Bodensee-"Tatort": Tod dem bösen, alten, weißen Mann
"Tatort"-Faktencheck Ist deutsche Billigmode tödlich?
"Der schnelle Kauf, ohne zu zaudern, das ist unser Geschäftsprinzip!" Maximilian Heinrich, der Chef der Billigmodekette Billinda, setzt auf Umsatz. Umkleidekabinen gibt es in dem (seltsamerweise menschenleeren) Geschäft ebenso wenig wie eine Verkäuferin. Es ist das Prinzip Kik, das der Bodensee-Tatort "Wofür es sich zu leben lohnt" an diesem Sonntag beschrieb: Billige Kleidung, hastig zusammengenäht von Arbeitern in Bangladesch, die den Preisdruck mitunter mit dem Leben bezahlen.
Den Firmenchef scheint das nicht zu interessieren - oder doch? Als Heinrich telefonisch die Nachricht bekommt, dass eine Textilfabrik in Bangladesch eingestürzt ist und Hunderte Arbeiter unter den Trümmern begraben sind, ist er offensichtlich erschüttert.
Sind deutsche Firmen für Arbeitsbedingungen in Bangladesch verantwortlich?
In einer Talkshow muss Heinrich sich stellen - auf die Frage, ob er sich für die Katastrophe mit 1100 Toten mitverantwortlich fühlt, antwortet er: "Auch Ihnen würde es schwerfallen, genau wie mir, die verschlungenen Wege von Mutterkonzern, Tochterfirmen, Zulieferern, Zwischenhändler, etc. etc. zu entwirren."
Das ist das übliche Erklärmuster von Unternehmen, die im Ausland von Subunternehmern produzieren lassen. In Wirklichkeit wissen sie aber recht gut, wo ihre Ware herkommt - nur delegieren sie die Verantwortung. Weil sie selbst vor Ort keine Fabriken haben, lassen sie sich dort bescheinigen, dass sie alle Vorschriften einhalten. "Faktisch lassen die Firmen sich von ihren Zulieferern ein Papier unterschreiben, dass die Sozial- und Sicherheitsstandards eingehalten werden", kritisiert Gisela Burckhardt, geschäftsführender Vorstand der Organisation Femnet.
Manche Unternehmen überprüfen selbst, ob die Standards eingehalten werden, meist in angemeldeten Besuchen, einmal pro Jahr. Ausreichend sei das aber nicht, sagt Burckhardt: "Aus unserer Sicht haben die Firmen die Pflicht, für gute Arbeitsbedingungen zu sorgen."
Nach dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza mit mehr als 1100 Toten - die Katastrophe wird im "Tatort" zitiert - hat sich immerhin etwas geändert. Die Hersteller unterzeichneten den "Bangladesh Fire and Building Safety Accord" - ein Abkommen, das wenigstens bessere Sicherheitsstandards garantiert, sagt Burckhardt. "An Überstunden, Lohndumping oder Diskriminierung hat das Abkommen allerdings nichts geändert."
Hat Bangladesch ausländische Unternehmer "angefleht", Fabriken zu bauen?
Unternehmer Heinrich wird im "Tatort" von drei Frauen gefangen genommen. Gefesselt und blutend versteht er die Welt nicht mehr: "Was interessiert Sie denn eine Fabrik in Bangladesch?" fragt er die drei. Die Antwort: "Es ist doch Wahnsinn, dass Sie Ihre billigen Kleider dort nähen lassen und dass es Ihnen egal ist, dass die Menschen dabei sterben. Und es ist Wahnsinn, dass Sie damit durchkommen."
Aber ganz so einfach ist es nicht, sagt Heinrich: "Wissen Sie, dass Bangladesch uns Unternehmer angefleht hat, dort weiterhin Fabriken zu unterhalten? Ohne uns würden dort noch viel mehr Menschen verhungern."
Bodensee-"Tatort": Tod dem bösen, alten, weißen Mann
Die Textilindustrie ist wichtig für Bangladesch, die Einnahmen der Branche haben das Land aus extremer Armut geholt. Auch Burckhardt bestätigt das: "Die Regierung in Bangladesch möchte natürlich, dass ausländische Unternehmen weiterhin vor Ort produzieren lassen." NGOs, die die gefährlichen Arbeitsbedingungen anprangern, wurden zuweilen tatsächlich dafür kritisiert, dass sie die Branche gefährden.
Tragen die Kunden mit der Billigjeans auch eine Mitschuld?
Billinda-Chef Heinrich muss es gar nicht selbst sagen, seine Folterer nehmen es ihm aus dem Mund: "Jetzt wird er gleich sagen, dass jeder, der Billigjeans trägt, mit schuld ist am Tod seiner Arbeiter." So eine Aussage ist durchaus etwas verkürzt. Zwar sollten Verbraucher schon darauf achten, wo ihre Kleidung herkommt, aber eigentlich müssten strengere Gesetze her, fordern Aktivisten. Kleidung, die unter prekären Bedingungen hergestellt wurde, dürfte in Deutschland dann nicht verkauft werden.
Denn so ganz einfach ist es nicht: Zuweilen wird Kleidung für Kik oder H&M in derselben Fabrik von denselben Arbeitern genäht wie die Klamotten von Edelmarken wie Hugo Boss. Wie heißt es im "Tatort"? "Es ist immer alles komplizierter, das ist ja das Problem. Die Welt ist unüberschaubar, es gibt keine einfachen Lösungen."
Der Wunsch, irgendjemanden entlang der Lieferkette zur Verantwortung zu ziehen, eint Opfer, Aktivisten und alle, die sich hilflos fühlen angesichts der Ungerechtigkeit dieser Welt - eines der Themen dieses "Tatorts". Der Film lässt es zwar offen, aber man darf sicher sein: Der Kapitalist Heinrich wird überleben.