Tarifverhandlungen: Scheitern nach 60 Minuten - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Tarifverhandlungen Scheitern nach 60 Minuten

Die Tarifgespräche in der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg sind gescheitert. Das teilte Gesamtmetallchef Martin Kannegiesser am Freitag in Stuttgart mit. Die IG Metall wird vermutlich heute Nachmittag eine Urabstimmung für einen Streik Anfang Mai beschließen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Stuttgart - Kannegiesser gab der IG Metall die Schuld an dem Scheitern. Die Arbeitgeber hätten ein Angebot vorgelegt. Dieses sei abgelehnt worden. "Jetzt ist die IG Metall am Zug", betonte Kannegiesser.

Die Arbeitgeber hätten abwägen müssen, ob die Kosten für einen Konflikt oder einen hohen Abschluss für die Metall-Branche negativere Auswirkungen hätten. "Nun müssen wir für unsere Haltung einstehen." Kannegiesser betonte, er bedauere die Entwicklung in der Tarifrunde sehr.

Das abschließende Spitzengespräch in Stuttgart hatte nur rund eine Stunde gedauert. Eine neuerliche Gesprächsrunde soll es vorerst nicht geben. Klaus Zwickel sagte nach dem Gespräch, beide Seiten würden nun ihre Gremien informieren. Davon hänge es ab, ob es im traditionellen Pilotbezirk Baden-Württemberg mit seinen 820.000 Beschäftigten weitere Verhandlungen geben werde. Am Nachmittag wollte sich die Große Tarifkommission der Gewerkschaft treffen, um über den Fortgang der Verhandlungen zu beraten.

Von Gewerkschaftsseite hatte der Stuttgarter IG-Metall-Bezirkschef Berthold Huber die Tarifverhandlungen für gescheitert erklärt. Die Bezirksleitung werde der Großen Tarifkommission empfehlen, beim Hauptvorstand das Scheitern der Verhandlungen zu beantragen, sagte Huber. Zudem solle für den Bezirk eine Urabstimmung vorgeschlagen werden.

Huber sagte, die Arbeitgeber hätten in den Verhandlungen ein Angebot im Gesamtvolumen von 3,25 Prozent vorgelegt. Huber verwies auf den am Donnerstag erzielten Tarifabschluss in der Chemieindustrie im Gesamtvolumen von 3,6 Prozent und sagte, es sei nicht zumutbar, dass die IG Metall schlechter abschließe, "zumal bei uns die Lage besser aussieht." Die IG Metall habe sich einen Abschluss in der Größenordnung von vier Prozent vorgestellt, und dazu habe sie mehrere Lösungsmodelle vorgeschlagen. Diese seien von den Arbeitgebern abgelehnt worden.

Der Verhandlungsführer der Arbeitgeber, Otmar Zwiebelhofer, kritisierte das Verhalten der IG Metall scharf. Ein Streik passe nicht in die Landschaft. Ein Streik sei auch kein Weg, um eine Auseinandersetzung im 21. Jahrhundert zu führen. Die Arbeitgeber hätten ein Angebot vorgelegt von 3,3 Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von 15 Monaten und eine Einmalzahlung von 190 Euro im ersten Jahr. Die IG Metall habe auf vier Prozent beharrt. "Das bedauern wir sehr."

Unterdessen ist auch der Tarifstreit in der bayerischen Metallindustrie eskaliert. Die Arbeitgeber hätten überraschend und ohne Angabe von Gründen mitgeteilt, dass sie die Verhandlungen abbrechen, sagte ein IG-Metall-Sprecher am Freitag in München. Der für kommenden Montag geplante Verhandlungstermin werde nicht stattfinden, bestätigte ein Sprecher der Arbeitgeber. Angesichts der festgefahrenen Verhandlungen in Baden-Württemberg sei derzeit auch in Bayern keine Chance für eine Einigung erkennbar, hieß es zur Begründung.

Die Gewerkschaft reagierte empört. "Das ist ungeheuerlich", sagte der Sprecher. Es sei ein unglaublicher Stil, die Verhandlungen abzubrechen, während in Stuttgart beide Seiten am Verhandlungstisch säßen. Die Arbeitnehmer wollen nach eigenen Angaben am Nachmittag ihr weiteres Vorgehen besprechen. Die IG Metall untermauerte ihre Forderungen nach 6,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt auch am Freitag mit massiven Warnstreiks in Bayern. Allein in Ingolstadt wurden am Vormittag rund 14 000 Menschen zu einer Kundgebung erwartet.