Telekom-Prozess: Der Ausputzer im Gerichtssaal - DER SPIEGEL
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Telekom-Prozess Der Ausputzer im Gerichtssaal

Telekom-Urgestein Eick gilt als Aufräumer - und gab sich auch jetzt im Frankfurter Prozess als Macher. Mit Erfolg: In dem gigantischen Verfahren um den Absturz der Telekom-Aktie ließ der Finanzvorstand das Absurde plötzlich ziemlich wahrscheinlich aussehen.
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Frankfurt am Main - Karl-Gerhard Eick liefert schon zu Anfang seiner Stellungnahme einen schlagenden Beweis. Vielleicht nicht juristisch gesehen - jedem Manager aber wird seine Erklärung einleuchten. Im Telekom-Prozess geht es um die Frage, wann genau im Jahr 2000 die Entscheidung für den Kauf des US-Mobilfunkanbieters Voicestream fiel. Bei einer Aufsichtsratsitzung am 30. Juni sei es sicher noch nicht soweit gewesen, sagt Eick. Weil er am nächsten Tag in den Urlaub fuhr. In der entscheidenden Phase für einen solch gigantischen Deal wäre es sicherlich nicht günstig gewesen, "wenn der zuständige Finanzvorstand, etwas flapsig formuliert, erst einmal durch Abwesenheit glänzt."

Telekom-Finanzvorstand Eick: Er gibt den Aufklärer - kann sich aber an vieles dann doch nicht mehr erinnern

Telekom-Finanzvorstand Eick: Er gibt den Aufklärer - kann sich aber an vieles dann doch nicht mehr erinnern

Foto: AP

Mit seinen sorgsam zurückgekämmten Haaren und dem akkuraten Anzug erinnert Eick auf den ersten Blick an einen gealterten Hollywood-Star aus den Fünfzigern. Doch er gilt als Aufräumer - "Ausputzer" hat ihn das Handelsblatt einmal genannt. Und auch an diesem vierten Prozesstag marschiert er mit der Aura desjenigen in den Saal, der es jetzt mal richten muss: Sein Ex-Chef Sommer hatte am Vortag das Verhör mit dem stoischen Hinweis auf Erinnerungslücken und pampigen Antworten durchgezogen - was seine Glaubwürdigkeit nicht unbedingt erhöht hat.

Eick jedoch haut mit der Handkante auf den Tisch, während er anhand von zahlreichen Details erklärt, wie genau die Verkaufsentscheidung für Voicestream zustande kam. Und warum der Kauf des US-Konkurrenten, anders als von den über 16.000 Klägern gefordert, noch nicht im Prospekt für den dritten Börsengang der Telekom im Juni stehen konnte.

Und tatsächlich klingt es plötzlich gar nicht mehr so unwahrscheinlich, dass die Telekom damals innerhalb von acht Tagen mal eben eine 40-Milliarden-Euro-Übernahme gestemmt haben will. Immerhin schien damals, in der Boomzeit der New-Economy, auch bei der Telekom noch alles möglich: Die ersten beiden Tranchen des Börsengangs hatten Unsummen in die Kassen gespült. Das Gebot der Stunde laut Eick: "internationalisieren". Und das war damals teuer: In der Branche wurde überall mit gigantischen Summen hantiert. Konkurrent Vodafone   habe wenige Monate vor dem Voicestreamdeal 170 Milliarden Euro für das D2-Netz ausgegeben, hatte Ex-Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus schon am Morgen im Zeugenstand erklärt.

Eick erzählt nun also, wie der Vorstand noch in der Aufsichtsratsitzung am 30. Juni 2000 zig potentielle Übernahmeziele vorgestellt hatte. Neben Voicestream seien in den USA auch Qwest und SBC in Frage gekommen. Sogar der japanische Riesen-Konzern NTT DoCoMo   sei in jenen Zeiten im Gespräch gewesen.

Dann aber ging plötzlich alles zackzack, wenn man Eick glauben darf. Am 11. Juli sei er angerufen worden mit der Bitte, in die USA zu fliegen, führt Eick fort. Da seien die Gespräche mit Voicestream in eine "konkrete Phase" getreten. Und schon am 23. Juli war alles in trockenen Tüchern. Ähnlich hatte es Ex-Oberaufseher Winkhaus am Morgen erzählt. Und auch die Sparversion von Ex-Telekom-Chef Ron Sommer passt perfekt ins Bild.

Das macht es den Anklägern sichtlich schwer, ihre These zu untermauern: dass der Kauf von Voicestream schon vor dem dritten Börsengang weitgehend klar war - und deshalb hätte im Prospekt erwähnt oder zumindest im Juni hinzugefügt werden müssen. Doch Andreas Tilp, der Anwalt des Musterklägers, gibt sich stoisch. Er bohrt, will Details zu den beiden Angeboten wissen, die die Telekom Voicestream unterbreitete - das erste am 6. Juni. Doch Eick betont genau wie Winkhaus und Sommer nur: Die Offerten seien unverbindlich gewesen - um Voicestream warmzuhalten. Ob es denn für andere Unternehmen ähnliche Angebote gegeben habe in der damaligen Zeit? Daran will sich keiner der bisher Befragten genau erinnern können.

Es könnte sein, dass Tilp und die übrigen 900 Kläger-Anwälte letztlich daran scheitern, dass sie so lange her ist, die Zeit, in der die Telekom-Aktie über 100 Euro zog - nur um kurze Zeit später auf rund acht Euro hinunterzurauschen. Die Zeit, in der in rascher Folge Milliarden für Voicestream, allerlei andere Unternehmen und dann auch noch für die UMTS-Lizenzen ausgegeben wurden. Und die Schulden Sommer und den Vorstandskollegen plötzlich über den Kopf wuchsen.

Denn wer will es Eick verübeln, dass er nach acht Jahren nicht mehr weiß, wie lang genau er damals im Urlaub war? Oder ob man nun im März, im April oder im Mai 2000 über eine mögliche Übernahme des US-Mobilfunkunternehmens Sprint   sprach? Zumal sich Tilp immer mehr in Detailfragen verliert. Und Richter Christian Dittrich, der in den ersten Tagen noch stoische Gelassenheit in dem zähen Mammutprozess zeigte, darauf zunehmend genervt reagiert.

Und selbst, wenn sich die von Tilp und seinen Anwaltskollegen mühsam zusammengetragen Indizien letztlich zu einem weitgehend einheitlichen Bild zusammensetzen: Dann liegt es im Ermessen der Richter zu entscheiden, wann von einer Kaufabsicht gesprochen werden kann. Vor allem aber wird es dauern, bis es soweit ist - Jahre womöglich.

Eick dürfte den Auftritt heute deshalb schnell vergessen. Er hat gerade anderes zu tun: Der Konzern muss weiter Stellen abbauen, in Griechenland kämpft die Telekom um die Übernahme von Hellenic Telecom (OTE), in Deutschland um die Festnetzkunden und die Verbesserung des miserablen Services. Zumindest aus der Sicht eines Finanz-Vorstandes geht es bei dem Anlegerprozess außerdem nicht um allzu viel: 80 Millionen Schadenersatz fordern die geprellten Aktionäre insgesamt. Der Jahresumsatz der Telekom   liegt bei 62,5 Milliarden Euro. Und die unangenehme Berichterstattung wird nachlassen.

An der Börse spielt der Prozess deshalb schon dieser Tage auch "keine Rolle", wie Frank Rothauge, Analyst bei Sal. Oppenheim sagt. Zumal der Voicestream-Kauf aus strategischer Sicht sicherlich richtig gewesen sei, wie auch Chris-Oliver Schickentanz von der Dresdner Bank sagt: "Ohne das US-Mobilfunkgeschäft würde der Telekom inzwischen jegliches Wachstumsprofil fehlen." Auch wenn man über den damaligen Preis aus heutiger Sicht streiten könne. "Aber das war eben in einer anderen Zeit."

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