WERTPAPIERE Suppe versalzen
Der Kölner Aktien-Manager Dr. Jochem Erlemann, 32, Mitgesellschafter der Depotverwaltungsgesellschaft »Broker Dr. Amann GmbH Deutschland«, ließ in der vergangenen Woche an allen Börsenplätzen der Bundesrepublik nach einer »badischen Schlummerperle« fahnden: Für eine Aktie der Tonwarenindustrie Wiesloch AG, die Ende Juni noch mit 173 Mark notiert wurde, bot er 510 Mark.
Selbst für diesen Superpreis bekam der Kölner jedoch keine einzige Aktie. Inhaber von Wiesloch-Werten wollten sich von ihren Papieren nicht trennen, weil sie von ihrer Firma das große Geschäft mit der Umweltverschmutzung erhoffen.
Aktionäre der Gesellschaft erfuhren aus wissenschaftlichen Gutachten schon vor einigen Monaten, daß sich Tongruben wie die rund 300 000 Quadratmeter großen Areale der Wiesloch AG als »ideale Begräbnisstätte für Chemiemüll und Industrieschlamm« eignen. Bei Mülldeponien in geologischen Tonschichten besteht nämlich keine Gefahr. daß giftige Substanzen in das Grund- und Oberwasser eindringen.
Um den Besitz des zukunftsträchtigen Unternehmens ist seit kurzem ein heftiger Streit entbrannt. Anonyme Großaktionäre versuchen mit Hilfe von Vor stand und Aufsichtsrat, die Kleinaktionäre aus der Firma zu drängen.
Zur Gesellschafterhauptversammlung im August dieses Jahres wurde der Minorität überraschend die Umwandlung der Aktiengesellschaft in eine GmbH vorgeschlagen. Kapitaleigner, »die gegen die Umwandlung Widerspruch zur Niederschrift erklären«, sollten nach den Plänen der Wiesloch-Manager mit einer »Barabfindung in Höhe von 150 Prozent des Nominalwertes ihrer Geschäftsanteile« abgefunden werden.
Einige Kleinaktionäre des mit einem Gesellschaftskapital von nur 1,35 Millionen Mark ausgestatteten Ziegel- und Kunststoff-Lieferanten vermuteten sofort, hinter der Ausbootungsofferte stecke ein neuer Großaktionär. Der finanzkräftige Anonymus rechnete offenbar damit, daß die Kleinaktionäre an ihrem seit Jahren dividendenlosen Papier die Lust verloren hatten.
Bei einem Abfindungsangebot von 150 Prozent hätte sich der Aufkäufer mit einigen hunderttausend Mark leicht zum Alleinherrscher der Firma machen können. Eingeweihte vermuteten, ein Chemiekonzern habe die Transaktion eingefädelt, um auf diese Weise zu billigen Industriemüllkippen tu kommen.
Für die Beseitigung ihrer gefährlichen Abfälle muß die chemische Industrie nämlich von Jahr zu Jahr höhere Summen aufwenden. Die BASF zum Beispiel investierte allein für die sogenannte Deponie »Flotzgrün« bei Speyer 33,4 Millionen Mark. Für die Mülldeponie Emscherbruch mit der stillgelegten Zeche Graf Bismarck mußten die Eigentümer bisher 18,8 Millionen Mark investieren.
Um die Absichten des Großaktionärs zu vereiteln, gründeten die Kleinaktionäre eilends eine »Notgemeinschaft«. Sammlungszentrum wurde die Kölner Depotverwaltungsgesellschaft »Broker Dr. Amann GmbH Deutschland«.
Der zum Sprecher der Notgemeinschaft gewählte Dr. Jochem Erlemann versuchte zunächst einmal, den tatsächlichen Wert der Wiesloch-Aktie zu ermitteln. Auf Grundbuchämtern in Baden-Württemberg recherchierte er, daß das Wieslocher Unternehmen (gesamter Grundbesitz: 769 000 Quadratmeter) außer den Tongruben noch über »beträchtliches Bauland« verfügt. Am Schluß seiner Inspektionsreise notierte Erlemann: »Am Rande der Grundstücke, nur 800 Meter von der Autobahn entfernt, stehen zwölfstöckige Häuser. Wiesloch ist eine goldgeränderte Aktie.«
Nach weiteren Ermittlungen kamen Erlemanns Experten zu dem Ergebnis: »20,25 Millionen Mark als vorsichtiger Schätzwert dividiert durch das Aktienkapital, multipliziert mit hundert (Nennwert der Aktienstücke: 100 Mark) ergeben den Kurswert 1500 Prozent.« Der Dortmunder Hauptversammlungsschreck Kurt Fiebich hält gar einen Wert von 2000 Prozent für angemessen.
Trotz intensiver Nachforschungen konnte Erlemann aber nicht herausfinden, welche Rolle der Aufsichtsrat (Vorsitzender Rechtsanwalt Karl-Heinz Weiß) bei der Müllgrubenspekulation spielte. Als ein bedeutender Aktionär, der auf einem Schloß bei Würzburg residierende Carl Graf von Schönborn-Wiesentheid, kürzlich ein Großpaket abstieß, weigerte sich Weiß, über den Verbleib der Papiere Auskunft zu geben: »Da gebe ich keinen Kommentar, das sind Familienangelegenheiten.«
Als Familienangelegenheit behandelt Weiß, der auch im Aufsichtsrat der Münchner Wacker-Chemie (zu 50 Prozent in Besitz der Farbwerke Hoechst) den Vorsitz führt, noch ein weiteres Engagement. Von der mit Wiesloch-Aktien gut eingedeckten Familie Ludowici besitzt er Handlungsvollmachten als Testamentsvollstrecker.
In der Aktionärs-Notgemeinschaft wurde inzwischen der Verdacht geäußert, der Aufsichtsratsvorsitzende wolle das große Geschäft gar selbst abwickeln. Denn auf der Hauptversammlung der Wiesloch AG wurden 90 Prozent des Aktienkapitals von Weiß-Gattin Wilhelmine (100 Stimmen) den Ludowici-Erben (2806 Stimmen) und der Frankfurter Effectenbank Warburg AG (9439 anonyme Stimmen) präsentiert.
Das Triumvirat hätte eine Firmenumwandlung nach dem Aktiengesetz leicht durchpeitschen können. Denn die sonst übliche Zustimmung aller Aktionäre ist nicht erforderlich, »wenn die Umwandlung mit einer Mehrheit beschlossen wird, die mindestens neun Zehntel des Grundkapitals umfaßt, und die Gesellschaft im Zeitpunkt der Beschlußfassung weniger als 50 Aktionäre hat«.
Durch Rundschreiben und Telephonanrufe verhinderte der Kölner Depotverwalter jedoch, daß sich der Großaktionär durch eilige Zukäufe die angestrebte Mehrheit verschatten konnte. Triumphiert Erlemann: »Wir haben den Herren vorerst gründlich die Suppe versalzen.«