Telekom: Warten auf Rickes Rücktrittsgesuch - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Telekom Warten auf Rickes Rücktrittsgesuch

Zeitenwende bei der Telekom: Noch heute, so verlautet aus Aufsichtsratskreisen, wird Konzernchef Ricke zurücktreten. Aufsichtsratschef Zumwinkel ist sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE mit Rickes Nachfolger, dem T-Mobile-Boss Obermann, schon handelseinig.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg/ Brüssel - René Obermann erklärte sich, wie SPIEGEL ONLINE aus Aufsichtsratskreisen erfuhr, in einem Gespräch am Samstagabend mit dem Telekom-Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Zumwinkel bereit, die Führung des Konzerns zu übernehmen. Der Führungswechsel ist offenbar mit den beiden Großaktionären der Telekom, dem Bund und dem Finanzinvestor Blackstone, abgestimmt. Besonders Blackstone hatte in der Vergangenheit mehrfach die Amtsführung Kai-Uwe Rickes kritisiert.

Auch die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" berichtete unter Berufung auf Eigentümerkreise, die Entscheidung für Obermann sei bereits gefallen. "Bis zum Weihnachtsgeschäft braucht der Konzern eine klare Führung", zitiert das Blatt die Befragten.

Heute Abend soll das vierköpfige Präsidium des Aufsichtsrates tagen und die Ablösung Rickes endgültig absegnen. Sollten dort keine unvorhergesehenen Schwierigkeiten auftreten, könnte Obermann seinen neuen Posten bereits in der kommenden Woche antreten.

Formal hat der Aufsichtsrat den Wechsel noch nicht beschlossen. Es sei mit einer Sitzung des Gremiums Anfang der Woche zu rechnen, voraussichtlich schon am Montag, hieß es aus Eigentümerkreisen. Die Telekom wollte diese Informationen nicht kommentieren. "Dazu nehmen wir keine Stellung", sagte Konzernsprecher Ulrich Lissek.

T-Mobile-Chef Obermann, 43, wird im Kontrollgremium den Angaben zufolge als führungsstarker und unternehmerisch denkender Manager gesehen, der den wesentlichen Teil der erfolgreichen Geschäfte des Konzerns verantworte. "Er ist jung, aber er macht eine überzeugende Figur", hieß es in den Eigentümerkreisen.

Zwei nicht namentlich genannte Mitglieder des Telekom-Aufsichtsrats hatten zuvor noch gegenüber "Focus Online" dementiert, dass Ricke demnächst abgelöst werde. Der noch bis Herbst nächsten Jahres laufende Vertrag des 45-Jährigen sollte demnach sogar verlängert werden. Die Aufsichtsratsmitglieder reagierten damit auf mehrere Presseberichte vom Samstag, in denen ebenfalls bereits von dem bevorstehenden Führungswechsel die Rede war.

"Da hat es richtig gekracht"

Ricke war wiederholt kritisiert worden, weil er einerseits massiv Personal abbaute, zugleich der Telekom aber weiter die Kunden wegliefen und der Aktienkurs seit vier Jahren nicht mehr nachhaltig stieg. Erst am Donnerstag hatte die Deutsche Telekom mitgeteilt, dass sie auch im dritten Quartal weniger verdient hatte als im Vorjahr und mit einem milliardenschweren Sparprogramm gegensteuern will. Der Nettogewinn sank zwischen Juli und September um 34 Prozent auf 980 Millionen Euro, wie das Unternehmen mitteilte. Auf einer inoffiziellen Sitzung des Aufsichtsrates nach der Vorlage der Quartalszahlen habe Zumwinkel den Vorstandsvorsitzenden massiv kritisiert. "Da hat es richtig gekracht", hieß es.

Ricke hatte seinen Chefposten vor fast genau vier Jahren, Mitte November 2002, angetreten. Dabei hatte er von seinem Vorgänger Ron Sommer, jetzt bei Blackstone beschäftigt, einen gigantischen Schuldenberg übernommen und deswegen einen harten Sanierungskurs eingeschlagen. Zuletzt hatte Ricke versucht, mit neuen Pauschaltarifen verlorene Kunden zurückzugewinnen.

Noch am Wochenende forderte Ricke in "Focus" die Mitarbeiter von Call-Centern und Kundendienst auf, einer drastischen Anhebung der Wochenarbeitszeit von 34 auf 38 Stunden zuzustimmen. Damit solle ein Stellenabbau vermieden werden. Allerdings müssten die etwa 45.000 Betroffenen einen Wechsel von der T-Com zu schlechteren Konditionen in die neue Tochtergesellschaft T-Service und eine Call-Center-Gesellschaft akzeptieren.

doh/rüd/AFP/ddp/dpa