Telekom Rickes erfolgreiche Charme-Offensive
Köln - Das Angebot sollte den Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen. "Solange die Hausarbeiten nicht gemacht sind, werden wir auf Aktienoptionen verzichten", erklärte Ricke in seinem Rechenschaftsbericht. Mehr als 3300 Manager würden in diesem Jahr auf die zusätzlichen Gehaltsbestandteile verzichten.
Und noch ein Bonbon hatte Ricke für seine Zuhörer parat: Künftig werde jedes Mitglied der Führungsmannschaft einen Tag lang im Vertrieb arbeiten, beispielsweise in einem der T-Punkt genannten Läden. "Das sind keine Höflichkeitsbesuche", versicherte Ricke. Die Vorstände, er selbst eingeschlossen, wollten mit den Kunden Verkaufsgespräche führen, nach Zufriedenheit fragen und sich Kritik anhören.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte der Telekom-Chef den Widerstand in der Köln-Arena geknackt. Buhrufe, wie sie sein Vorgänger Ron Sommer noch ein Jahr zuvor zu hören bekommen hatte, waren diesmal nicht zu hören.
Einwände erhoben lediglich diejenigen, die sich rechtzeitig mit Wortmeldungen hatten registrieren lassen. Zu den wichtigsten Kritikpunkten zählen neben dem Rekordverlust des Bonner Konzerns im abgelaufenen Jahr die Bewertung des Immobilienvermögens sowie die Goodwill-Abschreibung auf die Beteiligung am US-Mobilfunker Voicestream.
Aktionärsschützer Lars Labryga von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) wiederholte den zentralen Vorwurf, dem schon Sommer wenig entgegenzusetzen hatte: Die Telekom habe 50 Prozent ihres Eigenkapitals in Luft aufgelöst - ein Vorgang, den man so nur am Neuen Markt erlebt habe. Er rief die Hauptversammlung auf, dem Vorstand und dem Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern.
Doch am Ende ließ selbst Labryga seine grundsätzliche Zustimmung für den neuen Telekom-Chef durchblicken. Sollte sich die positive Entwicklung des ersten Quartals im Geschäftsjahr fortsetzen, dann werde man möglicherweise 2004 an dieser Stelle für eine Entlastung plädieren. "Wollen Sie auf Händen getragen werden, dann erschließen Sie jene fantastischen Kurspotenziale, die jenseits von 66,50 Euro liegen", sagte Labryga.
Der Blick nach vorn war es denn auch, der die diesjährige Hauptversammlung der Deutschen Telekom dominierte. Und in dieser Hinsicht trat Ricke kein bisschen bescheidener auf, als sein Vorgänger. Bis 2007, so sein Ankündigung, wolle er den Konzern zum weltweit führenden Dienstleister in der Branche machen.
Zu den Maßnahmen gehörten eine stärkere Kundenorientierung, die Verbesserung der Qualität und Effizienz. "Unser Ziel lautet: Mit exzellenten Produkten und Services gutes Geld verdienen." Der größte Telekom-Konzern Europas hatte im vergangenen Jahr mit knapp 25 Milliarden Euro einen Rekordverlust eingefahren. Im ersten Quartal 2003 kehrte der Konzern überraschend schnell in die Gewinnzone zurück.
"Wir werden alles tun, um in diesem Jahr wieder eine schwarze Zahl zu schreiben", betonte der Telekom-Chef. Viele Jahre sei das Unternehmen auf Erfolgsspur gewesen. "Dorthin werde ich sie wieder zurückbringen", versprach er den T-Aktionären. Die Schulden von derzeit 56,3 Milliarden Euro will Ricke bis zum Jahresende auf eine Größenordnung von 50 Milliarden Euro reduzieren: "Wir gewinnen unsere finanzielle und strategische Handlungsfähigkeit wieder zurück".
Einigen Aktionären ist der Weg dorthin zu lang. "Die Älteren, die ihre Gelder jetzt verloren haben, können die gar nicht mehr reinholen", erklärte ein enttäuschter Anleger. Andere fordern Schadenersatz - vor allem für die Verluste im Zusammenhang des dritten Börsengangs der Telekom. Im Sommer 2000 hatte der Bund als Großaktionär erstmals Anteile verkauft - zum Preis von 63,50 Euro (für Privatanleger). Heute dümpelt der Kurs der T-Aktie um die zwölf Euro.
Doch die allgemeine Stimmung ist längst nicht mehr so aufgeladen wie noch zu Sommers Zeiten. Eine T-Aktionärin bringt es auf den Punkt: "Die Verluste sind eigentlich nur eigene Dummheit, ich hätte meine Aktien eher verkaufen sollen." Jetzt helfe nur noch der Blick nach vorn.