Tagelöhner in China Wie Herr Wang ein Manager wurde
Als Wang Zhaos Nachbarin starb, hatten die Angehörigen Mühe, Sargträger zu finden. Im Dorf Cao, einem kleinen Ort im Nordzipfel der Zentralprovinz Anhui, gibt es kaum noch Männer. Viele Väter, Söhne und Brüder aus den Bauernfamilien haben den Ort auf der Suche nach Arbeit irgendwo im Land in den vergangenen Jahren verlassen.
Zurück bleiben die Frauen, die Kinder und die Alten. Auch Bauer Wang schnürt jedes Jahr nach dem Frühlingsfest sein Bündel, um den Zug in Richtung Hauptstadt zu besteigen - 14 Stunden Fahrt im überfüllten Waggon der "Harte Sitze"-Klasse.
Wang gehört zu den rund 150 Millionen Männern und Frauen, die als Maurer, Löterinnen, Hausangestellte, Köche oder Kellnerinnen in Peking oder Shanghai, im Perlfluss-Delta oder in Tibet schuften, um das Geld für ihre Familien zu Hause zu verdienen.
Wir sind ihnen immer wieder begegnet. Es waren oft Gestalten mit abgerissenen Jacken und einfachen Schuhen. Die Frauen trugen einfache bunte Blusen und Röcke. Sie arbeiteten ohne Pause am Wochenende, Tag und Nacht.
Rechtlose Tagelöhner für das chinesische Wirtschaftswunder
Ohne das Heer dieser billigen und rechtlosen Tagelöhner wäre das Wirtschaftswunder Chinas nicht möglich, sie sind die stumme Stütze des Aufschwungs. "Dutzenden von Millionen von Wanderarbeitern wird das Recht auf angemessene Gesundheitsversorgung und Wohnung verweigert. Sie sind ausgeschlossen von einem breiten Spektrum von Staatsvergünstigungen, die Städter allerdings erhalten", schreibt 2007 Amnesty International. Der unsichere Rechtsstatus, soziale Isolation, das Gefühl kultureller Unterlegenheit und die Unkenntnis ihrer Rechte machen sie "besonders verwundbar".
Wir wollen einen dieser Männer näher kennenlernen, denen China so viel zu verdanken hat. Uns interessiert, ob sich Unmut zusammenbraut. Denn freie Gewerkschaften gibt es nicht, Streiks sind verboten, wer aufmuckt, fliegt.
Unsere Assistentin Yang Hua macht sich in den neu entstehenden "Central-Business-District" im Osten von Peking auf, um einen Wanderarbeiter vor einem der vielen Baustellen anzusprechen. Sie wartet an der "Großen-Hoffnungs-Brücke", wo ein Multi-Millionen-Dollar-Komplex aus Luxus-Apartments, Büros und Einkaufspassagen entsteht.
In einem nahen Imbiss über einem Teller dampfender Fleischtaschen erweist sich Wang Zhao als lebendiger und aufgeschlossener Gesprächspartner. Er trägt grüne Plastiklatschen, kurze Hosen, ein blau-weißes Turnhemd, das er über den Bauch hoch rollt. Er hat den bei vielen chinesischen Männern beliebten Stoppelhaarschnitt, einen schiefen Schneidezahn und einen schütteren Ziegenbart. Er ist zum Zeitpunkt unseres ersten Treffens 34 Jahre alt.
Als er hört, dass wir mit ihm sein Dorf besuchen und ihm dafür das Flugticket bezahlen wollen, schlägt er ein: "Super, ich bin noch nie geflogen." Wang baut mit seinen Kollegen einen Wohnturm, sie sind bereits beim achten von 29 Stockwerken. Mit einem Walkie-Talkie dirigiert er den Kranführer: "Das ist eine verantwortungsvolle Tätigkeit", sagt er: "Ich darf nicht eine Minute abgelenkt sein."
Lohn gibt es erst am Jahresende
In der Freizeit schläft er in einem Etagenbett in einer kargen Baracke, zehn Mann in einem Zimmer. Auch 13- und 14-Jährige sind unter ihnen. Wang schüttelt den Kopf: Dass Kinder auf der Baustelle arbeiten, gefällt ihm nicht. "Neulich haben die Vorarbeiter einen 12-Jährigen eingestellt, später aber wieder nach Hause geschickt", berichtet er.
Wang schiebt jeden Tag zwei Schichten à sechs Stunden und erhält dafür insgesamt 35 Yuan (3,50 Euro). Sein Arbeitgeber, die Firma "Fünf Seen" aus der Heimatprovinz Anhui, zieht ihm täglich für drei Mahlzeiten knapp einen Euro ab.
Seinen Lohn empfängt Wang erst am Ende des Jahres. Bis dahin zahlt die Firma 100 Yuan (zehn Euro) Taschengeld im Monat für Bier und Zigaretten aus. "Damit will die Firma die Arbeiter zwingen, ihren Job ordentlich zu machen, bis zum Schluss", sagt Wang.
Für jeden hat das Unternehmen - so hat Wang gehört - eine Lebensversicherung abgeschlossen. Die Familien tödlich Verunglückter sollen zwischen 100.000 und 200.000 Yuan bekommen. Und, wichtiger noch, findet Wang: "Fünf Seen" händigt die Löhne wie verabredet aus. Das ist nicht selbstverständlich: Immer wieder berichten Chinas Zeitungen von Firmen, die ihre Leute nicht bezahlen. Die Manager und Bosse verschwinden von den Baustellen, wenn ihr Projekt in finanzielle Schwierigkeiten gerät. Nicht nur Privatfirmen, sondern auch Staatsbetriebe wie etwa das für die Pekinger U-Bahn verantwortliche Unternehmen bleiben den Lohn schuldig.
Jeden Oktober zur Erntezeit kehrt Wang mit Geld und Geschenken in sein Heimatdorf Cao zurück. Er wandert dann von der Bushaltestelle die Dorfstraße hinunter - eine trostlose Zeile von verlassenen Läden und den Werkstätten von Sargmachern, Kesselflickern und Automechanikern.
Arbeit von Montag bis Sonntag, täglich zehn Stunden
Als wir mit ihm in sein Dorf fahren, dösen hinter zwei Handkarren Zigaretten- und Obstverkäufer. Im Hof der Poliklinik pumpt ein Arzt einem bis zur Bewusstlosigkeit betrunkenen Bauern den Magen aus, die übrigen Patienten und ein paar Angestellte schauen interessiert zu.
Von der einzigen Kreuzung in der Ortsmitte führt der Weg vorbei an der öffentlichen Toilette und Polizeiwache zu Wangs Hof. Von seinem Lohn hat er sich ein Haus gebaut, einen einstöckigen Betonklotz mit vier Zimmern und zwei Verschlägen, in denen gekocht wird.
Die Räume sind hoch, die Wände grau. Im Schlafzimmer der Eltern läuft ein Fernseher der Marke "Skyworth". Ein großes Poster mit einem stechend blauen Wasserfall bringt Farbe in das Zimmer.
Wangs zwei Söhne, neun und 14 Jahre alt, schlafen in einem Bett unter einem Rollbild "Pinien bei Sonnenuntergang". An der Wand klebt eine Urkunde von Sohn Xianxian für den zweiten Platz in einem Vorlesewettbewerb. Im Zimmer picken die Hühner Krumen auf.
Die Wangs bauen auf fünf Mu Boden (knapp 3400 Quadratmeter) Mais und Weizen an. Außerdem haben Wang und seine zwei Jahre jüngere Frau Bi Zhaomei noch etwas Brachland hinter dem Dorf erschlossen, auf dem Baumwolle, Pfirsiche, Hagebutten, Melonen und Erdnüsse wachsen.
"Wir lassen uns nicht mehr alles sagen"
Das sollte keine schlechte Voraussetzung für ein auskömmliches Leben sein. Doch die Erde ist karg, eine Salzschicht im Boden macht es unmöglich, einen Brunnen zu bohren. Im Jahr 2003 erntete Wang nur 500 Kilo Mais und kassierte dafür gerade 500 Yuan (50 Euro).
Im Winter verkauft Wangs Frau Hagebutten an der Landstraße, doch das bringt auch nur wenig ein. "Zum Essen haben wir genug", sagt Wang und zeigt auf die fünf Weizensäcke neben dem Bett. "Aber Geld verdienen kann man mit der Feldarbeit nicht."
Wang ist ein selbstbewusster Arbeiter, einer mit gesundem Menschenverstand, der sich nicht leicht einschüchtern lässt. "Mit der großen Politik habe ich nichts am Hut", sagt Wang. Aber: "Wir lassen uns nicht mehr alles sagen. Wir beschweren uns." Ob er mal über Gewerkschaften nachgedacht habe, wollen wir von ihm wissen. Er winkt ab. "Bei Problemen, etwa wenn das Essen zu schlecht ist, gehe ich zum Vorarbeiter."
Als "echte Erleichterung" empfindet es Wang, dass die Regierung die Landwirtschaftssteuern in den letzten Jahren deutlich gesenkt hat. Provinzfunktionäre dürfen nicht mehr willkürlich Abgaben und Gebühren eintreiben. Im Jahr 2004 zahlt seine Familie statt 400 nur noch 140 Yuan Agrarsteuern jährlich, zwei Jahre später schafft die Regierung die Bauernsteuern ganz ab. Auch der Strom kostet weniger als früher.
"Die einen werden früher reich, die anderen später"
Obwohl er weiß, dass er auf dem von der Partei verkündeten Marsch in den "kleinen Wohlstand" ganz hinten in der Reihe läuft, kommt es Wang nicht in den Sinn, an den Verhältnissen zu rütteln. Klaglos akzeptiert er die Maxime von Deng Xiaoping: "Die einen werden früher reich, die anderen später." Nur ein Gedanke bewegt ihn: "Meine Kinder sollen es mal besser haben als ich. Ich weiß nicht, ob sie es schaffen. Aber ich will ihnen wenigstens die Voraussetzungen geben." So wie er denken viele Wanderarbeiter, die uns begegnen.
Kurz vor dem Frühlingsfest 2007 begegnen wir ihm in Peking wieder. Er arbeitet nun auf Baustellen im Süden Pekings und bebt vor Stolz und Vergnügen: "Ich bin kein einfacher Arbeiter mehr", sagt er. Nach unserem Besuch in seinem Dorf sind ihm immer mehr Nachbarn nach Peking gefolgt, darunter auch seine zwei Brüder und ein Neffe. Schließlich holte ihn seine Baufirma vom Kran weg und machte ihn zum Verbindungsmann zu seinen Landsleuten.
Diese Wochen sind die spannendsten für die Wanderarbeiter. Werden sie ihren Lohn auch wirklich ausgezahlt bekommen? "Ich fahre nicht nach Hause, bevor nicht jeder meiner Leute sein Geld hat", erklärt Wang. "Ich habe es ihnen versprochen: Wenn ihr euer Geld nicht kriegt, dann zahle ich es aus eigener Tasche."
Wang versteht sich als Mittelsmann zwischen den Managern und seinen Arbeitskollegen, die ihm aus der Heimat gefolgt sind. Er muss sich um ihr Wohlergehen sorgen und zugleich sicherstellen, dass sie auf Trab sind. Einen Gewerkschafter hat er auf den Baustellen nie getroffen ("Ich weiß gar nicht, wo die sind, und was die eigentlich machen.").
Urlaub nur zum Frühlingsfest
So sagt er: "In meinem Herzen schütze ich die Rechte meiner Leute. Mein Prinzip ist: Ihr müsst gut arbeiten. Wenn ihr gut arbeitet, können wir über alles reden."
Ein paar Monate später: Die Arbeiter haben ihren Lohn bekommen und Wang ist weiter aufgestiegen - zum Sicherheitsbeauftragten: "Ich sorge dafür, dass die Arbeiter ihre Helme aufsetzen, nicht rauchen, die richtigen Arbeitsschuhe tragen und sich auf dem Gerüst festhaken", sagt er. Außerdem erledigt er einfache Verwaltungsaufgaben: Er bringt die Arbeitsverträge seiner Leute zur Behörde.
Dafür erhält er rund 2500 Yuan im Monat (250 Euro), Kost und Wohnheim zahlt der Arbeitgeber. Wang hat es geschafft. "Ich bin jetzt ein Manager", sagt er. Zwei Mal hat er im Sommer seine Frau, die Söhne und den Großvater für zwei Monate nach Peking geholt. "Ich habe meiner Frau gesagt: Nun brauchst Du mal nicht zu arbeiten. Erhole Dich! Wir sind alle zusammen zum Tiananmen-Platz gefahren!"
Auch in Wangs Dorf geht es besser. Die Bewohner seien alle krankenversichert, erzählt er. Wangs ältester Sohn ist ein guter Schüler und brauchte deshalb im letzten Jahr keine Schulgebühren mehr zu zahlen. Allerdings organisiert die Schule zuweilen Fahrten zu Prüfungen in der Kreisstadt, das kostet jedesmal bis zu 150 Yuan (15 Euro).
Auf den Baustellen Pekings bekommen seine Leute mittlerweile mindestens 50 Yuan (fünf Euro) am Tag. Allerdings: Acht Yuan (achtzig Cents) werden ihnen für das Essen abgezogen, und sie müssen nach wie vor sieben Tage jeweils zehn Stunden arbeiten, Urlaub gibt es nur zum Frühlingsfest. Wang ist dennoch zufrieden: "In den Ferien haben wir ja jeden Tag Wochenende."
Im Ort leben nun noch weniger Männer als vorher. Die Familien finden schwerer als früher Träger, die ihre Toten zu Grabe tragen. "So ist halt das Leben", sagt Wang und strahlt über das ganze Gesicht.