Sun Microsystems Flucht ins 21. Jahrhundert
Berlin/Hamburg - Scott McNealy ist genervt, weil er den Leuten schon wieder erklären muss, wie die Dinge wirklich laufen. An seinem Unternehmen gebe es nichts herumzukritteln, sagt er - dass Analysten und Berater etwas anderes behaupten, hält er für eine Verschwörung. "Finanzanalysten haben eine geheime Agenda", erläutert der Sun-Chef und bleckt die Zähne. Er höre nur auf seine Kunden. In der letzten Zeit habe er mit Hunderten von Ihnen gesprochen. "Nicht ein einziger von ihnen hat eine Lücke in unserer Strategie gefunden."
Möglicherweise liegt das daran, dass kaum noch jemand Sun Microsystems' Strategie so richtig versteht. Das Unternehmen aus Santa Clara verkauft vor allem Server. Mit diesen Arbeitstieren der Computerwelt steuern Unternehmen ihren E-Mail-Verkehr oder verwalten ihre Datenbanken. Sun ist ein integrierter Systemanbieter. Das heißt, die Firma stellt alle Komponenten selber her und baut sie zusammen, wodurch auch alles in der Regel reibungslos funktioniert. Das macht das Endprodukt natürlich teurer als 08/15-Geräte. Früher, als die Kundschaft noch Geld hatte und der Markt noch jung war, galt die alleinige Konzentration auf hochpreisige Premium-Server als Erfolgsrezept. Die Strategie hat die Kalifornier groß gemacht. Jetzt macht sie Sun zu schaffen.
Jahrelang hat McNealy ignoriert, dass die meisten Standardaufgaben inzwischen auch von Billigservern mit Intel-Chips und kostenloser Linux-Software bewältigt werden können. In der Folge ist Sun heute nicht mehr der König der Serverwelt, sondern nur noch ein Anbieter unter vielen. Das Unternehmen rangiert weltweit auf dem vierten Platz hinter Hewlett Packard , IBM und Billigheimer Dell . Letzterer setzt McNealys Unternehmen besonders schwer zu. Suns Marktanteil lag im dritten Quartal gerade noch bei zehn Prozent, Tendenz fallend - obwohl der Gesamtmarkt wieder wächst.
In den Neunzigern hängen geblieben
Wenn man zusammen mit Microsoft , Oracle und Konsorten früher einer der ganz Großen war, dann tut solch ein Absturz natürlich weh - vor allem wenn man wie McNealy ein ganz großes Ego hat. Hört der Sun-Gründer den Namen Dell, kann er seine Verachtung kaum verbergen. "Dell ist kein Wettbewerber", sagt er und zieht die Mundwinkel nach unten. "Die machen Vertrieb. Wir sind ein Systemanbieter. Safeway konkurriert nicht mit Coca-Cola." Nur wenige Stunden vorher stand McNealy auf der Bühne des Berliner Kongresszentrums und hat für Suns neue Billigserver getrommelt: "Wir sind billiger als Dell! Lassen sie es mich wiederholen: Billiger als Dell!".
In der Branche sind fast alle außer McNealy der Meinung, dass Sun bei Servern zu einem Nischenanbieter wird. Da nützt es auch nichts, dass der Konzern inzwischen neben seinen teuren Premium-Maschinen auch die in Asien von Drittfirmen zusammengestoppelte Standardware ins Sortiment genommen hat. Auch bei anderen Entwicklungen der jüngsten Zeit hat Sun geschlafen: Viel später als die Konkurrenz haben die Kalifornier gemerkt, dass so genannte Blade-Server derzeit der Renner sind. Diese extrem flachen Rechner haben in etwa das Format eines SPIEGEL-Hefts und werden Platz sparend im Dutzend übereinander in spezielle Regale gesteckt. "Sie (Sun) versuchen den Boom bei Blades auszunutzen", so Jeff Benck von IBM gegenüber der kalifornischen Zeitung "Mercury News", "aber der Zug ist abgefahren".
Keine Zeit für das Jetzt
Macht nichts, McNealy schaut ohnehin lieber nach vorne. Dem "Wall Street Journal" sagte der Eishockey-Fan: "Wir investieren, wo der Puck sich hinbewegt, nicht dort, wo er herkommt". Entsprechend lässt der CEO seine Forscher zahlreiche neue Produkte entwickeln - Chips, elektronische Barcodes, Software, Server, Workstations und noch vieles mehr .
Das kostet sehr viel Geld. Etwa ein Viertel seines Umsatzes (500 Millionen Dollar) gibt Sun jedes Quartal für Forschung und Entwicklung (F&E) aus. Ein üppiger Forschungsetat hat bei Sun Tradition - schließlich stand der Name ursprünglich für Stanford University Network. Nüchtern betrachtet kann sich Sun diesen Luxus aber kaum noch leisten: Der Umsatz ist seit dem Ende der wilden Neunziger um etwa 40 Prozent gefallen und das Unternehmen schreibt seit neun Quartalen rote Zahlen. Im McNealy-Speak klingt das weniger schlimm: "Unser operativer Cashflow war in den vergangenen neun Quartalen positiv."
Sun-Fans verweisen gerne auf die Unternehmenshistorie, die dem forschungsfixierten Sun-Chef Recht gebe. Bereits zweimal habe man McNealy in der Vergangenheit für verrückt erklärt. Einmal Ende der Achtziger, als er von Workstations auf Server umsattelte. Das zweite Mal 1995, als er viel Geld in die Entwicklung der Internet-Programmiersprache Java steckte. Beide Entscheidungen erwiesen sich im Rückblick als richtig.
Nach wie vor sehr innovativ
Tatsächlich sind viele von Suns derzeitigen Projekten für sich besehen beachtenswert. Auf großes Interesse stößt derzeit etwa Suns Java Desktop System (JDS). Der auf Linux basierende Windows-Klon kostet inklusive aller notwendigen Software - Office-Anwendungen, E-Mail, Browser - nur 100 Dollar. Microsoft kassiert das Zehnfache. Erste Tests geben JDS Bestnoten. Zudem haben Suns Programmier eine dreidimensionale Benutzeroberfläche namens Looking Glass entwickelt, die Windows ergonomisch gesehen um Längen schlägt und sogar User von sehr benutzerfreundlichen Betriebssystemen wie Apples OS X Panther neidisch machen dürfte.
"Das ist eine Offensive gegen Microsoft, die dafür sorgen soll, dass deren Margen kleiner werden", glaubt Michael Silver, Analyst beim Marktforscher Gartner. Microsoft-Hasser McNealy, der Redmond einst als "Todesstern" bezeichnet hat, bestreitet diese Interpretation. "Niemand hat je etwas gekauft, weil wir Microsoft nicht mögen." Nur: Wozu steigt Sun dann in den Desktop-Markt ein, der zu mehr als 90 Prozent von dem Gates-Unternehmen kontrolliert wird? Warum greift Sun einen Gegner an, gegen den das Unternehmen kaum gewinnen kann? Was ist der strategische Nutzen dieses Kamikazeangriffs?
Wenn es einer wissen muss, dann Suns Chief Strategy Officer Mark Tolliver. Der erklärt auf Anfrage, dass JDS Suns Namen in der Öffentlichkeit bekannter machen soll. Außerdem wolle man über die Desktop-Software Folgeaufträge im Servergeschäft an Land ziehen. Tollivers Kollege Elie Simon, Präsident von Sun Europa, behauptet allerdings das Gegenteil. Gegenüber dem Fachmagazin "InfoWorld" sagte er, mit dem Einstieg in den Markt für Billig-Hard- und Software verfolge Sun nicht das Ziel, "einen Fuß in die Tür zu bekommen, um später High-End-Systeme zu verkaufen".
Hoffen auf ein Wunder
Sollte Suns Server-Geschäft nicht bald wieder Tritt fassen, wird es für McNealy allerdings schwierig werden, den Traum vom next big thing weiterzufinanzieren, das sein Unternehmen wieder zu einem der großen Spieler machen soll. Selbst wenn Sun sein großes Forschungsbudget aufrechterhalten kann, wird es sehr schwierig: Der F&E-Etat der Kalifornier entspricht nach Berechnungen von Smith-Barney-Analyst Richard Gardner nur etwa einem Fünftel dessen, was alleine Microsoft und Intel jedes Jahr für die Entwicklung neuer Produkte ausgeben. Das, schreibt der Experte in seiner jüngsten Studie, mache es für Sun "schwierig, vielleicht unmöglich, mit diesen Unternehmen Schritt zu halten". Bei Servern sei Sun technologisch bereits ins Hintertreffen geraten.
Diese Entwicklung dürfte McNealy, der sich immer als Technologie-Visionär verstanden hat, besonders schmerzen. Momentan muss er vor allem Suns Marktanteil oben halten. Doch die Rolle des gemeinen Verkäufers, der Server an den Mann zu bringen hat, liegt ihm nicht. Aber noch schlimmer als diese kleine Demütigung wäre es, nicht mehr zu den Top-Namen des Valleys zu gehören. Scott McNealy spricht sich schon mal Mut zu: "Wir sind relevant, wir sind wichtig."