorstandsverträge stünden in Kürze zur Verlängerung an.

Röller kennt den Unmut über das Prozedere der Walter-Wahl. In Vier-Augen-Gesprächen nahm er die Kritik mit den Worten »Ich respektiere das, was Sie sagen« entgegen. Doch die Entscheidung war gefallen.

Sarrazin machte am Donnerstag abend der vergangenen Woche den Versuch zu retten, was zu retten ist. Alle Vorstände und auch die Führungskräfte der zweiten Ebene, insgesamt rund 50 Personen, mußten sich zur Aussprache in Frankfurt einfinden.

Von 18 Uhr bis kurz nach 20 Uhr tagte die Runde beim kalten Büffet im 31. Stock der Zentrale. Sarrazin räumte ein, daß der Rücktritt von Adenauer zu spät erfolgt sei und das Image der Bank gelitten habe. Er schwor die Runde auf Verschwiegenheit gegenüber den Medien ein.

Jede Führungskraft solle sich fragen, ob die eigenen Steuererklärungen wahrheitsgemäß abgefaßt seien. In der kommenden Woche würden sie aufgefordert, in einer Art Ehrenerklärung Stellung zu nehmen.

Ansonsten gelte es, sich der Zukunft zuzuwenden. Sarrazins Appell an die verunsicherte Top-Truppe: Alle sollten sich nun »verstärkt ums Geschäft kümmern«.

Zur Ausgabe
Artikel 43 / 143

Mehr lesen über