Telekomausrüster Huawei Pekings Hightech-Vorhut
Shenzhen/Eschborn - Spätestens beim Betreten des "War-Rooms" beschleicht Besucher das Gefühl, versehentlich in der chinesischen Geheimdienstzentrale gelandet zu sein. Die Fremdenführerin erklärt mit gedämpfter Stimme, dass hier am ovalen Konferenztisch die Huawei-Oberen tagen, wenn wirklich Gewichtiges zu besprechen ist. Dann greift sie an einen Schalter. Das einzige Fenster, das eine ganze Wand einnimmt, verfärbt sich milchig. Niemand kann mehr hineingucken.
Sonst blicken die Manager durch die Scheibe auf das Treiben in der "Kommandozentrale" herab, die aussieht wie man sich das Nasa-Kommandozentrum vorstellt. Die Wände meterhoch, alle Schreibtische sind auf eine Wand mit riesigen elektronischen Landkarten ausgerichtet. Darauf leuchten und blinken die Huawei-Netzwerke und Knotenpunkte. Die Pläne erinnern an Militärkarten, auf denen der internationale Eroberungszug des Telekomausrüsters penibel nachgezeichnet ist.
"Zou Chu Qu" - "Schwärmt aus" dem Aufruf der chinesischen Staats- und Parteiführung zum Aufbau chinesischer Weltmarken folgte Huawei in den vergangenen Jahren mit atemberaubendem Elan. Erst rollte das 1988 gegründete Unternehmen den heimischen Markt auf, dann überzog es Schwellenländer mit seinen Handy- und Telefonnetzen. Jetzt lehrt der Konzern auch in Europa etablierte Netzwerkanbieter wie Alcatel-Lucent , Cisco oder Siemens das Fürchten. In fünf Jahren hat sich der Umsatz verfünffacht - auf elf Milliarden Dollar 2006. Das Auslandsgeschäft trug dazu vergangenes Jahr 65 Prozent bei, dieses Jahr sollen es 75 Prozent sein.
Dabei scheint Huawei alles zu können: Die Produktpalette reicht vom Netz bis zum Endgerät. Huawei beliefert Vodafone in 21 Ländern exklusiv mit UMTS-Handys, modernisiert in Großbritannien das Netz der BT, verlegt in Russland 25.000 Kilometer Glasfaserkabel. 31 der 50 wichtigsten Telekommunikationsfirmen seien Huawei-Kunden, rühmt sich der Konzern. Peng Wei, der Geschäftsführer für Deutschland, zählt Geschäftspartner im Laufe eines Gesprächs gern auf wie ein Mantra. "BT, Vodafone, Telecom Italia, Telefonica, France Telekom, KPN, Deutsche Telekom, O2", rattert er immer wieder herunter. Dieses Jahr peile das Unternehmen weltweit noch einmal ein 30-prozentiges Umsatzplus an, sagt er und lächelt freundlich.
Huawei als Sicherheitsrisiko?
Über die Hintergründe für den kolossalen Siegeszug gibt es verschiedene Geschichten. Die zum Beispiel von den billigen Produktions- und Entwicklungskosten in China und von den Massen an hochspezialisierten und gleichzeitig billigen Fachkräften, die so ungeheuer motiviert und diszipliniert arbeiten. "Bei den Managern und Mitarbeitern von Huawei spürt man sofort so einen 'New-Economy'-Geist", erklärt Hai Cheng, Geschäftsführer des Huawei-Kunden Versatel. "Bei Huawei wird viel Geld in Forschung und Entwicklung investiert, rund zehn Prozent des Umsatzes", fügt Analyst Dan Bieler vom IT-Beratungsunternehmen IDC hinzu. "Der Konzern hat zwölf Entwicklungszentren in der ganzen Welt. Da kann die Konkurrenz nur schwer mithalten."
Auch Peng Wei betont die hohen Ausgaben für technologische Neuerungen. "Rund die Hälfte unserer 62.000 Mitarbeiter arbeitet im Bereich Forschung und Entwicklung", sagt er - und fügt zur Sicherheit noch mit Nachdruck in der Stimme hinzu: "31.000 Menschen." Der gerade einmal 32-jährige Manager verkörpert das Bild, das er von seinem Konzern zeichnen will, selbst. Sein Auftreten ist souverän, ohne jede Unsicherheit und macht das fast kindliche Gesicht schnell vergessen. Wenn er höflich die Prinzipien von Huawei erklärt, fallen sehr oft Worte wie "Service" und "Flexibilität".
Der freundliche Jungmanager passt gar nicht zu dem Konzern, wie ihn Konkurrenten beschreiben. Huawei habe sich mit Billigpreisen auf den Markt gedrängt, die Konkurrenz um 20 bis 30 Prozent unterboten - solche Preise ließen sich nicht allein durch Standortvorteile erklären. Huawei werde massiv von der Regierung gefördert, heißt es. "Das Unternehmen hat sicher großzügige Kredite bekommen", erklärt etwa Hans Joachim Fuchs, Chef der Beratungsfirma Chinabrand Consulting, der Huawei für ein bald erscheinendes Buch* genauer unter die Lupe nahm.
Firmengründer und CEO Ren Zhengfei - ein ehemaliger Offizier der Volksbefreiungsarmee und aktives Mitglied der Kommunistischen Partei - werden engste Kontakte zur Pekinger Regierung nachgesagt. Sogar als Sicherheitsrisiko gilt das Unternehmen manchen: Huawei soll schon Aufträge verloren haben, weil ausländische Regierungen den ungehinderten Zugriff des chinesischen Geheimdienstes auf die Huawei-Netze fürchteten.
Ren selbst tut wenig, um solche Ängste zu zerstreuen - im Gegenteil. Der 1944 geborene Firmenchef scheut öffentliche Auftritte und verweigert jedes Interview. Auch sein Unternehmen geht sparsam mit Informationen um. Der öffentliche Jahresbericht beschränkt sich auf die dürren Angaben zu Umsatz, Gewinn und Cashflow. Fragen nach der genauen Eignerstruktur kontern Firmenobere mit dem immer gleichen Satz: "80 Prozent der Mitarbeiter besitzen 100 Prozent des Unternehmens." Weiter Nachfragen zwecklos.
"Kaum möglich zu sagen, was an den Gerüchten dran ist"
Peng erklärt geduldig, sein Unternehmen sei trotzdem ein ganz normaler, privater Konzern. Von einer bevorzugten Behandlung durch die Regierung könne keine Rede sein. Von den Branchengerüchten will er noch nie gehört haben. Bei ihm hört sich die Geschichte von Huawei an, wie eine logische Folge geschickter Geschäfte. "Allein China war ein riesiger Markt: 1,3 Milliarden Einwohner. Und Anfang der achtziger Jahre hatte nur ein Prozent einen Telefonanschluss. Mitte 2005 waren es 50 Prozent." Für ein Großteil der Vernetzung hat Huawei gesorgt.
Billiger als die Konkurrenz sei Huawei auch nicht, sagt Peng: "Unsere Kunden suchen keinen Preiskiller, sondern einen langfristigen Partner." Das zurückgezogene Dasein seines CEO Ren erklärt er mit Kulturunterschieden. "In China betonen wir mehr die Teamarbeit, im Westen werden erfolgreiche Individuen eher gefeiert." Ren sei "ein sehr hart arbeitender Boss und sehr freundlich zu allen Angestellten. Er geht immer von einem Büro zum anderen, um sich mit jedem kurz zu unterhalten, wenn er zu Besuch kommt".
Versatel-Geschäftsführer Cheng erklärt sämtliche Bedenken gegen Huawei zu Ängsten aus Zeiten des Kalten Kriegs: "Schließlich baut Huawei nichts anderes als Computernetzwerke." Wenn das gefährlich wäre, sei auch der Kauf eines Laptops ein Sicherheitsrisiko. "Die werden heutzutage schließlich auch fast alle in China gefertigt."
Analyst Bieler erklärt nur: "Es ist kaum möglich zu sagen, was an den Gerüchten um Huawei dran ist." Nüchtern betrachtet gebe sich der Ausrüster nach außen nicht verschlossener als viele westliche nicht börsennotierte Unternehmen auch. "Fest steht, dass Huawei unglaublich erfolgreich ist und das nicht sein könnte, wenn die Produkte nicht Weltklasse wären." Auch China-Experte Fuchs sagt, Huawei sei trotz aller Unbekannten auf jeden Fall "extrem konkurrenzfähig und ein sehr gut aufgestelltes Unternehmen".
Dass der Konzern aber weiter so rasant wachsen kann wie in den vergangenen Jahren, bezweifeln die Experten. "Der Markt ist hart umkämpft", sagt Bieler. Und nicht zuletzt kommt die Konkurrenz inzwischen aus dem eigenen Land: Auch der chinesische Telekomausrüster ZTE macht weltweit von sich reden.
*Hans Joachim Fuchs: Die China AG, erscheint im August im Finanzbuchverlag