MANAGERGEHÄLTER Süßes Gift
Im März oder April gibt es für die Chefs großer deutscher Konzerne, für Jürgen Schrempp, Josef Ackermann und andere, stets einen unangenehmen Termin: die Hauptversammlung ihrer Unternehmen. Dann müssen sich die Bosse von DaimlerChrysler, Deutscher Bank und den übrigen börsennotierten Unternehmen ihren Aktionären stellen, die sie nach Herzenslust kritisieren und beschimpfen können. Dieses Jahr dürften die Veranstaltungen besonders unangenehm werden.
Infineon-Chef Ulrich Schumacher, dessen Hauptversammlung bereits im Januar stattfand, bekam den verschärften Ton schon zu hören. Der Ärger seiner Aktionäre zielte auf jenes Aktienoptionsprogramm, mit dem die Bezahlung von Schumacher und seiner Führungsriege aufgebessert werden soll. »Grob instinktlos«,
schimpfte die Vertreterin der Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz und witterte »den Geruch der Selbstbedienung«.
Große Fonds machen in diesem Jahr wegen desselben Themas mobil, denn die meisten der 30 in der Börsen-Bundesliga des Dax rangierenden Unternehmen gönnen ihren Spitzenleuten ähnliche Programme. Damit können die Manager zu einem vorher festgelegten Preis Aktien des eigenen Konzerns erwerben. Steigt der Kurs über diesen Ausgabepreis, bleibt ihnen die Differenz als Zusatzgewinn.
Mit Aktienoptionen sollte das Management belohnt werden, wenn es den Anlegern eine besondere Wertsteigerung verschafft hat. Doch viele Programme bescheren ihren Profiteuren schon dann Geld, wenn der Kurs um schlappe zwei Prozent steigt.
Solche Optionen seien deshalb kein Leistungsreiz, sagt der Hamburger Wirtschaftsprofessor Michael Adams, sondern ein »Instrument der Unternehmensausplünderung«.
Im Mutterland des Shareholder-Value-Kapitalismus, den USA, hat die Kritik bereits erste Konsequenzen. Microsoft beschloss, künftig keine Optionen mehr auszugeben. Das wirkte auf manche, als ob »der Papst sich von der Religion lossagt« ("Newsweek"). Die Optionen galten in den USA lange als das Feuer unter dem Dampfkessel der New Economy. Sie vermittelten schlecht bezahlten Angestellten in den meist noch kleinen Firmen die Hoffnung auf das große Geld. Und während des Börsenbooms in den neunziger Jahren ging der Traum für viele auf. Mehrere tausend Microsoft-Beschäftigte wurden zu Millionären.
Aber auch die Old Economy nutzte das Instrument. Top-Manager vieler Konzerne erzielten so Einkünfte von 200 oder 300 Millionen Dollar - im Jahr.
Die Aktienoptionen wurden Symbol und Grundlage mitunter grenzenloser Gier. Bei den Bilanzskandalen von Enron, WorldCom oder Tyco zeigte sich, dass viele Manager dem Lockruf des großen Geldes nicht widerstehen konnten und notfalls die eigenen Bilanzen manipulierten, um an die Millionen zu kommen. Selbst bei Konzernen, die ordentlich rechneten, wirkten die Optionen wie süßes Gift: Die wahre Wirkung spürt man lange nicht, dann aber umso verheerender.
Nach den US-Bilanzierungsregeln mussten Unternehmen die Kosten der Aktienoptionen bislang nicht in ihren Bilanzen berücksichtigen. Die Schweizer Großbank UBS errechnete jüngst, welche Folgen Transparenz hätte: Der Gewinn von Microsoft würde um 24 Prozent sinken, der von Dell um 33, der von Cisco sogar um mehr als die Hälfte.
Genau dies droht den Konzernen jetzt, denn in den USA werden die Bilanzierungsregeln entsprechend geändert. Und das ist wohl der Hauptgrund dafür, dass nicht nur Microsoft sich von dem Entlohnungsprinzip verabschiedet.
Andere US-Konzerne entwickeln bereits Ausstiegsszenarien. Und auch in Deutschland geraten die Konzernchefs unter Zugzwang. Eingeführt wurden die Bezahlungsvarianten zuerst von DaimlerChrysler und der Deutschen Bank. Mittlerweile zogen mehr als 80 Prozent der Dax-Unternehmen nach. Und je länger die Programme laufen, umso deutlicher werden die Missstände.
Der Chiphersteller Infineon machte in den vergangenen Jahren Milliarden-Verluste. Dennoch kassierten Vorstandschef Schumacher und seine vier Kollegen insgesamt 1,04 Millionen Optionsscheine. Sie müssen nur eine Minimalleistung erbringen, um die Optionen - nach einer zweijährigen Sperrfrist - teilweise in bares Geld zu verwandeln. Der Kurs der Aktie muss jährlich bescheidene 0,7 Prozent zulegen.
Das Motto: Man muss die Latte nur tief genug hängen, dann nimmt sie auch der Letzte mit Bravour. Denn die Optionen belohnen auch schlechte oder mittelmäßige Management-Leistungen mit Millionen-Zahlungen. Und dies ist laut einer Studie der Fondsgesellschaft Union-Investment hier zu Lande eher die Regel als die Ausnahme.
Selbst prominenteste Dax-Unternehmen wie DaimlerChrysler, VW oder Siemens unterwerfen ihre Vorstände nur äußerst laschen Erfolgskriterien. Vor allem DaimlerChrysler, in der Studie auf dem letzten Platz, muss sich heftige Kritik gefallen lassen. Die Hürden für das Management, sagt Thomas Meier, Fondsmanager bei Union-Investment, seien »unangemessen tief«.
Tatsächlich genügt eine Verzinsung auf Sparbuchniveau, damit die Vorstände des Automobilriesen ihre Optionen einlösen können. Über einen Zeitraum von zehn Jahren muss die Aktie lediglich eine jährliche Kurssteigerung von nicht einmal zwei Prozent erzielen. Zudem fehlt jeder Vergleichsmaßstab. Die DaimlerChrysler-Aktie muss sich nicht besser entwickeln als der Dax oder die Wertpapiere der Branchenkonkurrenten.
Dafür ist das Ausmaß des Programms gigantisch. Wenn die Top-Manager alle ihre Optionen einlösen, gehören ihnen knapp zehn Prozent des gesamten Konzerns.
Wie viel deutsche Bosse durch Optionen zusätzlich kassieren können, ist nur in wenigen Fällen nachzuvollziehen. Die meisten haben sie noch nicht eingelöst.
Einer der wenigen, die schon Kasse machten, ist Puma-Chef Jochen Zeitz. Am 1. September 2003 tauschte er seine Optionen gegen 66 707 Puma-Aktien zum Stückpreis von 24,61 Euro ein. Noch am selben Tag verkaufte er das Paket zum aktuellen Kurs von 101,58 Euro pro Aktie. Gewinn: 5,1 Millionen Euro.
Dem Puma-Chef missgönnt kaum ein Aktionär das Geld, denn er hat für einen rekordverdächtigen Kursanstieg der Aktie gesorgt.
Andere Manager aber haben eine Möglichkeit gefunden, um sogar bei sinkenden Kursen Geld einstreichen zu können. Sie lassen sich im Nachhinein einfach die Bedingungen ihres Optionsplans von der Hauptversammlung abändern. Entweder wird die Laufzeit verlängert, dann erhöht sich die Chance, dass die Aktie irgendwann doch die Hürde nimmt. Oder der Bezugspreis wird gesenkt.
Für Professor Adams sind solche Praktiken nichts anderes als ein »unmittelbarer Griff in das Vermögen der Aktionäre«. Im Fachjargon wird es als »Repricing« bezeichnet. Das klingt freundlicher.
Diesen Trick nutzte auch die Deutsche Bank. Sie hatte seit Jahren mehrere Millionen Optionen verteilt, vor allem an die Investmentbanker. Wegen der schlechten Kursentwicklung waren die meisten nichts wert. Viele Investmentbanker drohten, die Bank zu verlassen. Der Vorstand beschloss im Herbst 2001, den Zuteilungskurs für 10,3 Millionen Optionen von 98 auf 67 Euro zu senken.
Damit stieg die Chance, dass die Aktie bis zum Ablauf der Zuteilungsfrist im Jahr 2007 doch noch richtig Geld wert sein wird. Das Geschenk des Vorstands an die Besitzer der Optionen lag zu damaligen Preisen, so eine Studie der Investmentbank Merrill Lynch, bei 30 Millionen Euro.
Bescheiden sind bei der Deutschen Bank nur die Zielvorgaben, die erreicht werden müssen. Bei 15 Millionen so genannten Performance-Optionen, die Mitarbeiter im Februar 2003 für das Jahr 2002 erhielten, reicht ein Kursplus von 20 Prozent in sechs Jahren, 3,1 Prozent pro Jahr.
Schon im Laufe dieses Jahres könnte es zum großen Zahltag bei der Deutschen Bank kommen. Bank-Chef Ackermann kann im Februar 2005 seine eigenen 57 421 Optionen plus davon abhängig fixierte Bonuszahlungen einlösen, die er allein für seine Dienste im Jahr 2002 bekommen hat. Voraussetzung: Der Kurs liegt über 47,53 Euro. Bei dem aktuellen Wert von 67 Euro entspräche das für Ackermann einem Zusatzeinkommen von 1,1 Millionen Euro.
Trotzdem sind die Optionspläne bei der Deutschen Bank ein Auslaufmodell. »Wir werden kaum mehr Optionen ausgeben«, sagt Finanzvorstand Clemens Börsig an.
Die Modelle seien bei den Unternehmen sehr beliebt gewesen, solange sie nicht als Aufwand in der Gewinn- und Verlustrechnung auftauchten. Das soll sich nun auch hier zu Lande ändern, weil viele deutsche Konzerne nach US-Regeln bilanzieren. Und dadurch werden die wahren Kosten sichtbar. Bei der Deutschen Bank schlägt allein der Aufwand für die Aktienoptionen des Jahres 2002, so Börsig, mit 200 Millionen Euro zu Buche.
Der Verzicht bedeutet nicht, dass in den Führungsetagen der Bank nun neue Bescheidenheit Einzug hält. Die Banker sollen künftig gleich mit Aktien statt Optionen belohnt werden. Das bringt für sie sogar noch einen Vorteil: Eine Aktie kann, vom Konkursfall einmal abgesehen, nie völlig wertlos werden.
Andere haben den Vorteil schon erkannt. Die HypoVereinsbank belohnt ihre Manager bereits mit Aktien. Einen Kurswechsel bereitet jetzt auch DaimlerChrysler-Chef Schrempp vor. Er will das seit 2000 laufende Programm 2004 beenden, wenn alle Optionen verteilt sind. Danach soll es keine neuen Aktienoptionen mehr geben.
Die Gründe liegen in den neuen Bilanzierungsregeln und in der wachsenden Kritik. DaimlerChrysler-Manager ärgert aber auch, dass die meisten der bisher erhaltenen Optionen wegen des stark gefallenen Börsenkurses derzeit nichts wert sind.
In den nächsten Wochen will Finanzvorstand Manfred Gentz mit Managern großer Fonds Alternativen diskutieren. Ein neues Entlohnungsmodell ohne Aktienoptionen soll bereits auf der Hauptversammlung im April präsentiert werden.
Zusätzliches Einkommen sollen die Vorstände nur erhalten, wenn die Aktie sich besser als ein Vergleichsmaßstab entwickelt und den Anlegern eine ordentliche Verzinsung des Kapitals verschafft.
Eine Frage allerdings scheint bei DaimlerChrysler niemand zu stellen: Warum müssen Vorstände mit Einkommen zwischen drei und zehn Millionen Euro noch zusätzlichen Anreiz erhalten, um den Börsenwert ihres Unternehmens zu steigern?
Die höchsten Kurssteigerungen in den vergangenen fünf Jahren erreichten in der deutschen Autoindustrie zwei Unternehmen, bei denen die Vorstände weder Aktien noch Optionen erhalten: Porsche und BMW. BEAT BALZLI, DIETMAR HAWRANEK,
CHRISTOPH PAULY
* Auf der Hauptversammlung des Konzerns am 9. April 2003 inBerlin.