Tendenz auf Null - DER SPIEGEL
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VOLKSWAGEN Tendenz auf Null

Volkswagen will mit einem seiner härtesten Konkurrenten in Japan deutsche Autos bauen.
• aus DER SPIEGEL 50/1980
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wortkarg und mißmutig traten die Chefs europäischer Autokonzerne auf dem Tokioter Flughafen Narita die Heimreise an. Sie hatten ihre japanischen Gesprächspartner nicht überreden können, künftig weniger Autos nach Europa zu schicken.

Nur einer war damals, Mitte November, mit dem Ergebnis der Reise zufrieden -- VW-Chef Toni Schmücker. Er hatte die Gelegenheit für ein vielversprechendes Geschäft genutzt.

In einem vertraulichen Gespräch mit seinem Kollegen Takashi Ishihara, dem Chef des Autokonzerns Nissan/Datsun, heckte Schmücker einen Plan aus, den Nissan in der vergangenen Woche bekanntgab: Der größte deutsche Hersteller und der nach Toyota zweitgrößte Japan-Produzent, jeder fertigt etwa 2,5 Millionen Fahrzeuge pro Jahr, wollen in Zukunft gemeinsame Sache machen.

Die Wolfsburger möchten, möglichst schon in anderthalb bis zwei Jahren, daß in Japan ein Mittelklasse-Wagen von der Art des Audi 80 oder des Passat gebaut wird. Schmückers Japan-Spezialist Siegfried Höhn und seine japanischen Gesprächspartner haben sich dafür eine Nissan-Fabrik ausgeguckt, in der bislang noch Kleinlaster vom Band laufen.

Nach Ansicht der Wolfsburger könnten dort schon 1982 jährlich 200 000 Volkswagen aus den Hallen rollen und weit billiger als Importe aus Deutschland verkauft werden.

Die weiteren Pläne der neuen Partner sind noch vage. Details sollen erst in den kommenden sechs Monaten ausgehandelt werden. Es geht vor allem um

* weltweite Zusammenarbeit bei der Produktion, insbesondere auch in Nordamerika;

* die Entwicklung eines neuen Kleinwagens;

* die gemeinsame Produktion von Teilen, die für Modelle beider Hersteller passen.

Seit die Japaner mit guten und vergleichsweise billigen Wagen in Deutschland immer mehr Käufer finden, suchen die Wolfsburger verstärkt nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit den Japanern. VW hat insgeheim auch bereits mit dem Nissan-Konkurrenten Honda verhandelt.

Die Vorteile einer Zusammenarbeit mit den fernöstlichen Autobauern liegen für VW auf der Hand. Die Wolfsburger werden als erster westlicher Autohersteller zu japanischen Kosten produzieren können und damit den entscheidenden Wettbewerbsvorsprung der Japaner aufholen.

Darüber hinaus sieht Volkswagen vor allem die Chance, den Japanern mehr deutsche Modelle zu verkaufen als bisher. VW liefert zwar mehr als jeder andere ausländische Hersteller nach Japan, das aber sind jährlich gerade 20 000 Wagen. »Warum«, so Schmücker, »sollen wir in Japan nicht so viele Autos verkaufen wie Nissan oder Toyota in Westeuropa?«

Der bislang sorgfältig abgeschirmte japanische Markt wird für die Wolfsburger um so interessanter, je stockender der Absatz in anderen Teilen der Welt läuft. Und die Verkaufszahlen der vergangenen Monate sehen teilweise nicht gut aus.

Auch die nähere Zukunft ist ungewiß: Die Wolfsburger rechnen damit, daß die Autoflaute erst im nächsten Jahr ihren Höhepunkt erreicht.

Von einer Krise, beteuert Schmücker, könne bei Volkswagen keine Rede sein. Sicher aber scheint, daß die Absatzstrategen des Konzerns mit ihren Verkaufsprognosen bei fast allen Modellen schieflagen. Mehrfach mußten die Planzahlen für dieses Jahr bereits nach unten korrigiert werden.

Gerade nach dem Rekordjahr 1979 wird die Verkaufsflaute um so deutlicher spürbar. Bis Ende Oktober waren die Auftragsbestände in Deutschland auf nur noch 86 105 Volkswagen geschrumpft, das sind fast 73 000 weniger als zum Stichtag zwölf Monate vorher.

Auch ihre Exportchancen haben die Konzernmanager in Wolfsburg zu optimistisch eingeschätzt. Die Amerikaner etwa kauften bis September dieses Jahres rund zehn Prozent weniger Golf und gut zwanzig Prozent weniger Scirocco als im Vorjahr. Der Transporter-Absatz schrumpfte um 16 Prozent.

Dabei hatte sich Schmücker mit seiner benzinsparenden Kleinwagen-Flotte gerade in den USA, seinem wichtigsten Auslandsmarkt, besonders viel zugetraut. Aber auch in Amerika machten die japanischen Konkurrenten, insbesondere Toycta und Nissan, den Deutschen zu schaffen.

In der nächsten Erfolgsrechnung werden die Einbußen, die VW in diesem Jahr hinnehmen mußte, deutlich abzulesen sein. Nach dem stattlichen Gewinn des Vorjahres (667 Millionen Mark) werde spätestens 1981 -- prophezeite Schmücker seinen leitenden Angestellten -- »die Tendenz auf Null« gehen.

Seinen Verkäufern in Europa und Übersee wird Schmückers Pakt mit den Japanern wenig helfen. Aber der neue Markt scheint den Wolfsburgern lohnend genug. »Wir wollen«, sagt der VW-Chef, »in Japan einfach mehr Autos verkaufen.«

Nissan andererseits hofft, daß die Kooperation mit Wolfsburg die Debatte um die Japan-Importe in Deutschland beruhigen wird. Wenn sie ihren Markt einem deutschen Hersteller öffnen, so meinen die Japaner, könnten die Deutschen schlecht die Fernost-Einfuhren erschweren.

Die Einigung mit den Wolfsburgern fiel den Japanern um so leichter, als die Deutschen gerade jetzt darauf verzichtet haben, auf einem anderen Markt mit Zukunft gegen die Japaner anzutreten.

»Im Hinblick auf neue Aktivitäten«, schrieb Toni Schmücker am 11. November nach Peking, sei Volkswagen nicht mehr daran interessiert, ein Montagewerk in China zu bauen.

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