Tarifstreit Ost-Metaller drängen zum Streik
Leipzig - Die Tarifkommission der IG Metall erklärte die Verhandlungen für Berlin-Brandenburg-Sachsen für gescheitert und beantragte beim Hauptvorstand die Urabstimmung über einen Arbeitskampf. Darüber will die Gewerkschaftsführung bereits am Mittwoch entscheiden, so dass bei einer Zustimmung der Mitglieder Anfang Juni mit Streiks zu rechnen ist.
IG-Metall-Bezirksleiter Hasso Düvel begründete die Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung erneut damit, dass eine "Gerechtigkeitslücke" in Ostdeutschland geschlossen werden müsse. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall wies die Argumentation zurück und forderte, vor weiteren Arbeitszeitverkürzungen müsse die "Produktivitätslücke" in den neuen Ländern geschlossen werden.
Autohersteller im Visier
Die Tarifverhandlungen für die 310.000 Beschäftigten der ostdeutschen Metall- und Elektorindustrie waren Anfang voriger Woche nach drei Gesprächsrunden abgebrochen worden. Die ostdeutschen Metall-Arbeitgeber wollen sich auf die Forderung nach einer schrittweisen Senkung der Arbeitszeit erst bei gleicher Wirtschaftskraft der Unternehmen einlassen. Im Falle von Streiks dürften Autohersteller und -zulieferer im Südosten Deutschlands besonders stark betroffen sein.
Düvel hatte schon vor der Sitzung der Tarifkommission einen Streik als unabwendbar bezeichnet. "Es wird sich vermutlich nicht abwenden lassen", sagte er in der ARD. Derzeit müssen die Metallarbeiter in Ostdeutschland mit 38 Stunden pro Woche drei Stunden länger arbeiten als ihre Kollegen in Westdeutschland.
Bank-Volkswirt: "Vollkommen unangebracht"
Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Hans Werner Busch bekräftigte den Widerstand der Arbeitgeber. Eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich würde die Kosten pro Stunde um 8,6 Prozent erhöhen. Dies sei angesichts des Rückstands auf Westdeutschland wirtschaftlich nicht gerechtfertigt und arbeitsmarktpolitisch fatal. Bei Banken-Volkswirten stieß die Streikankündigung auf Unverständnis. "In der jetzigen konjunkturellen Situation sind Streiks vollkommen unangebracht", sagte Volker Nitsch von der Bankgesellschaft Berlin. Zwar gehe es der ostdeutschen Industrie noch verhältnismäßig gut. "Das liegt allerdings gerade daran, dass die längeren Arbeitszeiten und die niedrigeren Löhne im Osten ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sind."
Bernd Weidensteiner von der DZ Bank sagte, individuell sei die Forderung zwar verständlich, für die gleiche Leistung auch den gleichen Lohn zu fordern: "Aber mit dem Argument könnte man auch weltweit gleiche Löhne fordern." Die ostdeutsche Metallindustrie sei derzeit nur konkurrenzfähig, wenn sie den Vorteil niedrigerer Lohnkosten ausspiele.