Telekom: Ver.di will sich stark streiken - DER SPIEGEL
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Telekom Ver.di will sich stark streiken

Seit heute wird die Telekom bestreikt. Für die Mitarbeiter geht es um Löhne und Arbeitszeiten. Für die Gewerkschaft Ver.di steht viel mehr auf dem Spiel: Ihre Glaubwürdigkeit.
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Hamburg - Glaubt man den markigen Worten der Gewerkschaftsvertreter, dann geht es um alles oder nichts: Notfalls werde sich der Streik bis zum Sommer hinziehen, kündigte Lothar Schröder, Bundesvorstand der Dienstleistungsgesellschaft Ver.di an. Seit heute morgen befinden sich mehr als 10.000 Telekom-Mitarbeiter im Ausstand. Ihr Protest richtet sich gegen die geplante Auslagerung von 50.000 Mitarbeitern in externe Servicegesellschaften und eine deutliche Kürzung der Löhne.

So wichtig die künftigen Arbeitsbedingungen für den einzelnen Telekommitarbeiter sind, so entscheidend ist der Streik als Ganzes für die Gewerkschaft Ver.di. Denn der Kampf um die drastischen Einschnitte bei dem ehemaligen Staatskonzern ist eine hervorragende Möglichkeit für die schwächelnde Arbeitnehmervertretung, sich als Vorkämpfer für gerechte Löhne zu profilieren. "Natürlich sieht jede Gewerkschaft schlecht aus, wenn sie sich gegen gravierende Einschnitte nicht wehrt", sagt Josef Esser, Soziologe und Gewerkschaftsexperte der Universität Frankfurt. "Allerdings befindet sich Ver.di derzeit in einer kritischen Phase, die Gewerkschaftsspitze steht extrem unter Druck."

Denn von der Euphorie, mit der im Sommer 2001 die Vereinigung zur "größten Dienstleistungsgewerkschaft der Welt" gefeiert wurde, ist nicht mehr viel geblieben. Ver.di, die aus fünf ehemaligen Einzelgewerkschaften besteht und Mitglieder aus über 1000 Berufsgruppen repräsentiert, kämpft nach wie vor mit Organisations- und Abstimmungsschwierigkeiten, Mitgliederschwund und dauernden Angriffen auf lange sicher geglaubte Mindeststandards bei den Löhnen.

"Rosinenpicker-Gewerkschaften ziehen Klientel ab"

Waren 2001 noch 2,8 Millionen Arbeitnehmer Mitglied bei Ver.di, schrumpfte diese Zahl in den vergangenen Jahren auf 2,28 Millionen, allein im Jahr 2006 wandten 3,6 Prozent der Mitglieder Ver.di den Rücken zu. "Dazu kommen die so genannten 'Rosinenpicker'-Gewerkschaften, die einen wichtigen Teil der Klientel abziehen", sagt Esser. Dazu gehörten etwa die Fluglotsen, die Piloten und seit vergangenem Jahr auch die Ärzte, die sich in separaten Gewerkschaften organisierten. Gleichzeitig torpedieren klamme Städte und Kommunen bisher erkämpfte, einheitliche Löhne im öffentlichen Dienst: "Durch die Föderalismusreform wird Ver.di demnächst mit 16 Ländern unterschiedliche Tarife aushandeln müssen, einheitliche Tarifverträge sind dann nicht mehr möglich."

Im diesem Konglomerat der unterschiedlichsten Berufsgruppen und ehemaligen Einzelgewerkschaften galten die Telekom- und Postmitarbeiter bisher als der starke Kern der neuen Gewerkschaft. Denn beide Unternehmen hatten traditionell starke Betriebsgewerkschaften und weisen nach wie vor einen hohen Organisationsgrad auf. Gleichzeitig sind genau diese beiden Unternehmen in den letzten Jahren durch Privatisierung, Börsengang und geplante Liberalisierung deutlich stärker unter Druck gekommen, mussten Umstrukturierungen und Rationalisierungen verkraften. In diesem, ihrem Kernbereich steht Ver.di deshalb extrem unter Druck, einen Erfolg erzielen.

"Das Image von Ver.di hängt entscheidend davon ab, dass es nicht zu einer desaströsen Niederlage kommt", sagt auch Walther Müller-Jentsch, emeritierter Soziologe der Ruhr-Universität Bochum. "Da gibt es jetzt einen Punkt, der nicht weiter überschritten werden darf. Zwar hätten alle Gewerkschaften derzeit Probleme, trotzdem könne gerade Ver.di einen werbewirksamen Sieg gut gebrauchen.

"In den Bereichen Post und Telekom weht ein besonders scharfer Wind", sagt auch Esser. Verdi müsse deshalb besonders deutlich demonstrieren, dass nur sie als Gewerkschaft Schutz biete. "Deshalb tritt die Gewerkschaft derzeit wesentlich militanter auf als erwartet." Trotzdem geht er davon aus, dass sich Ver.di und Telekom mittelfristig einigen werden - die martialische Rhetorik sei das übliche Drohpotential. "Problematisch ist nur, dass Ver.di mit anderen Telekommunikationsunternehmen tatsächlich Tarife ausgehandelt hat, die deutlich unter dem liegen, was sie jetzt von der Telekom fordern." Dass die schwache Gewerkschaft durch ein unbefriedigendes Verhandlungsergebnis allerdings "völlig untergeht", das sieht Esser nicht: "Der Bund ist immer noch Aktionär und wird das aus politischen Gründen gar nicht zulassen."

Auch Müller-Jentsch ist grundsätzlich optimistisch, was die Zukunft der Gewerkschaft angeht. "Arbeitsverhältnisse bergen inhärente Konfliktpotentiale, deshalb werden wir Gewerkschaften immer brauchen. "Die Stärke der Gewerkschaft hängt dabei auch von der Arbeitsmarktsituation ab", sagt Müller-Jentsch - und die sei derzeit ja gut. Dass sich der Mut zu hohen Lohnforderungen auszahle, habe man jetzt ja bei der IG Metall gesehen.

Ein Hoffnungsschimmer also für Ver.di.

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