Supermarktkette Tesco Der Riese greift um sich
London - Seine Jahresbilanz hat Terry Leahy um einen Tag verschoben. Die Beerdigung von Queen Mum ging für den Tesco-Chef vor, schließlich ist er ja ein waschechter Brite. Keine Spur von Krise können die Analysten in dem Geschäftbericht des vergangenen Jahres erkennen. Der Konzerngewinn der Supermarktkette hat ein Rekordniveau erreicht: Der Gewinn vor Steuern (Ebit) stieg um 14,1 Prozent auf 1,96 Milliarden Euro. Auch der Umsatz wuchs im vergangenen Jahr um 12,7 Prozent auf 42,02 Milliarden Euro, in den Supermärkten außerhalb Großbritanniens sogar dreimal so schnell - und damit nicht genug. Bereits im vergangenen Jahr hatte Tesco-Chef Leahy 20.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, dieses Jahr sollen weltweit 21.000 neue dazukommen. Das Gespenst der Rezession ist in den Tesco-Supermärkten nicht aufgetaucht.
Mit einem Marktanteil von gut einem Viertel ist Tesco im Heimatmarkt Großbritannien schon seit Mitte der neunziger Jahre die Nummer eins. Mit Niedrigpreisaktionen hat sich Tesco-Chef Leahy die Gunst der Konsumenten erkämpft und den härtesten Konkurrenten Sainsbury überholt. Ähnlich wie der amerikanische Branchenprimus Wal-Mart, der Kunden jede Woche mit "neuen Tiefstpreisen" anlockt, wirbt Tesco als "Anbieter mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis". Auch wenn Sainsbury Tesco im vergangenen Jahr nach Einschätzung von Experten Kunden weggeschnappt hat, ist die Nummer zwei mit einem Marktanteil von 17,7 Prozent noch weit weg. Auch die Konkurrenten Asda, ein britischer Ableger des Handelsriesen Wal-Mart, und Safeway können Tesco in absehbarer Zeit nicht gefährlich werden.
Weltweit beschäftigt Tesco 196.000 Mitarbeiter. Bereits 42 Prozent der Verkaufsfläche des britischen Konzerns liegen im Ausland - noch nicht genug für den 46-jährigen Tesco-Chef: "Bis Ende 2004 wollen wir im Ausland über mehr Geschäftsfläche verfügen als im Inland", sagte Leahy bei der Vorlage seiner Geschäftszahlen. In fünf Ländern ist Tesco bereits Branchenführer, und das Unternehmen will noch mehr Märkte erobern. Tesco-Filialen gibt es bisher in Irland, Thailand, Korea, Taiwan, Malaysia, Ungarn, Polen und in der Tschechischen Republik, weitere Filialen sollen bald in Asien und Osteuropa dazukommen. Hier ließen sich im Gegensatz zu den weitgehend gesättigten Märkten USA und Westeuropa noch Umsatzrenditen zwischen sechs bis zehn Prozent erreichen, ist der Tesco-Chef überzeugt. Aus Märkten wie Deutschland und Frankreich will sich Leahy raushalten - abgeschreckt durch den Fehlstart von Wal-Mart. Um seinen Konkurrenten Paroli bieten zu können, investiert die Supermarktkette bis zum kommenden Jahr 2,45 Milliarden Euro in das Geschäft außerhalb Großbritanniens.
Wachstumschancen im Inland sieht Leahy besonders im so genannten Non-Food-Bereich. In seinen derzeit 700 inländischen Filialen bietet der Liverpooler neben Nahrungsmitteln auch Bekleidung oder Haushaltswaren an. Um neue Kunden zu erreichen, dringt Tesco noch weiter vor. Mit der Royal Bank of Scotland hat die Supermarktkette ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet, um sich vom wachsenden Geschäft der Konsumentenfinanzierung ein Stück vom Kuchen abzuschneiden. Die Partner haben bereits 2,3 Millionen Kunden und wollen künftig gemeinsam nach Osteuropa expandieren. Vor wenigen Monaten beteiligte sich Tesco an der Handelskette Nutri Centre, die Produkte aus der Nahrungsergänzung und der so genannten Alternativmedizin vertreibt - ein Markt, der in Großbritannien zweistellig wächst. Autos, Telefondienste, Reise und Unterhaltung - alle Geschäftsfelder werden sondiert.
Als Schlüssel zum Erfolg sieht Tesco Kundenähe und Kundenbindung. Über ein ausgeklügeltes Kundenkartensystem lernt Tesco-Chef Leahy, der seit 1997 die Supermarktkette leitet, die Bedürfnisse der Verbraucher kennen. Manchmal macht er sogar persönlich Fallstudien, wenn er Filialen aufsucht und sich am Kühlregal mit den Supermarkt-Besuchern unterhält. Auch seine Herkunft als Sohn eines Zimmermanns sei gut für das Geschäft, sagt Leahy: "Ich bin in bescheidenen Verhältnissen groß geworden und mit den Erwartungen des typischen Warenhauskunden bestens vertraut".
Vorreiter sind die Briten im Internet. Bereits heute ist Tesco der größte Online-Lebensmittelhändler der Welt. "Beim Einkauf per Internet sind wir unseren Konkurrenten um Jahre voraus", ist Leahy überzeugt. Der Konzernchef setzt in Großbritannien im Online-Geschäft rund 490 Millionen Euro um und ist inzwischen auch in den USA präsent. Mit einem Internet-Start-up im klassischen Sinn hat die Tesco-Sparte wenig zu tun. Der Umsatz wächst zweistellig, im laufenden Geschäftsjahr will Tesco im Online-Geschäft schwarze Zahlen schreiben.
Seit März will Tesco einen gesellschaftspolitischen Beitrag leisten: Die "Pille danach" soll rezept- und kostenfrei in den Regalen der Supermarktkette zu haben sein. Mit dem Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit den lokalen Gesundheitsbehörden will Tesco nach eigenen Angaben junge Mädchen davon abhalten, ungewollt schwanger zu werden. Ob das Pilotprojekt einen gesellschaftlichen Erfolg verbuchen oder zum allgemeinen Sittenverfall beitragen wird, wie Kritiker fürchten, bleibt dahingestellt. Auf jeden Fall hat es die Supermarktkette im In- und auch im Ausland mal wieder in die Schlagzeilen gebracht.