Sunburst "Von Anfang an auf tönernen Füßen"
"Große Summen inspirieren mich", tönte der frisch gebackene Sunburst-Chef Benjamin Gawlik noch im März. In Interviews gab der 28-Jährige lockere Business-Weisheiten von sich: "Letztendlich ist das alles nur ein großes Spiel."
Gut einen Monat später ist aus dem großen Spiel ein weiteres Schmierentheaterstück am Neuen Markt geworden: Sunburst brauche vier bis fünf Millionen Mark, um die Liquidität zu sichern, hieß es am Dienstag. Doch nicht einmal diese Summe wollten die Banken dem Hersteller von Merchandising-Produkten (unter anderem Disney und South Park) noch anvertrauen. Daraufhin blieb Sunburst nichts anderes übrig, als am Mittwoch Insolvenzantrag zu stellen.
Der Antrag kam nicht mehr überraschend, nachdem Sunburst am 21. März bereits eine drastische Gewinnwarnung herausgegeben hatte: Statt eines operativen Gewinns (Ebit) von fünf Millionen Euro müsse man im Geschäftsjahr 2000 voraussichtlich einen Verlust von 9,8 Millionen Euro ausweisen. Die Ad-hoc-Meldung schlug ein wie eine Bombe, denn noch im Februar hatte Sunburst die ursprüngliche Gewinnprognose bestätigt. Der Aktienkurs halbierte sich binnen Stunden.
Damit nicht genug, wenige Tage später tauchte der Verdacht des Insiderhandels auf: Kurz vor der Gewinnwarnung waren verdächtig viele Aktien verkauft worden. Inzwischen haben Aktionäre den Vorstand verklagt, das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel ermittelt.
Auch Gawlik steht in der Kritik. Doch der smarte Jung-Chef will nichts von dem anstehenden Debakel gewusst haben. Stattdessen wälzt er alle Schuld auf seine Vorgänger ab: Ex-Vorstandschef Hero Alting und insbesondere Ex-Finanzvorstand Oliver Butke hätten ihn und die Öffentlichkeit unzureichend informiert. Gawlik: "Da ist eine Riesensauerei passiert."
Doch Gawlik, der seit Mai 1999 als Strategie-Vorstand die Expansion des Unternehmens betrieb, kann die Probleme kaum übersehen haben. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ist der Zustand des Unternehmens intern schon lange vor der Gewinnwarnung bekannt gewesen. "Die Firma stand von Anfang an auf tönernen Füßen", sagt ein Insider. Niemand habe gewusst, was die Zentrale in Osnabrück eigentlich getrieben habe: "Es gab kein Kerngeschäft." Den Umsatz machten die 14 Tochterunternehmen, die Sunburst in einem Kaufrausch seit 1999 akquirierte.
Unter den ersten Deals, die Gawlik einfädelte, war ein Vertrag mit EM.TV. Demnach sollte EM.TV alle seine Lizenzrechte zuerst Sunburst zur Vermarktung anbieten. Dieser Vertrag mit dem damaligen Börsenliebling Thomas Haffa wurde auch in den Börsenprospekt von Sunburst geschrieben. Das Kalkül ist klar: Der Name EM.TV allein weckte damals schon die Fantasie der Anleger. Doch im Gegenzug hat Sunburst sich bereit erklärt, zwei Lizenzen, für die Vermarktung der Figur Tabaluga und des Oktoberfestes in München, zu einem völlig überteuerten Preis zu kaufen.
Auch unter den 14 Töchtern finden sich einige Ausfälle: Die Firma CMT, die mit Tabakshops in deutschen Kinos einen Millionenverlust gemacht hat, wurde offiziell als Hauptursache für die korrigierten Zahlen genannt. Doch auch die Beteiligungen am E-Commerce-Anbieter Adori und der US-Shoppingseite Gotmerch.com sind klassische Fehlinvestitionen. Diese Verluste würden allerdings nicht in der Bilanz konsolidiert, sagt Gawlik. Dennoch würde er die Beteiligungen gerne abstoßen.
Der Vorstandschef gibt inzwischen zu, dass "die eine oder andere" Akquisition zu teuer gewesen sei. Aber, betont er gegenüber SPIEGEL ONLINE, ohne die Akquisitionen gäbe es Sunburst gar nicht mehr. Die Insolvenz hätten nicht die Töchter verschuldet, sondern die Sunburst AG. Die soll jetzt abgespeckt werden und ab nächstem Jahr nur noch als Holding ohne eigenes Geschäft fortgeführt werden. Das bisherige Kerngeschäft, das Event-Marketing, soll in eine neue Tochter ausgegliedert werden.
Über die genauen Gründe für die Insolvenz will Gawlik sich erst bei Bekanntgabe der Bilanz äußern. Die wird sich noch einmal verschieben, denn die Wirtschaftsprüfer haben ihre Arbeit erstmal eingestellt: Sie warten darauf, dass Sunburst einen Kredit bekommt, um die Rechnungen bezahlen zu können.
Selbst wenn das Unternehmen das Insolvenzverfahren einigermaßen intakt überstehen sollte, droht neuer Ärger. Denn kurz vor der Insolvenz hatte Gawlik noch einen Vertrag mit zwei Prominenten aus dem Sportbereich unterzeichnet. Sie wollten zusammen in das Bundesliga-Marketing einsteigen. Nun fehlt Sunburst das Geld, die Entwicklung des Projekts ist gestoppt. Die beiden Promis sind verärgert und könnten ihre Rechte einklagen. Gawlik hofft allerdings noch auf eine gütliche Lösung.
Noch hat der Vorstand nicht aufgegeben. Er verhandelt weiter mit den Banken über Notkredite, um den laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten. Auch der Insolvenzverwalter ist optimistisch. Doch die Chancen sinken mit jedem Tag. Schließlich, so spekuliert das "Handelsblatt", dürften noch weitere Tretminen in der Bilanz vergraben sein.