UNTERNEHMER Supermann & Söhne
Wer hat diese Universität bezahlt, die mit ihren Dutzenden schneeweiß getünchten Gebäuden und ihrem futuristischen Turm in der Einöde der südchinesischen Küstenstadt Shantou aussieht wie ein Ufo, von Außerirdischen gepflanzt? »Das war Li Ka-shing.«
Wer erbaute in Shantou die moderne Krebsklinik und stiftete das blitzsaubere Krankenhaus für die Geisteskranken, um die sich sonst in der Volksrepublik China niemand kümmert? »Li Kashing.« Wer errichtete ein Gebetshaus für christliche Gläubige in Shantou und bezahlte in der Nachbarstadt Chaozhou die Renovierung des alten buddhistischen Tempels? »Li Ka-shing natürlich, unser großer Sohn und Ehrenbürger.«
Es ist schwierig, hier in der Provinz Guangdong, 300 Kilometer nördlich von Hongkong, Li zu entgehen, dem »Supermann«, wie ihn alle nennen. In den Geschäften liegt ein halbes Dutzend Bücher über den Kapitalisten-Tycoon aus, das teuerste und aufwendigste herausgegeben von der Presseagentur der Kommunistischen Partei. Im Foyer des Krankenhauses prangt ein zwei Meter auf drei Meter großes historisches Foto von Li mit Mao-Nachfolger Deng Xiaoping; am Eingang zur Universität prunkt ein ebenso monumentales Bild von Li mit dem jetzigen Staatschef Jiang Zemin.
»Kommen Sie mit in die Altstadt, da liegt Supermanns Geburtshaus«, sagt ein kleiner Junge in zerrissenen Jeans. Hinein ins Gewirr von Gässchen, wo Marktweiber für kritische Gourmets Schlangen bei lebendigem Leibe häuten, wo Barbiere kunstfertig unter freiem Himmel die Rasiermesser wetzen und wohlmeinende Wahrsager ihren Kunden die Zukunft aus den Handlinien lesen. Nicht viel anders hat es wohl in Li Ka-shings Kinderjahren ausgesehen im bescheidenen Haus am Mianxian-Weg, wo eine Hühnerleiter hinaufführte in den ersten Stock zu den Tieren und zum Schlafzimmer der Kinder, die sich das Stroh teilten.
Keine Gedenktafel, kein Namensschild. Aber eine Nachbarin erinnert sich an »diese armen Lis«, und natürlich weiß sie auch, was aus deren berühmtem Spross geworden ist. Triumphierend zeigt sie eine Zeitung. »Wie jedes Jahr kam er zu Besuch und hat viel gespendet: Er hat auch im reichen Hongkong seine Heimat nicht vergessen«, heißt es in dem Parteiblatt. »Er ist der Stolz der chinesischen Nation.«
Das angesehene Nachrichtenmagazin »Asiaweek« wählte Li Ka-shing im Mai zum »mächtigsten Mann Asiens« - vor dem Pekinger Staatschef und den Top-Politikern und Wirtschaftsführern Japans, Indiens, Koreas. Die sonst so nüchterne »International Herald Tribune« schrieb, selbst der Vergleich mit König Midas sei nun »nicht mehr ausreichend«. Mehrere amerikanische Senatoren erklärten Li gar zur Gefahr für die nationale Sicherheit, weil er mit einem geschickten Deal das Recht erworben hatte, an beiden Enden des strategisch wichtigen Panama-Kanals seine Containerhäfen zu bauen.
Erfolge an allen Fronten: Bei dem Verkauf des britischen Mobilfunkunternehmens Orange an Mannesmann und der anschließenden Übernahme durch Vodafone Airtouch Anfang des Jahres wurde Li Kashing um gut 40 Milliarden Mark reicher. Und aus den etwa zwei Milliarden Mark, die er seit 1997 in die amerikanische Firma VoiceStream investierte, wurde durch das Kaufangebot der Deutschen Telekom vor drei Wochen fast das Zehnfache. Geht der Deal durch, wird der Tycoon 179 Millionen Telekom-Aktien erhalten und damit nach dem Bund der größte Anteilseigner.
Die »FAZ« konstatierte unter in- und ausländischen Finanzfachleuten »grenzenlose Bewunderung« für Li. »Es ist das dritte Mal innerhalb weniger Monate, dass Li das deutsche Unternehmensgeschehen direkt beeinflusst.« Da holt der Industriemagnat zum nächsten Schlag aus. Ein Konsortium unter seiner Führung (und unter Einschluss von E-Plus) ersteigert in diesen Tagen wohl zwei der deutschen UMTS-Lizenzen für die nächste Generation der Mobiltelefone - wieder ein Stück milliardenschwere Zukunft.
Li Ka-shing überlebensgroß, ein Symbol, eine Ikone, eine Legende. Freund der Kommunisten, Vorbild der Kapitalisten, verklärter und verhasster Tycoon der Tycoone.
Wer ist dieser Mann? Haben ihn ein Todesfall und eine Entführung im engsten Familienkreis vor einigen Jahren wirklich fast aus der Bahn geworfen? Stimmt es, dass um sein Erbe zwischen den Söhnen Victor und Richard jetzt ein »Drama von Shakespearescher Dimension« ("South China Morning Post") entbrannt ist?
Meist wirkt Li Ka-shing sehr selbstsicher. Dann sieht er aus wie ein in die Jahre gekommener Harry Potter, der sämtliche Zaubertricks gelernt hat und dem hinter seinen runden Augengläsern bewusst ist, dass ihn das überlegen macht. Nur ganz selten, wenn ihn etwas stört oder er einen Moment nicht weiterweiß, dann nimmt er seine dicke Hornbrille ab und starrt nachdenklich in die Ferne, wie ein Handelsreisender ohne Ziel und Geschäftsabschluss. Jetzt ist so ein Moment. Li hat die Frage nicht verstanden.
»Ob ich aufhören will, jetzt mit meinen 72 Jahren ...?« Pause.
»Offen gesagt, ich habe nicht viele Hobbys. Noch immer läuft es mir kalt den Rücken hinunter, wenn mir ein richtig gutes Geschäft gelingt. Glück, das heißt für mich, hart zu arbeiten und ordentliche Gewinne zu erzielen.« Aber irgendwie klingt das Li Ka-shing zu eindimensional, und hastig setzt er hinzu: »Geld spielt nicht die erste Rolle in meinem Leben. Einige sind bereit, für Erfolg im Leben ihr Wertesystem, ihre Integrität zu opfern. Ich gelte als harter Verhandler, aber fragen Sie meine Geschäftspartner weltweit: Nie ist das auf Kosten der Fairness gegangen.«
Wenn ihn das zu einem Unternehmer »altmodischen Stils« mache, sei ihm das gleichgültig, sagt Li, der sich jeden Morgen und jeden Abend vor den Porträts seiner Ahnen verneigt, die wie ein Schrein in einer Ecke seines Hauses aufgebaut sind. »Profit ist kein Selbstzweck. Wozu macht man eigentlich die Milliarden, wenn man sie nicht für seine Familie einsetzt, für die Überwindung von Armut und Rückständigkeit seines Volkes.«
Dann streicht er sich die Falten seines Hemds zurecht; kein Gramm Fett zu viel auf dem gestählten Körper. Beugt sich plötzlich vor, schwingt drohend die Faust und lässt sie wie einen Hammer auf den Tisch sausen. »Ich wollte das immer auch meinen beiden Söhnen beibringen: Nicht für den eigenen Luxus Geld verdienen, sondern Geld vor allem für gute Zwecke ausgeben - und dabei seine Wurzeln nicht verleugnen. Daran werden sie gemessen.«
Li Ka-shings Büro liegt im 70. Stock eines neu erbauten Stahlpalastes inmitten von Hongkong - und dass dieses Cheung Kong Center insgesamt nur 62 Stockwerke hat, ist kein Widerspruch. Li kennt die überlieferte Unglücksziffer; deswegen fehlen alle Etagen mit einer 4. Für ihn als traditionsbewussten Chinesen war es auch selbstverständlich, bei der Architektur des Gebäudes den Feng-Shui-Meister zu Rate zu ziehen, den Geomanten, der mit Hilfe seiner geheimnisvollen, Jahrtausende alten Experimente Wind und Wasser in Einklang brachte. Nun haben böse Drachen keine Chance mehr.
Im Aufzug zeigt ein Monitor die Börsenkurse weltweit, schwarze Kurven nach oben, rote nach unten, und Zahlen, Zahlen, Zahlen: nie eine Sekunde zum Zuschlagen verlieren. Die Einrichtung im Allerheiligsten direkt unter dem Himmel aber führt weg von der Tageshektik - sie ist zeitlos und vom Feinsten: Sechs massive Kronleuchter erhellen einen opulenten Konferenzraum mit Ming-Vasen und kostbaren Kalligrafien. Ein chinesischer Ziergarten lädt zum Kontemplieren, ein riesiger Pool, von einem Wandschirm abgetrennt, zum Entspannen.
Li Ka-shing sagt, der Luxus sei für seine Geschäftspartner gedacht; er brauche ihn nicht. Er bevorzugt billige Plastikschuhe und Anzüge von der Stange. Er trägt noch immer die alte Seiko-Armbanduhr zu umgerechnet 100 Mark; sie ist stets acht Minuten vorgestellt, damit er nicht zu spät zum nächsten Termin kommt. Dabei wirkt der Multimilliardär nicht so, als kokettiere er mit seiner Anspruchslosigkeit: Sie ist sein Lebenselixier - und Schutzschild.
Der Blick vom Penthouse geht über Hongkong Island hinüber nach Kowloon, in die New Territories. Die ganze glitzernde Metropole liegt Li Ka-shing zu Füßen. Er verkörpert diese Stadt wie kein anderer: den Aufstieg aus bitterer Armut und dem Sumpf der Sweatshops; den Erfolg als billiges Produktionszentrum für Transistoren; den Übergang zur Handels- und Hafenstadt; den Durchbruch zum Banken- und Dienstleistungszentrum; schließlich die jüngste Inkarnation als Cyberport.
Li gehört diesem Hongkong, und Hongkong gehört ihm - jedenfalls zu einem nicht unbeträchtlichen Teil. Der riesige Containerhafen dort drüben, der umschlagkräftigste der Welt: seine Domäne. Das Hotel in der Bucht der neun Drachen, in dem Chinas Staatschef abstieg, als er in die Stadt kam: sein Besitz. Das Hutchison-Hochhaus im Zentrum: sein Stammsitz.
Wann immer ein Hongkong-Bürger einen Dollar ausgibt, kassiert Li zehn Cent, heißt ein geflügeltes Wort in der ehemaligen britischen Kronkolonie. Er gilt als größter privater Vermieter und verkauft hier mehr Handys als jeder andere. Er besitzt Supermärkte, Drogerien und mit Tom.com auch eines der wichtigsten Internet-Unternehmen. Und selbst wenn abends die Lichter angehen in der Weltstadt, verdient der Multimilliardär kräftig mit: Er hält über seine Firmen ein riesiges Aktienpaket des Stromversorgers Hongkong Electric.
Li Ka-shing kontrolliert rund 20 Prozent der Marktkapitalisierung der Hongkonger Börse, rechnet man die neuesten Erwerbungen von Sohn Richard hinzu, ist es sogar mehr als ein Viertel. Viel zu viel, sagen Kritiker und verlangen nach Antikartellgesetzen, die so viel Macht in den Händen einer Familie verhindern sollen. »Das wird alles übertrieben«, sagt der Tycoon, und weniger Empörung als Trauer schwingt mit in der Stimme. »Die Unternehmen von Richard etwa darf man doch nicht einfach addieren. Richtig ist nur eines: Ich bin einen langen Weg gegangen, seit damals, seit den Hungerjahren von Chaozhou.«
Sein Vater geriet in die Bürgerkriegswirren und konnte seine Universitätskarriere nicht verfolgen. Li Ka-shing erlebte mit zehn Jahren, wie die Japaner Chaozhou ("Stadt des Phönix") niederbrannten. Da entschied sich die Familie wie so viele andere aus der Gegend zur Flucht nach Hongkong.
Sie kamen nicht zurecht in der chaotischen Stadt, die 1941 auch in die Hände der Japaner geriet. Der Vater schickte seine Frau und Lis drei Geschwister bald nach China zurück. Dann erkrankte er an Tuberkulose - und nahm seinem zwölfjährigen Sohn auf dem Sterbebett ein Versprechen ab: »Du wirst nicht mehr zur Schule gehen können. Aber setz dir Ziele, verlass dich auf deine Charakterstärke, dann wirst du es schaffen - und vor allem, vergiss in der Fremde nicht deine chinesischen Wurzeln.«
Der Junge verkaufte auf der Straße Uhrenarmbänder. Er diente sich in einer Klitsche für Seifenschalen hoch - mit 20 Jahren schon managte er eine kleine Fabrik, heiratete später die Tochter des Besitzers. Er arbeitete »16 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche«. Er war bei der Produktion dabei, beim Verkauf, bei der Betreuung von Kunden. Und brachte sich nachts noch aus einem Grammatikbuch Englisch bei.
Mit seinem ersten zusammengesparten Geld gründete Li 1950 die erste Firma. Cheung Kong ("Langer Fluss") nannte er sie, nach der altchinesischen Bezeichnung für den Jangtsekiang. Er stellte zunächst Kämme her, erkannte aber mit seinem Unternehmergespür bald, dass ein anderes Produkt größere Marktchancen hatte: Li Kashing wurde der »König der Plastikblumen« (und ist noch heute Ehrenvorsitzender der Hongkonger Plastikblumengilde).
Die Kulturrevolution auf dem Festland trieb Mitte der sechziger Jahre die Immobilienpreise in den Keller. Kaum einer mochte angesichts der schon in der Innenstadt Hongkongs randalierenden Rotgardisten an eine blühende Zukunft glauben. Li aber forcierte sein Grundstücksgeschäft. Hatte er einen Deal mit Gewinn abgeschlossen, erwarb er Land oder Apartments in besserer Lage - alles per Handschlag. Was so gentlemanlike aussah, war knallhart gerechnet: Lis »Leutnants« überprüften im Geheimen, wie kreditwürdig die Käufer waren. 1979 war der Selfmademan bereits der größte private Grundstückseigner in Hongkong. Was ihm noch fehlte, war der große gesellschaftliche Durchbruch.
Der kam mit einem sensationellen Coup: Li erwarb mit geheimen Deals und viel Geschick die Kontrolle von Hutchison Whampoa, einem der großen britischen Traditionshandelshäuser Hongkongs - und wurde so über Nacht zum Gegenspieler von Jardine Matheson, den Erben der Opiumhändler. Er wurde zum ersten chinesischen Taipan, zu einem der »Prinzen der Erde«. Es war ein psychologischer Durchbruch, der auch bei den Blutsbrüdern in Peking für Aufsehen sorgte. Deng Xiaoping lud Li ein, erläuterte ihm seine Politik der wirtschaftlichen Öffnung. Der Erfolgreiche wurde ins Direktorium des volkschinesischen Investment-Unternehmens Citic berufen: Ehre und Verpflichtung zugleich.
Li Ka-shing investierte - und stiftete - nun auch in der Volksrepublik. Einen »wahren Patrioten« nannte ihn einmal Parteichef Jiang Zemin, zu dem er einen besonders guten Draht entwickelte. Kein Patriot, der für demokratische Umwälzungen eintrat. Als am 4. Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz die Panzer gegen die demonstrierenden Studenten rollten, sei Li das nahe gegangen, sagen Freunde. Doch mit öffentlichen Äußerungen hielt sich der Peking-Freund zurück, meinte nur: »Natürlich hat mich das traurig gemacht. Aber China ist meine Heimat. Was immer geschehen ist, ich werde für eine bessere Zukunft meines Landes weiter arbeiten.«
1992 erhielt der Lieblingskapitalist der KP den Ehrendoktorhut der Peking-Universität. Im selben Jahr spendete der Tycoon der britischen Konservativen Partei 100 000 Pfund und wurde zum Initiator der Thatcher-Stiftung; den Orden »Commander of the British Empire« hatte er da auch schon. Von wegen, dass Ost und West nie verschmelzen könnten, wie Rudyard Kipling einmal schrieb: Hongkong, dieser vor Energie berstende Bastard des britischen Löwen und des chinesischen Drachen, widerlegte den Dichter.
Und Lis Beziehungen zu Peking wurden noch besser, als der Tycoon der Volksrepublik ein Millionengeschenk machte, die Repräsentanz des Pekinger Außenministeriums. Sie wurde 1997 errichtet, im Jahr der Rückgabe Hongkongs an China.
Es gab nie Zweifel, dass die Wirtschaftsführer in Absprache mit der volkschinesischen KP-Führung in Hongkong das Sagen haben würden. Li schlug seinen Geschäftspartner Tung Chee-hwa als ersten Chef der »Sonderverwaltungsregion« von Pekings Gnaden vor, einen Schiffsmagnaten, dessen Reederei einmal mit chinesischen Staatsgeldern vor dem Bankrott bewahrt worden war. Li sagt: »Ich bin nie an Hongkong verzweifelt - auch als es dann in der Asienkrise 1998 rapide mit uns bergab ging.«
Aber stark verschnupft war er schon. Die Aktienkurse fielen um rund 60 Prozent, die für Li so wichtigen Apartmentpreise noch mehr. Die erfolgsverwöhnte Wirtschaft begann zu schrumpfen, und zwar 1998 um dramatische 5,1 Prozent. Die Regierung blieb untätig. Demonstranten versammelten sich vor dem Li-Hauptquartier im Zentrum und klagten den Milliardär der Herzlosigkeit an: Er hatte säumige Wohnungskäufer verklagt.
»In diesem politischen Umfeld werde ich ein geplantes Milliardenprojekt in Hongkong zurückstellen und mehr im Ausland investieren«, sagte Li öffentlich - die Warnung schlug wie eine Bombe ein. Schnell änderte Freund Tung das politische Umfeld. Er stützte mit öffentlichen Geldern den Aktienmarkt, gab billig neues Land ab, stellte großzügige Konditionen für Internet-Unternehmungen in Aussicht. Und Li Ka-shing wandelte sich zum Internet-Freak.
Er begann »täglich zwei Stunden durchs Netz zu surfen«, verschlang Fachbücher über die neuen Industrien. Als er im Februar mit seinem Internet-Unternehmen Tom.com an die Börse ging, schlugen sich Banker und Hausfrauen um einen Anteil der Firma; die Aktie war schließlich 669fach überzeichnet. »Mit Supermann kann man nie verlieren«, schrieb die lokale Presse.
Die Börse boomt nun wieder, im ersten Quartal 2000 wuchs die Hongkong-Wirtschaft um rekordverdächtige 14,3 Prozent. »Tung hat seinen schwierigen Job ganz gut gemacht«, meint Li und empfahl ihn - bei einem Treffen mit KP-Chef Jiang Zemin vor vier Wochen - für eine zweite Amtszeit nach 2002. Und das trotz der fast täglichen Demonstrationen gegen den Chief Executive in Hongkong: Die Beamten fühlen sich von ihm hintergangen, Juristen beklagen seine ständigen Kotaus gegenüber Peking, Journalisten die schleichende Aushöhlung der Pressefreiheit. »Ach, wenn schon«, sagt Li Ka-shing. »Neulich haben auch Leute demonstriert, mit denen ich sehr sympathisiere: Hauseigentümer. Und zwar für höhere Mietpreise. Ich mache mir keine Sorgen.«
Alles könnte so schön sein im Leben des chinesischen Taipan - wenn ihm nicht gerade das zu entgleiten drohte, was ihm am meisten bedeutet: die Familie.
Er hat seine Söhne Victor und Richard seit frühester Jugend an die Härte des Geschäfts gewöhnt. Acht und sechs waren sie, als er ihnen zum ersten Mal die First Class eines Flugzeugs zeigte - und sie anschließend in die Economy verfrachtete: »Das müsst ihr euch erst mal verdienen.« Zwölf und zehn waren die beiden, als Li Ka-shing sie regelmäßig zu Aufsichtsratssitzungen mitnahm: dealen statt spielen.
Seine Frau versuchte den Patriarchen zu besänftigen. Es gelang ihr selten, denn Li ließ die Söhne von strengen britischen Kindermädchen erziehen. Die »Frau, die mir für meine Geschäfte immer den Rücken freihielt« (Li), starb 1990 an Herzversagen, heißt es in der Familienchronik. An einer Überdosis Schlaftabletten, schreibt das Hongkonger Magazin »Next«, das sich auf das Protokoll der polizeilichen Ermittlungen beruft.
Beide Söhne schickte Li Ka-shing zum Studium an amerikanische Elite-Universitäten, beide erwiesen sich als hoch begabt, doch von gänzlich unterschiedlichem Charakter: Victor war stets der Angepasste, dem das Wort des Vaters als letzte Instanz galt; Richard der Rebell, dem es nie genügte, die Geschäfte im Sinne des Seniors einfach nur weiterzuführen.
Im Mai 1996 brachte der berüchtigte Triadenchef Cheung Tze-keung alias »Big Spender« Victor in seine Gewalt. Li Kashing verhandelte auf eigene Faust und zahlte schließlich eine Rekord-Lösegeldsumme von über 200 Millionen Mark. Der Gangster floh übers Meer in die Volksrepublik. Die Behörden scheuten weder Kosten noch Mühe bei der aufwendigen Verbrecherjagd. Big Spender wurde gefasst und hingerichtet.
»Victor sehe ich fast täglich, er kommt auch am Wochenende rüber zum Essen«, sagt Li Ka-shing. Und runzelt dann die Stirn. »Richard bedauerlicherweise immer seltener. Der reist zu viel.«
Victor Li, 36, hat als älterer Sohn schon Teile des Familienimperiums übernommen, er hat geheiratet und dem Senior Enkel geschenkt. Er arbeitet hart. »Effizienz ist das Schönste auf der Welt«, sagt Victor. Er macht seinem Vater nur Freude.
Richard Li, 33, dagegen macht Furore - und großen Ärger. Er hat das Wir-schränken-uns-ein-Prinzip des Alten lange genug mitgemacht: Ein knappes Taschengeld in der Schule, während des Studiums in Stanford bei McDonald's jobben. Damit ist es vorbei, seit er selber richtig Geld verdient. Hobbyflieger und Sporttaucher Richard liebt es, auf großem Fuß zu leben. Lässt zur privaten Neujahrsparty mal eben Popstar Whitney Houston einfliegen, kauft die PS-stärksten Motorboote, stellt sich auf einem Hügel eine Villa hin, wie sie Hongkong noch keine gesehen hat.
Und er genießt das Junggesellendasein. Erst 18 sei die Neue, tuschelt man beim »Tatler«, dem Hochglanzmagazin der Stadt. Angeblich hat sie Richard zum neuen Look überredet: superkurze Haare, eine runde Brille, Dauerbräune; Jeans und Gap-Hemd statt Anzug und Gucci-Krawatte: ein Mister Dot.com, ein asiatischer Bill Gates.
Der Computeringenieur Richard Li wirbelt zurzeit mit einem wahren Cyber-Feuerwerk die Businesswelt durcheinander. Anfang der neunziger Jahre hatte er - mit Vaters Millionen - das »Star TV«-Satellitenfernsehen aufgebaut und mit einem hohen Gewinn an den australischen Magnaten Rupert Murdoch weiterverkauft. 1999 bestand »Superboy Li« dann mit dem Cyberport-Deal seine Gesellenprüfung: Auf dem noch brachliegenden Gelände soll er, von der Regierung unterstützt, als Projektleiter Hongkongs Antwort auf das Silicon Valley entstehen lassen.
Und dann machte Richard sein Meisterstück: In einem Überraschungscoup gelang es ihm Ende Februar, die staatlich kontrollierte Singapurer Firma SingTel auszustechen und mit seinem erst zehn Monate zuvor gegründeten Unternehmen Pacific Century CyberWorks (PCCW) die große C&W Hong Kong Telecom zu übernehmen - ein gigantischer Geschäftsabschluss. Gesamtwert: fast 80 Milliarden Mark.
Richard Li jettet ständig zwischen Amerika, Europa und Hongkong hin und her, um seine Vision eines interaktiven Internet voranzutreiben: Er will dieses neue Medium vom Anfang (den Leitungen) bis zum Ende (den Programminhalten) kontrollieren, zunächst in Asien, irgendwann weltweit. Nach Marktkapitalisierung gerechnet, ist PCCW hinter AOL und Yahoo jetzt die drittgrößte Internet-Gesellschaft der Welt.
Hat der Papa beim Big Deal im Hintergrund die Fäden gezogen? Das halten Experten wie Stephen Vines, Wirtschaftsfachmann und Autor eines Hongkong-Buchs, für unwahrscheinlich: Li Ka-shings eigene Internet-Firma Tom.com ging ja zur gleichen Zeit an die Börse, der neue Deal war schlecht für seine Kurse. Spannt der Vater das Netz auf, wenn der große Sprung des Sohns danebengehen sollte? Da nickt Vines. »Natürlich rechnet der Markt damit, dass er im Falle eines Falles nach alter Chinesensitte einspringt und die Ehre der Familie rettet.«
Richard Li ist ein begabter und innovativer Geschäftsmann. Und dennoch reagiert er unwirsch, wenn man im Zusammenhang mit seinen Cyber-Deals den Vater auch nur erwähnt. Im März sagte »Superboy« über »Supermann« dem US-Nachrichtenmagazin »Newsweek": »Mit meinem Deal werde ich zur Nummer eins der Mobilfunkbetreiber in Hongkong, und er wird zur Nummer zwei.« Der Jungunternehmer hat »wegen Interessenkollision« die Ämter in den väterlichen Firmen aufgegeben. »Es wäre natürlich schöner, wir könnten vermeiden, uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, aber wenn wir's machen, dann im Namen des Wettbewerbs. So geht's nun mal zu im Geschäft.«
»Tüchtig ist der Richard ja, aber es ist auch wichtig, nicht nur an sich selbst zu denken, sondern an andere, an die Notleidenden«, sagt Li Ka-shing jetzt im Gegenzug über seinen Sohn.
Der Taipan wird sich weiterhin um fünf vor sechs wecken lassen von einem schnarrenden Wecker, den er selbst programmiert hat: »Good Morning, Mister Li, Good Morning, Mister Li.« Nur keine falschen Vertraulichkeiten. Er wird sich 90 Minuten Golf gönnen - sein einziger Luxus. Dann stürzt er sich in Verhandlungen und wird beim Tee nach dem Geschäftsabschluss sagen: »Niemals nach 1950 gab es in Hongkong solche Geschäftschancen wie heute. Ich bedaure nur, dass mir nicht mehr genug Zeit für alle diese Deals bleibt.« Und er wird dann einmal mehr betonen: »Missverstehen Sie mich nicht. Ich habe mein Leben genutzt. Ich bin ein rundherum glücklicher Mensch.«
Der Junge mit der zerfetzten Jeans in Li Ka-shings Geburtsort Chaozhou will noch einen Platz zeigen: die künftige Grabstätte des Taipan. Er führt zu einem windzerzausten Hügel, der die Stadt des Phönix überblickt und hinauszeigt auf das Südchinesische Meer, Richtung Hongkong. »Hier wird Supermann seine letzte Ruhe finden, im Angesicht seiner Ahnen«, behauptet der Junge, der die genaue Stelle von einem entfernten hiesigen Verwandten aus dem Li-Clan erfahren haben will.
Der kleine Fremdenführer möchte später einmal auf die von Li Ka-shing gestiftete Universität gehen. Er ist sicher, dass er es schafft. »Alles, was ich brauche, ist eine Chance«, sagt er.