»Systematisch geschwächt« - DER SPIEGEL
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UNTERNEHMEN »Systematisch geschwächt«

Der Rechtswissenschaftler Uwe H. Schneider über die räuberischen Methoden der Finanzinvestoren, deren Folgen für die deutsche Wirtschaft und die Untätigkeit des Gesetzgebers
• aus DER SPIEGEL 38/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schneider, 65, ist Professor für Wirtschaftsrecht an der Technischen Universität Darmstadt und Direktor des Instituts für Kreditrecht an der Universität Mainz. Er ist Mitglied des Deutschen Übernahmerats und im Ausschuss für Corporate Governance der OECD.

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SPIEGEL: Herr Schneider, Finanzminister Peer Steinbrück lobt die Private-Equity-Branche als unverzichtbar, er will attraktive Rahmenbedingungen für diese Finanzinvestoren schaffen. Sind die Heuschrecken plötzlich salonfähig geworden?

Schneider: Wir haben große Probleme bei der Nachfrage nach Unternehmen. Vor allem Mittelständler tun sich schwer, Nachfolger zu finden, insbesondere ihr Unternehmen zu verkaufen. Deshalb sind neue Investoren zu begrüßen ...

SPIEGEL: ... und Private-Equity-Gesellschaften willkommen?

Schneider: Wenn sie in das Unternehmen und seine Arbeitsplätze investieren und neue Ideen einbringen, ja. Aber genau das ist bei vielen dieser neuen Investoren nicht der Fall. Sie investieren nicht, sondern finanzieren den Kaufpreis in erster Linie mit Fremdkapital, das von der erworbenen Gesellschaft zurückbezahlt werden muss. Und dann wird das Eigenkapital abgeräumt. Viele dieser angeblichen Investoren sind in Wahrheit Eigenkapitalräuber.

SPIEGEL: Wie kommen sie an das Eigenkapital der Unternehmen?

Schneider: Das Geschäftsmodell besteht aus drei Stufen. Zunächst gründen die Käufer eine neue Gesellschaft. Nennen wir sie Newco. Das ist Stufe eins. Die Newco nimmt ein Darlehen auf und erwirbt damit das Unternehmen. Anschließend werden beide Gesellschaften miteinander verschmolzen. Die Darlehensschulden liegen nun beim aufgekauften Unternehmen ...

SPIEGEL: ... das die Zinsen bedient und somit seinen Kaufpreis selbst bezahlt.

Schneider: Richtig. Allerdings müssen die »neuen Investoren« einen gewissen Teil des Kaufpreises selbst aufbringen. Doch fließen diese Mittel nicht dem Unternehmen, sondern dem Verkäufer zu. Das verhindert aber nicht, dass das aufgekaufte Unternehmen in der Folge auch diesen Teil des Kaufpreises den Eigenkapitalräubern erstatten muss.

SPIEGEL: Wie funktioniert das?

Schneider: Jetzt kommt Stufe zwei des Geschäftsmodells: Das Unternehmen wird in eine GmbH umgewandelt, wenn es diese Rechtsform nicht schon zuvor hatte, und das Stammkapital wird herabgesetzt. Das freie Vermögen wird dann bis zur Grenze des rechtlich Zulässigen an die neuen Gesellschafter ausgezahlt. Zur Finanzierung werden Tochtergesellschaften und Betriebsstätten abgestoßen, Immobilien verkauft, die Kosten gedrückt und neue Verbindlichkeiten begründet. Die Investitionen werden gekürzt, im schlimmsten Fall wird sogar die Forschung eingestellt.

SPIEGEL: Aber damit wird das Unternehmen doch seiner Zukunftschancen beraubt. Wie will die Private-Equity-Gesellschaft so ein ausgehöhltes Unternehmen mit Gewinn weiterveräußern?

Schneider: Dies erfolgt durch den Exit, die dritte Stufe des Geschäftsmodells. Aber die spielt nicht mehr die entscheidende Rolle, wenn sich die Private-Equity-Gesellschaft vorher schon bedient hat. Die Unternehmen werden nach einiger Zeit an einen weiteren Finanzinvestor weitergereicht, der sie weiter auspresst. Neudeutsch heißt das »secondary buyout«. Manche werden an die Börse gebracht. Dann haben die neuen Aktionäre das Problem. Und gelegentlich bleibt nur noch das Insolvenzverfahren.

SPIEGEL: Sind das nicht Einzelfälle? Die Branche verweist gern auf Unternehmen wie Wincor Nixdorf, die nach der Übernahme durch eine Private-Equity-Gesellschaft kräftig expandierten.

Schneider: Ich sage ja nicht, dass alle Beteiligungsgesellschaften die Unternehmen ausschlachten. Aber die negativen Beispiele häufen sich. Man kann sie nicht mehr als Einzelfälle abtun. Inzwischen sind mindestens 5000 deutsche Unternehmen mit bis zu 800 000 Arbeitnehmern im Besitz dieser sogenannten neuen Investoren. Und von diesen haben gar zu viele kein langfristiges Interesse an Forschung und Innovation, an Zukunftsprodukten und neuen Arbeitsplätzen.

SPIEGEL: Eine gängige These behauptet, dass die Private-Equity-Branche den notwendigen Strukturwandel vorantreibt und verkrustete Strukturen aufbricht. Was halten Sie davon?

Schneider: Das stimmt leider häufig nicht. Die Private-Equity-Gesellschaften reden gern von Restrukturierung, Umbau und Rekapitalisierung. Aber die Folge ist, dass die Unternehmen geschwächt und ihrer Zukunftschancen beraubt sind. Die Fonds versprechen ihren Anlegern Erträge von 25, 30 oder gar 40 Prozent. Die lassen sich nicht aus dem traditionellen Geschäft erwirtschaften. Außerdem werden diese Gewinne nicht wieder investiert, sondern an die Gesellschafter, meist angelsächsische Pensionsfonds und vermögende Anleger, ausgeschüttet.

SPIEGEL: Die aufgekauften Unternehmen sind am Ende hoch verschuldet und müssen, statt zu investieren, die Schulden abbezahlen. Erwarten Sie eine Insolvenzwelle, wenn die Zinsen weiter steigen?

Schneider: Ich will nicht schwarzmalen, aber auf einen Missstand hinweisen. Eigenkapital dient den Unternehmen in schweren Zeiten als Puffer. Wenn der Puffer fehlt, geraten Unternehmen in der Krise schnell in schweres Fahrwasser, und es droht Insolvenz.

SPIEGEL: Und warum unternimmt niemand etwas dagegen?

Schneider: Das Problem ist noch nicht in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen. Presse, Politik und Wissenschaft müssen sich sehr viel intensiver mit dieser Entwicklung und den daraus resultierenden Folgen für die deutsche Wirtschaft beschäftigen.

SPIEGEL: Ist das Aushöhlen von Unternehmen legal?

Schneider: Rechtswidrig sind diese Machenschaften nicht. Aber was im Einzelfall rechtmäßig ist, kann in der Masse systemwidrig sein. Es handelt sich um ein typisches Marktversagen und eine missbräuchliche Verwendung individueller Rechte.

SPIEGEL: Der Gesetzgeber muss also handeln. Aber wie?

Schneider: Es gibt bislang kein Patentrezept gegen »Investoren«, die sich systemwidrig verhalten. Vor allem: Jede Gesetzesänderung kann große Kollateralschäden nach sich ziehen. So sollte man verhindern, dass ausländisches Kapital abgeschreckt wird. Möglich sind etwa Ergänzungen im Gesellschaftsrecht zum Bestandsschutz nicht börsennotierter Unternehmen, beispielsweise indem man die Finanzierung eines Unternehmenskaufs durch das gekaufte Unternehmen begrenzt.

SPIEGEL: Was geschieht, wenn nichts passiert?

Schneider: Der Mittelstand ist das Rückgrat unserer Wirtschaft. Dieses Rückgrat wird durch die Machenschaften einer bestimmten Gruppe von Private-Equity-Gesellschaften systematisch geschwächt. Wir zerstören unsere Zukunft.

INTERVIEW: ARMIN MAHLER

* Mitarbeiter des Grohe-Werks Lahr am 11. Juni 2005.

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