Teil 2: "Die missbrauchen meinen Namen" - DER SPIEGEL
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Teil 2 "Die missbrauchen meinen Namen"

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

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SPIEGEL:

Wie erklären Sie sich, dass Ihre Steueridee unter Politaktivisten viele Anhänger hat, Wirtschaftsexperten sie jedoch kritisieren?

Tobin: Tun ja nicht alle. Die meisten Ökonomen ignorieren meinen Entwurf schlicht. Allerdings gibt es eine Reihe von Büchern und Artikeln über die Tobin-Tax. Einige sind dafür, andere kritisieren sie, manche sind unentschieden.

SPIEGEL: Professor Rudi Dornbusch vom Massachusetts Institute of Technology sieht Ihre Steuer kritisch, Robert Mundell, wie Sie ein Nobelpreisträger für Wirtschaft, hält sie gar für eine "dumme" Idee.

Tobin: Ich hoffe, die beziehen sich auf Attac und Konsorten, nicht auf meine Steuer. Ich glaube gern, dass Dornbusch und Mundell dagegen sind.

SPIEGEL: Ausgerechnet George Soros, der berühmteste Spekulant der Welt, lobt Ihre Spekulanten-Abwehrsteuer. Schon wieder Applaus von falscher Seite?

Tobin: Der Mann weiß eben, wovon er spricht. Soros hat an den Finanzmärkten sehr viel Geld verdient, das ist an sich ja keine Sünde. Zudem hat er sehr unorthodoxe Vorstellungen über das Weltwährungssystem. Auf ihn sollten die Finanzminister der Welt mehr aufpassen als auf mich, ihn sollten sie stärker fürchten, denn er hat die Mittel, um seine Vorhaben durchzuziehen.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass Ihre Tobin-Steuer einmal verwirklicht wird?

Tobin: Keine Chance, fürchte ich. Die entscheidenden Leute in der internationalen Finanzszene sind dagegen.

SPIEGEL: Die europäischen Wirtschafts- und Finanzminister werden auf ihrer Konferenz Ende September in Lüttich die Tobin-Tax diskutieren.

Tobin: Das wird wahrscheinlich eine reine Show. Ich bezweifle, dass ernsthaft darüber nachgedacht wird. Die wollen den Finanzsektor doch nicht mit einer zusätzlichen Steuer belasten. Die wichtigsten Finanzminister der Welt sind gegen die Tobin-Steuer, einschließlich der der Vereinigten Staaten – ob es nun Clintons Mann war oder Bushs.

SPIEGEL: Warum kehrt man zum Schutz der Währungen nicht einfach wieder zu einem Festkurssystem zurück, bei dem die Zentralbanken der beteiligten Länder die Wechselkurse stabil halten?

Tobin: Das wurde versucht und scheiterte. Spekulanten wie Soros manövrieren die Notenbanken einfach aus. Schauen Sie doch bloß nach Argentinien, das seinen Peso direkt an den US-Dollar gekoppelt hat. Was dort geschieht, ist ein Desaster, ein absolutes Desaster. Solche unumstößlichen Wechselkursfestlegungen sind Einladungen zur Spekulation. Die Händler wetten darauf, ob die Notenbanken willens und fähig sind, die vereinbarten Kurse zu verteidigen. Nein, Festkurssysteme sind aus der Mode gekommen, und das ist auch gut so.

SPIEGEL: Warum nicht Währungskrisen vermeiden, indem man Währungen einfach abschafft? Kann eine Währungsunion nach dem Vorbild des Euro nicht auch in Asien und Amerika sinnvoll sein?

Tobin: So wie ich es sehe, ist der Euro nicht gerade der große Erfolg, der sich als Modell für andere Weltregionen aufdängt.

SPIEGEL: Der Euro holt gegenüber dem Dollar auf.

Tobin: Ich beziehe mich nicht auf seinen Wert. Euroland krankt daran, dass sich Europa gesamtwirtschaftlich in einer wenig guten Verfassung befindet. Schuld daran ist die Europäische Zentralbank, weil sie keine Politik verfolgt hat wie die amerikanische Notenbank Fed.

SPIEGEL: Und die wäre?

Tobin: Wim Duisenberg, Präsident der Europäischen Zentralbank, hat mir einmal gesagt, dass er mit realer Wirtschaft, mit Wachstum und Beschäftigung, nichts zu tun habe. Seine Aufgabe sei es, die Preise stabil zu halten, also Inflation zu bekämpfen. Wenn das alles ist, was die europäische Geldpolitik zu bieten hat, dann ist es nicht überraschend, dass die Wirtschaft in Europa schwach ist.

SPIEGEL: Wie hat Duisenberg seine Haltung begründet?

Tobin: Er hat eine sehr ideologische Sicht. Für ihn ist Preisstabilität eine Art Religion so wie früher in den USA für die Monetaristen. Zum Glück gehörte der amerikanische Zentralbankchef Alan Greenspan nicht dazu. Die Fed beschränkt sich nicht darauf, die Preise stabil zu halten. Sie fühlt sich auch für Wachstum und Arbeitsplätze verantwortlich. Greenspan hat immer gesagt, dass die Fed nach besten Kräften beides zu erreichen versucht, Preisstabilität und Wachstum.

SPIEGEL: War das ein Kunststück angesichts des längsten Wirtschaftsbooms der US-Geschichte?

Tobin: Der Aufschwung war nicht bloß ein historischer Zufall. Greenspan hat viel damit zu tun, ebenso die Clinton-Regierung. Zweifellos hatte Greenspan Glück, aber er war eben auch mutig. 1994 galt es der Notenbank als heiliges Gesetz, dass Inflation drohe, wenn die Arbeitslosenrate unter sechs Prozent sinkt. Als wir damals diesen Grenzwert erreichten und sich die Inflation weiter ordentlich benahm, widerstand Greenspan dem Druck und griff nicht ein, drosselte die Geldmenge nicht. Wir kamen runter auf vier Prozent Arbeitslosigkeit, und trotzdem stieg die Inflation nicht, nur weil Greenspan es wagte, sich gegen traditionelle Lehrmeinungen zu stellen. Duisenberg würde sich so etwas nie trauen.

SPIEGEL: Herr Tobin, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das Gespräch führten die Redakteure Christian Reiermann und Michaela Schießl.

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