ZIGARETTEN Tendenz fallend
Mit ihrer Hamburger Zigarettenfabrik BAT sind die britischen Eigentümer schon lange nicht mehr recht zufrieden. Seit 1980 hat die BAT nur 377 Millionen Mark als Reingewinn an ihre Holding-Gesellschaft Batig abgeführt.
Die 61 Millionen Mark, die der Zigarettenkonzern als Gewinn des vergangenen Jahres überwies, scheinen die Konzerneigner vollends aus der Fassung gebracht zu haben. Denn ein großer Teil dieses Gewinns ist nur dem Dollar-Verfall zu verdanken, der den Tabakeinkauf viel billiger machte. In deutlichen Worten teilten die Briten ihrem deutschen Statthalter Harald Erichsen den Wunsch nach mehr Umsatz und Gewinn mit.
Erichsen ist als Holding-Chef Aufsichtsratsvorsitzender der BAT. Er reichte pflichtschuldig die »berechtigten Anforderungen der Gesellschafter auf eine angemessene Verzinsung des im Unternehmen eingesetzten Kapitals« an den Vorstand weiter.
Das zeitigte Folgen, die BAT beginnt die Kosten zu drücken. Anfang Mai kündigte sie die Schließung ihres Werkes Ahrensburg (470 Beschäftigte) bis spätestens Sommer 1989 an.
»Rüde und unmoralisch« nennt Günter Döding, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten, die Arbeitsplatzvernichtung: »Das Unternehmen schwimmt doch im Geld.«
Die BAT-Manager möchten, so steht es in einem Strategiepapier, die »Markt- und Kostenführerschaft« in der deutschen Zigarettenindustrie erringen. Da ist das Ende der Produktion in Ahrensburg, wo bislang vor allem die HB gefertigt wird, nur ein Anfang. Überall müssen Leute gehen: Küchenhilfen und Kundenbesucher, Facharbeiter und Verkaufsleiter.
Die Briten wollen auch nicht einsehen, weshalb acht hochdotierte Damen und Herren im deutschen Vorstand sitzen. So mußte Aufsichtsratschef Erichsen dem BAT-Vorstandsvorsitzenden schmallippig berichten, »daß die Gesellschafterseite für die 90er Jahre eine Verkleinerung des Vorstands von bisher acht auf fünf Mitglieder für notwendig hält«.
Der Aufsichtsrat will diese und ähnlich unerfreuliche Neuigkeiten in dieser Woche diskutieren. Sie stehen in dem Strategiepapier, das den wunderlichen Titel »Vorläufige Willensbildung des Vorstands« trägt.
Für die Willensbildung der BAT-Manager sorgten die Briten. Im vergangenen Herbst schickten sie Fachleute der Unternehmensberatung Arthur D. Little
(ADL) in den Hamburger Zigarettenkonzern. ADL ist nach eigener Aussage spezialisiert auf die »Methodik der strategischen Planung und Führung« sowie die »Entwicklung von Markt- und Wettbewerbsstrategien«.
Die ADL-Berater sollten den nach Philip Morris und Reemtsma drittgrößten deutschen Zigarettenhersteller ,"auf die Anforderungen der 90er Jahre« trimmen: Die Eigentümer fürchten, daß im nächsten Jahrzehnt die Gewinne nicht mehr sprudeln, wenn bei sinkendem Zigarettenabsatz die Fixkosten hoch bleiben.
So rechnen die BAT-Manager selbst damit, daß sie in den 90er Jahren zehn Prozent weniger als derzeit verkaufen werden. Aus Angst vor Lungenkrebs und Raucherbein geben immer mehr Deutsche das Rauchen auf oder fangen erst gar nicht damit an. Bereits seit vier Jahren hat die BAT Überkapazitäten. Das liegt vor allem daran, daß die Raucher zunehmend die BAT-Erfolgsmarke HB meiden.
Mit der HB macht das Unternehmen, das derzeit 40 Marken anbietet, fast über 50 Prozent des gesamten Umsatzes. Die HB, die ein Vierteljahrhundert lang meistgerauchte Zigarette der Bundesrepublik war, hatte noch vor fünf Jahren einen Marktanteil von knapp 18 Prozent; jetzt sind es nur noch 13,6 Prozent, Tendenz weiter fallend.
Der Abstieg der HB wirkte sich für den Hersteller böse aus. Unter den fünf großen Zigarettenfirmen, die den deutschen Markt beherrschen, hatte die BAT 1976 einen Marktanteil von mehr als 29 Prozent. Zehn Jahre später war der Anteil auf 23,5 Prozent abgesackt.
Trotz schrumpfender Verkäufe machte das Unternehmen allerdings Jahr für Jahr stattliche Gewinne, weil immer weniger Arbeitskräfte gebraucht wurden. Die Belegschaft verringerte sich seit 1976 um über 1000 auf 3017.
Jetzt soll, Vorsorge für die 90er Jahre, das Personal noch einmal erheblich verringert werden. Unter den Zigarettenfirmen, monierten die Unternehmensberater, hätten Reemtsma und BAT eine aufgedunsene Verwaltung. Insgesamt 405 Mitarbeiter seien überflüssig.
Das ging dem Vorstand ein wenig zu weit. Er will nur 308 Arbeitsplätze abbauen. Dazu gehen noch die Arbeitsplätze im Werk Ahrensburg verloren - von den 470 dort Beschäftigten finden nur knapp 100 eine Stelle in anderen BAT-Betrieben.
Der Kahlschlag geht quer durch das Unternehmen. In der Verkaufsorganisation werden 54 Stellen gestrichen, im Kundendienst 68. Die Krankenschwester im Werk Berlin-Spandau verliert ihren Job, zwei Fachkräfte in der Hamburger Rechtsabteilung werden entbehrlich: Deren Arbeit wird »auf freie Mitarbeiter (Rechtsanwälte)« übertragen.
Schließlich, so das Vorstandspapier, gehe »der Trend in der deutschen Industrie hin zur Verlagerung bisher intern erbrachter Leistungen an externe Vertragspartner«.
So folgt die BAT dem schlechten Beispiel vieler Firmen, die ihre Stammbelegschaft verringern und sich per Werkvertrag Leiharbeiter holen. Da kommt einiges zusammen.
Catering-Firmen werden die Kantinen in Hamburg, Berlin und Bayreuth übernehmen - 30 Beschäftigte weniger auf den BAT-Gehaltslisten. Insgesamt 19 Pförtner verlieren ihren Job, weil private Bewachungsunternehmen billiger sind. Deren Leute nämlich werden schlechter bezahlt und müssen auf die überdurchschnittlich guten Sozialleistungen der Zigarettenindustrie verzichten.
Auch die Steuerzahler werden dazu beitragen, daß BAT im nächsten Jahrzehnt noch zurechtkommt. In der Zigarettenindustrie wird die Vernichtung von Arbeitsplätzen mit Subventionen belohnt.
So hatte schon vor vier Jahren die Bremer Zigarettenfirma Brinkmann die Produktion der Marke Lord von Bremen nach Berlin verlagert. Sie konnte dadurch rund 300 Mitarbeiter entlassen und viele Millionen Mark als sogenannte Berlin-Präferenz kassieren.
Etwa 200 Millionen Mark fließen jährlich als Berliner Steuersubvention an Hersteller und Händler. Kein Wunder, daß die Zigarettenindustrie Berlin bevorzugt. Wenn die BAT ihr Ahrensburger Werk schließt, verliert sie rund 30 Prozent ihrer Produktionskapazitäten. Zwangsläufig werden dann in der Fabrik Berlin-Spandau mehr Zigaretten hergestellt .
Dafür gibt es, logisch, mehr Subventionen. Für 1991 hat der BAT-Vorstand in seiner »Vorläufigen Willensbildung« Berlin-Präferenzen von insgesamt 46,7 Millionen Mark ausgerechnet - 15,5 Millionen mehr als bisher.