NEW ECONOMY Teds Spielzeug
Der graue Löwe aus Botswana hat ausgebrüllt. Ausgestopft steht er auf einem schwarzen Felsblock zwischen zwei Papyrusbäumen und blickt mit toten Glasaugen teilnahmslos auf den Indianer-Kopfschmuck in der Ecke des Konferenzraums.
Ted Turner wippt rastlos mit dem schwarzen Ledersessel hin und her und lässt seine Beine in der Luft baumeln wie ein kleines Kind. »Mister Turner ...«, »Ted!!!«, unterbricht der milliardenschwere TV-Unternehmer lautstark mit schnarrender Stimme, »kommt mir nicht mit diesem Mister-Scheiß!« Er bricht in dröhnendes Gelächter aus und greift mit beiden Händen nach dem riesigen runden Konferenztisch aus türkisblauem Marmor, Holz und Messing.
Alle nennen sie ihn hier Ted. Obwohl er der uneingeschränkte Boss ist. Vor 20 Jahren hat Turner, 61, mit 200 Mitarbeitern in Atlanta CNN gegründet, den ersten 24-Stunden-Nachrichtenkanal der Welt.
»Chicken Noodle Network« hat die Branche damals gespottet, doch inzwischen ist aus der unbedeutenden Südstaaten-Klitsche eine hoch profitable Nachrichtenfabrik geworden, deren 4000 Mitarbeiter acht verschiedene Fernsehprogramme, zwei Radiostationen und zwölf Internet-Seiten betreiben. Insgesamt kann CNN von einer Milliarde Menschen empfangen werden.
Daher könnte alles so schön sein für Ted Turner in dieser CNN-Geburtstagswoche: Michail Gorbatschow ist da, König Abdullah von Jordanien mit Königin Nur, der Witwe des verstorbenen Königs, Altpräsident Jimmy Carter, die Pop-Diva Diana Ross und Uno-Generalsekretär Kofi Annan; über Satellit wird Russlands neuer Ministerpräsident Michail Kassjanow zugeschaltet. Selbst die Schauspielerin Jane Fonda steht auf dem Programm, obwohl sie sich erst vor kurzem nach achtjähriger Ehe von Turner getrennt hat.
Doch dann sind da noch zwei Gäste, die nicht den Eindruck erwecken, als seien sie nur gekommen, um dem legendären CNN-Gründer zu huldigen: Steve Case, 41, Chef des Online-Anbieters AOL, und Jerry Levin, 61, Vorstandsvorsitzender von Time Warner, dem weltgrößten Medienkonzern der Welt, der 1996 für 7,4 Milliarden Dollar Ted Turners Fernsehimperium übernommen hatte. Seitdem ist der Tycoon aus Atlanta mit zehn Prozent Time Warners größter Anteilseigner und als Levins Vize nach wie vor zuständig für sein altes Unternehmen.
Doch damit wird es im Herbst vorbei sein. Denn dann soll - wenn Regulierungsbehörden und Aktienbesitzer zustimmen - AOL in einer 143-Milliarden-Dollar-Transaktion mit Time Warner fusionieren. Zum ersten Mal wird damit ein traditionsreicher Großkonzern von einem jungen Internet-Unternehmen geschluckt - im größten Deal der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte.
Mit einem Börsenwert von über 200 Milliarden Dollar und einem Jahresumsatz von etwa 30 Milliarden wird AOL Time Warner Inc. ein Konzern der Superlative sein: Der neue Koloss kontrolliert 20 Prozent der amerikanischen Fernseh-Kabelnetze. Ihm gehören unter anderem CNN, »Time«, »Fortune«, das Hollywood-Studio Warner Bros. und das Internet-Imperium von AOL. Wenn alles so abläuft, wie es die Macher planen, wird der Gigant die Grenzen zwischen »alten« und »neuen« Medien aufheben und damit die gesamte Branche einem beispiellosen Veränderungsdruck aussetzen.
Doch noch ist es nicht so weit. »Wer weiß schon, was die Zukunft bringen wird«, grummelt Turner in seinem Konferenzraum im breitesten Südstaatenakzent. »Vielleicht werden wir den Herbst gar nicht mehr erleben, weil vorher ein Atomkrieg ausgebrochen ist.« Vielleicht. Wahrscheinlicher ist, dass Turner im Herbst das operative Geschäft an den Case-Vertrauten Bob Pittman abgeben und sich mit der undankbaren Rolle eines »Senior-Beraters« abfinden muss.
Längst haben sich Levin und Case auf Kosten Turners geeinigt: Levin wird als Vorstandsvorsitzender auch nach der Fusion das Tagesgeschäft von AOL Time Warner verantworten, Partner Case sich als »Chairman« um die Strategie kümmern.
Doch selbst wenn Turners Anteil an dem neuen Unternehmen von zehn auf vier Prozent schrumpfen wird - er wird immer noch der größte Einzelaktionär sein und damit über erheblichen Einfluss verfügen.
Der Trip von Case und Levin vergangene Woche zum CNN-Geburtstag in Atlanta dürfte damit vor allem zwei Zielen gedient haben: den schwer berechenbaren Haudegen aus Georgia zu beschwichtigen und die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass von dem neuen Mediengiganten keine Gefahr ausgehen wird.
»Meine Lebensaufgabe ist es, das journalistische Erbe von CNN zu bewahren, zu schützen und zu verteidigen«, ruft der alternde Time-Warner-Boss ins Mikrofon, und einige hundert CNN-Mitarbeiter klatschen erleichtert. Das Leben hat tiefe Kerben in Levins Gesicht gegraben. Sein Sohn, ein Lehrer, ist vor drei Jahren von einem seiner Schüler erschossen worden.
Seit der Fusionsankündigung im Januar hat Levin die Kleiderordnung der Internet-Gesellschaft übernommen: offenes Hemd, braunes Tweed-Jackett, Bootsschuhe. Ohne Betonung, ohne das Gesicht zu verziehen und leicht nach vorn gebeugt, versucht Levin die Macht des neuen Mediengiganten herunterzuspielen: »Sie können Größe nicht mit Macht gleichsetzen.«
Doch Time Warner ist in den vergangenen Wochen in der amerikanischen Öffentlichkeit unter starken Beschuss geraten. Nach einem ungelösten Vertragsstreit mit dem Erzrivalen Disney hatte der Konzern den Disney-Sender ABC in mehreren amerikanischen Großstädten aus seinem Kabelnetz katapultiert - und damit auf einen Schlag alle Befürchtungen über eine zu große Machtzusammenballung bestätigt.
»Er ist jemand, dem vor einiger Zeit plötzlich die Visionen abhanden gekommen sind«, sagt ein Kollege über Levin, der als junger Mann Hebräisch und Bibelkunde studiert und sich später einen Namen als weitgehend charismafreier, aber dafür abgebrühter Karrieretaktiker gemacht hat. Oft genug ist er totgesagt worden, doch im Zweifelsfall sind immer seine Gegner auf der Strecke geblieben. Jetzt aber läuft langsam die Zeit gegen ihn.
Die Zukunft sitzt neben ihm und hält sich zurück: Steve Case, der in seinem blauen Blazer, dem roten Schlips und dem akkuraten Haarschnitt problemlos als Levins Schwiegersohn durchgehen würde. Als Produkttester bei Procter & Gamble oder als »Manager für neue Pizzen« bei der Schnellimbisskette Pizza Hut hatte Case schon zu Beginn seiner ungewöhnlichen Karriere stets die Nähe zur Kundenfront gesucht.
Immer wieder hat er in den folgenden Jahren mit seinen Firmen finanziell am Rande des Abgrunds gestanden, doch in wenigen Monaten wird er an der Spitze des größten Medienkonzerns der Welt stehen. Mit schmalen Lippen, unbewegtem Gesicht und kalten Augen lässt er Levin noch den Vortritt.
Ist es ein Problem, dass der Aktienkurs von AOL seit Januar von 72 auf 54 Dollar gefallen ist, während der von Time Warner von 65 auf 79 stieg? »Nein«, sagt Levin, »es war von Anfang an klar, dass es aus dem Deal keinen Ausstieg geben wird. Außerdem sind andere Technologieaktien sehr viel stärker gefallen.« Case verzieht keine Miene.
Wird das neue Unternehmen nicht zu mächtig? »Ich mag das Wort Macht nicht«, meldet sich Case zu Wort. »Das Internet wird nicht zu mehr Konsolidierung, sondern zu mehr Zersplitterung führen.« Später wird er erklären, dass die Menschen gerade in der fragmentierten Online-Welt Orientierung vor allem bei bekannten Marken suchten - wie »Time« oder CNN.
Dann steht er auf und eilt mit Levin in den großen Saal, in dem die Festgesellschaft und Ted Turner bereits auf seinen Vortrag warten. »Er war immer mein Held«, liest Case mit monotoner Stimme vom Blatt ab. Wie ein zweitklassiger Versicherungsvertreter spult er seine Rede herunter, gängige Phrasen über die schöne neue Online-Welt, die das Leben eines jeden Menschen verändern wird.
Am Nebentisch ist einer jungen Frau längst der Kopf auf die Brust gesunken, und auch Turner gähnt und reibt sich Augen und Stirn, um bei dieser Performance wach zu bleiben.
»Wenn Firmen fusionieren, werden immer Leute entlassen«, hatte der eigenwillige Medientycoon zwei Tage zuvor in seinem Konferenzraum erklärt, »und noch ist die Fusion nicht abgeschlossen. Doch ich habe schon meine Entlassungspapiere bekommen, nicht? Aber bei Fusionen kann es immer unvorhersehbare Dinge geben, oder?« KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN