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PREISE Täglich höher

• aus DER SPIEGEL 7/1951
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bonns Regierungskoalition startete zum Wettlauf mit den Weltmarktpreisen. Auf ihrer zweiten Beratung einer Korrektur des westdeutschen Preisgefüges in Nieder-Breisig haben sich ihre Fachausschüsse in die Frage verbissen, wie Finanzminister Schäffer die Sorge um jene 450 Millionen DM loswerden kann, die er jährlich bezahlen muß, um die importierten Grundnahrungs- und Futtermittel auf den niedrigen deutschen Inlandsmarktpreis herunterzusubventionieren.

Seit sie auf ihrer ersten Nieder-Breisiger Tagung im vergangenen Herbst schon einmal um dieses erstrangige Thema herumschlichen, ist den Bonnern die Zeit davongerast. Konnten sie damals noch ziemlich fest die Subventionssumme mit 450 Millionen veranschlagen und ausrechnen, daß ihr Fortfall die Lebenshaltung eines jeden Bundesbürgers um rund 50 DM verteuern würde, so haben die kletternden Weltmarktpreise diesen Posten jetzt schon bis weit über 500 Millionen hinaufgeschoben und drücken ihn täglich höher.

Dazu hat Fritz Schäffer den Nieder-Breisigern nur einen kurzen Kommentar mit auf den Weg gegeben: »Ich weiß nicht einmal, wo ich die 450 Millionen hernehmen soll. Darüber hinaus gibt es keinen Pfennig.«

Eine Anzahl der Mitdiskutierer ist sogar der Ansicht, die Subventionierung von Lebensmitteln müsse in wirtschaftspolitischer Konsequenz einer freien Marktwirtschaft spätestens ab 1. Juli 1951 aufhören. Der Verbraucher habe eben die vollen Weltmarktpreise zu zahlen.

So hocken denn im Wirtschafts-, Ernährungs- und ERP-Ministerium die Spitzenbürokraten über dicken Statistiken. Ihre Auffassung, aus den Lohntüten welcher Arbeiter noch weitere Groschen für den Bäcker, den Metzger und den Kolonialwarenhändler abgezweigt werden können, unterscheidet sich sehr heftig von der in Hans Böcklers DGB-Hauptquartier.

Von dort erwarten die Bonner das Alarmsignal allgemeiner Lohnforderungen, wenn sie durch Subventionsschmälerung solche Preiserhöhungen dekretieren.

Den Nieder-Breisigern blieb nichts anderes übrig, als dem DGB das Schlachtfeld für einen neuen Sieg freizugeben. Die Gewerkschaftler sollen an den Beratungen teilnehmen. Hans Böcklers dritte Kraft - neben Regierung und Opposition - zimmert Stück um Stück ihren Stuhl im Bonner Parlament. Und die Regierungskoalition nimmt ebenso Zug um Zug den Platz des - außerparlamentarisch noch nicht straff genug formierten - Unternehmerpartners ein.

Die Verhältnisse zwingen dazu. Denn: Bliebe Finanzminister Schäffer auch der Ausweg, die Subventionslast mit neuen Steuern abzufangen, so könnten die westdeutschen Landwirte doch nicht warten. Sie müssen jetzt - vor der Frühjahrsbestellung - wissen, welcher Fruchtanbau sich lohnt. Und diese Frage ist für sie vollkommen beantwortet, wenn feststeht, ob der Weltmarktpreis für bestimmte Nahrungsmittel weiterhin herunter- oder aber der Binnenpreis hochgeschleust werden soll.

Ob Westdeutschland in diesem Jahr weniger Getreide und weniger Zucker einzuführen braucht, hängt davon ab, ob die Bauern an Korn und Rüben mehr verdienen werden als bisher. Und den Import

von Grundnahrungsmitteln zu reduzieren, ist notwendig,

* weil sie in der Welt von Tag zu Tag teurer werden, und

* weil jeder Dollar für die Einfuhr von Industrierohstoffen gebraucht wird.

Daß die Bauern gelernt haben, wie in einer Marktwirtschaft das Geldverdienen zu perfektionieren ist, hat Ernährungsminister Niklas in den vergangenen Monaten bitter zu spüren bekommen. In seinen Januar-Bericht mußte er hineinschreiben: »In der Berichtszeit ist es nicht gelungen, die Bundesreserve an Getreide auf eine wünschenswerte Höhe zu bringen. Die Vorräte des Bundes sind gegenwärtig geringer als zu irgendeiner Zeit des vergangenen Jahres.«

Obwohl im Sommer 1950 fast genau so viel Brotgetreide geerntet worden ist wie 1949, kamen bis zum Januar nur 78 Prozent der 49er Ablieferung aus den Höfen heraus. Und dieses Minus geht ausschließlich à conto Roggen. Roggen kann man nicht nur zu Brot verbacken. Man kann ihn auch die Schweine fressen lassen. Und jeder Bauer, der seinen Roggen erst durch den Schweinemagen wandern läßt, hat am Zentner zirka fünf Mark mehr verdient, als wenn er ihn zur Mühle gefahren hätte.

Das Korn rutscht in dickem Strom in die Schweinetröge, so lange der Bauer, der seinen Roggen ablieferte und ausländisches Milo-Futtergetreide kaufte, mindestens zwei Mark auf den Zentner draufzahlen mußte.

Dem will Ernährungsminister Niklas wenigstens für den Rest des Jahres beikommen. Er ließ vom Kollegen Schäffer zunächst einmal 100 000 t Milo-Import-Futtermittel so weit heruntersubventionieren, daß der Bauer, der es im Tausch gegen Roggen annimmt, jetzt 2 DM am Zentner verdient. Damit hofft Niklas den Roggen aus dem Schweinetrog in die Backstube zu leiten, um den Brotgetreide-Anschluß an die nächste Ernte nicht zu verlieren und um nicht letzten Endes gezwungen zu sein, zusätzlich teure Devisen für den Import von Brotgetreide aufzubringen.

Weitere 300 000 t sollen noch in die Tauschaktion hineingesteckt werden. Zwei Drittel davon müssen jedoch erst über den

Ozean geholt werden. Und die sind drüben inzwischen so teuer geworden, daß jetzt in Bonn noch niemand weiß, woher dafür die überhöhten Subventionen genommen werden sollen.

Niklas' Ernährungs-Equilibristen wittern noch eine runde Million Tonnen Roggen auf den Bauernhöfen. Ein großer Teil davon wird mit Sicherheit auf den Brotgetreidemarkt kommen, wenn die Landwirte für die neue Ernte Platz haben müssen.

Deshalb ist es Minister Niklas nicht allzu bange um den Anschluß an das neue Jahr. Zum Teil auch deshalb nicht, weil der Brotverbrauch - ebenso wie der Kartoffelkonsum - der wählerischen Bundesbürger immer mehr zurückgeht, zugunsten »höherwertiger Lebensmittel«.

Und aus diesem Tatbestand ziehen die Niederbreisiger eines ihrer Hauptargumente gegen die lohnfordernden Gewerkschaftsabgesandten:

»Wenn der Roggenverbrauch um 20 Prozent unter dem Normalen bleibt, wenn die Mühlen in Mangelsituationen den Weizen statt mit 350 DM je t mit 410 DM bezahlen können - ein Preis, der nur die Verwendung in Feingebäck zuläßt - , wenn die Schlächter ihre Qualitätswurst besser verkaufen als die billigen Sorten, dann müßte auch in der Breite der Arbeiterschaft ein Geldpolster vorhanden sein, das Preiserhöhungen ohne Einkommenssteigerungen zuläßt.«

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