STANDORT »Süßes Gift«
SPIEGEL: Die deutsche Exportwirtschaft steht zur Zeit blendend da. Zeigt das nicht, daß es um den Standort Deutschland gar nicht so schlecht bestellt sein kann?
Henkel: Es zeigt, daß auf der einen Seite die Industrie im Gegensatz zur Politik ihre Hausaufgaben gemacht hat. Es zeigt aber auch die Schwäche der Mark. Aus beiden Gründen stehen wir im internationalen Vergleich wieder etwas besser da.
SPIEGEL: Es geht also aufwärts. Waren die bisherigen Klagen der Wirtschaft über die hohen Produktionskosten in Deutschland übertrieben?
Henkel: Nein, überhaupt nicht. Man darf ja nicht vergessen, daß wir bis zum vergangenen Jahr, als die Mark anders bewertet war, kontinuierlich Marktanteile verloren haben. Wegen der aktuellen Schwäche der Mark gegenüber dem Dollar und der damit verbundenen Preisvorteile im Ausland dürfen wir nicht die Arbeit an der Kostenfront in Deutschland einstellen. Für die Mehrheit der deutschen Industrie, die ihre Produkte im Inland absetzt, hat sich noch nicht genug geändert.
SPIEGEL: Aber eine schwache Mark oder ein schwacher Euro ist grundsätzlich gar nicht so schlecht für die deutsche Wirtschaft?
Henkel: Ich will nicht verhehlen, daß viele Kollegen aus der Industrie erfreut sind über den derzeitigen Kurs der Mark. Langfristig ist das allerdings ein süßes Gift. Die Abwertung führt zu einem Anstieg der Importpreise und der Inflation. Die Inflationsrate ist zur Zeit fast doppelt so hoch wie in Frankreich. Das bedeutet höhere Kosten und höhere Forderungen der Gewerkschaften. Bisher lief das deutsche Modell immer umgekehrt. Wir hatten Disziplin in der Wirtschafts- und Finanzpolitik, wir hatten eine starke Mark. Das hat Rationalisierungsdruck ausgelöst, weswegen wir immer produktiv waren. Dieses Modell müssen wir weiter verfolgen, statt uns auf künstliche Wettbewerbsvorteile durch Abwertung zu verlassen.
SPIEGEL: Die Globalisierung der Märkte führt dazu, daß häufiger vor Ort in den Absatzmärkten produziert wird, statt von Deutschland aus zu verkaufen. Ist es da nicht ganz erstaunlich, daß die Exportwirtschaft trotzdem so gut dasteht?
Henkel: Eines stimmt: Wenn Sie in China oder Brasilien Autos absetzen wollen, dann müssen Sie die dort auch bauen. Doch solche Produktionen bedeuten normalerweise auch Zulieferungen aus unseren deutschen Stammwerken. Zwar führt die Globalisierung auch dazu, daß wir in deutsche Produkte mehr importierte Teile einbauen. Aber insgesamt spiegelt die Exportbilanz das durchaus steigende Engagement der Deutschen in Asien oder Südamerika wider.
SPIEGEL: Demnach sind die Deutschen gar nicht so schlecht im Asien-Geschäft, wie immer behauptet wird?
Henkel: Es gibt noch viel nachzuholen. Japan zum Beispiel ist inzwischen ein offenes Land. Es ist, gemessen an der Kaufkraft, der zweitgrößte Binnenmarkt der Welt, aber nur unser zehntgrößter Kunde. Hier sind wir schwach auf der Brust. Das Beispiel der chemischen Industrie oder der Automobilindustrie zeigt, daß die Deutschen in Japan durchaus erfolgreich sein können. Gerade für die Konsumgüterindustrie gibt es noch viele Chancen.
SPIEGEL: Was machen die deutschen Anbieter denn falsch?
Henkel: Offenbar gibt es noch viele alte Vorurteile über Schwierigkeiten auf dem japanischen Markt, die ausgeräumt werden müssen. Das hohe Preisniveau bietet ausgezeichnete Chancen für deutsche Produkte im oberen Preissegment. Man kann dort richtig Geld verdienen. Die Franzosen haben das schneller erkannt als wir.
SPIEGEL: Wie schnell werden die Exportzuwächse auf die Binnenkonjunktur und den Arbeitsmarkt durchschlagen?
Henkel: Die viel schneller wachsende Weltwirtschaft wird auch die deutsche Wirtschaft in Schwung bringen. Ich gehe davon aus, daß die Wachstumsraten im nächsten Jahr höher sind als 1997. Die Deutschen nutzen zweifellos ihre Exportfähigkeit und Exporterfahrung aus, und das ist gut so. Aber es genügt nicht, um die Probleme in diesem Land zu lösen, das zeigen die Arbeitslosen- und Investitionsstatistiken.
SPIEGEL: Ist es Ihnen eigentlich auch unheimlich, daß schon wieder pünktlich zum Wahljahr die Konjunktur anzieht?
Henkel: Ich bin kein Anhänger von irgendwelchen Verschwörungstheorien. Der Bundeskanzler kann viel bewegen, aber eine Konjunktur kann er allein nicht in Gang setzen.
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Exportüberschuß der deutschen Wirtschaft in Milliarden Mark
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