Terror-Finanzierung Kratzen an der Oberfläche
Es war eine Versuchsanordnung, wie man sie aus Agentenfilmen kennt. FBI-Verbindungsmann Harry Ellen empfängt in seinem Haus im Gaza-Streifen hochrangige Palästinenser, darunter Hamas-Aktivist Ismail Abu Schanab. Er hat vom FBI einige tausend Dollar bekommen, um sie der Hamas zu spenden. Das Haus ist verwanzt und Ellen, der Muslim ist und selbst eine Wohltätigkeitsorganisation betreibt, soll bei der Übergabe auf eine Verwendung für "terroristische Aktivitäten" drängen. Doch die Aktion läuft nicht wie gewünscht. Abu Shanab teilt seinem Freund Ellen nur mit, dass das Geld verwendet wurde, um Waisenkindern zu helfen.
Die gescheiterte FBI-Aktion aus dem Jahr 1998, die erst jetzt bekannt wurde, ist nur ein Beleg für die Ohnmacht der Ermittler, die verschlungenen Wege der Terror-Finanzierung überhaupt nachzuvollziehen, geschweige denn sie zu verhindern. David Aufhauser, im US-Finanzministerium für das Aufspüren verbrecherischer Finanztransaktionen zuständig, kommt nach zwei Jahren Krieg gegen den Terror zu einem ernüchternden Ergebnis. "Die Möglichkeiten, Beschränkungen der Kapitalströme zu umgehen, sind nahezu unbegrenzt", sagte er Ende September in einem Statement vor dem Repräsentantenhaus.
Besonders verärgert äußerte sich Aufhauser darüber, dass es der globalen Allianz gegen den Terror bisher noch nicht einmal gelungen ist, legale Geldtransfers an Organisationen zu verhindern, deren militante Gruppen für Terroranschläge verantwortlich sind. Namentlich nannte er dabei die palästinensische Hamas, die aus Europa und Ländern des persischen Golfs bisher großzügig unterstützt wurde.
Die Geldgeber - Schenken mit reinem Gewissen
"Nach Einschätzung einiger Quellen bekommt die Hamas rund die Hälfte ihrer Gelder aus den Ländern des persischen Golfes - einschließlich Saudi-Arabien. Und das, obwohl Kronprinz Abdullah im Mai 2002 die offizielle Unterstützung dieser Organisation per Dekret beendete", so Aufhauser. Allein dieser vage Verdacht sorgte in Saudi-Arabien für Empörung: "Das ist eine lächerliche Anschuldigung, niemals geht Geld der saudischen Regierung an die Hamas, direkt oder indirekt", ereiferte sich Adel al-Jubeir, außenpolitischer Berater von Kronprinz Abdullah gegenüber der "New York Times".
Selbst wenn diese Aussage so stimmen sollte, sie ist allenfalls ein Teil der Wahrheit. Die Unterstützung für militante Palästinenser kommt nämlich ohnehin vornehmlich aus privater Hand, beispielsweise über islamische Wohltätigkeitsorganisationen. Deren riesiges Finanzpolster ergibt sich nahezu logisch, denn ein gläubiger und wohlhabender Muslim ist verpflichtet, einen Teil seines Einkommens den Armen zu spenden.
Eine Form dieser Wohltätigkeit ist die Unterstützung von so genannten Märtyrer-Familien. Als Märtyrer werden dabei beispielsweise alle Palästinenser bezeichnet, die im Zuge der Intifada ums Leben gekommen sind. Nach eigenen Angaben spendeten die beiden wichtigsten Organisationen für notleidende Palästinenser, das "Untersützungskommittee für die Al-Quds-Intifada" und der "Al-Aksa-Fonds", in den vergangenen fünf Jahren rund vier Milliarden Dollar.
Eine Unterscheidung in Selbstmord-Attentäter und Opfer israelischer Angriffe gibt es bei dieser Hilfe nicht. Mit rund 5000 Dollar kann eine palästinensische Familie in jedem Fall rechnen, wenn eines ihrer Mitglieder getötet wurde oder ein Attentat verübt hat.
Nach Angaben der italienischen Ökonomin und Buchautorin Loretta Napoleoni ("Modern Jihad: Tracing the Dollars Behind the Terror Networks", Pluto Press, Oktober 2003) sammeln allein in Saudi-Arabien 241 dieser Hilfsorganisationen Geld für notleidende Muslime. Nur sechs von ihnen seien bisher wegen möglicher Verbindungen zu terroristischen Organisationen geschlossen worden. "Wir haben gerade einmal an der Oberfläche gekratzt", sagte Napoleoni gegenüber "Newsweek". Auch das Einfrieren von rund 138 Millionen Dollar von Terroristen und deren vermeintlichen Unterstützern - Aufhauser zufolge ein "wichtiger Erfolg" - ist nach Napoleonis Ansicht nicht der Rede wert. Sie schätzt das Gesamtvolumen der "New Economy des Terrors" auf 1,5 Billionen Dollar.
Die Empfänger - Verschleierung im Namen Allahs
Die Zahlen von Napoleoni und anderen Terror-Experten basieren allerdings größtenteils auf Vermutungen. Eine davon ist die Annahme, dass Teile der Spendengelder für terroristische Zwecke verwendet wurden. Nachweisbar wäre das nur, wenn die Empfänger Rechenschaft über die Verwendung ablegen würden. In den palästinensischen Gebieten aber hält man solche Kapitalkontrollen beispielsweise für einen Eingriff in die Autonomie, wie ein Zitat von Präsident Jassir Arafat aus dem Jahr 1994 zeigt: "Ich weise alle Kontrollen zurück. Wir haben die militärische Besetzung nicht überwunden, um ökonomisch besetzt zu werden." Bis heute hat sich nach Einschätzung von Experten an dieser Haltung wenig geändert: "Mit schwachen Institutionen und einem jährlichen Budget von nahezu eine Milliarde Dollar hat es zweifelsohne einigen Missbrauch gegeben", heißt es beispielsweise in einer Studie der Nahost-Abteilung des Internationalen Währungsfonds (IWF) vom April 2002. Belege für die Finanzierung terroristischer Aktivitäten will bisher nur das israelische Verteidigungsministerium gefunden haben.
Auch der Hamas, die unbeirrt an ihrem Ziel festhält, ihre jüdischen Feinde aus Palästina zu vertreiben, konnte die Finanzierung von Terroranschlägen bisher nicht stichhaltig nachgewiesen werden. 1998 scheiterte beispielsweise die US-Bundespolizei bei diesem Versuch. Damals hatten die Ermittler über Mittelsmänner einige tausend Dollar an die Hamas gespendet und explizit den Einsatz für "gewalttätige Zwecke" gefordert. Als Antwort erhielten die FBI-Leute, dass ihre Spenden an Waisenkinder weitergeleitet worden sei.
Das Finanzgebaren der Hamas, die sich seit 2000 zu 73 Selbstmordanschlägen bekannt hat, liegt weiterhin völlig im Dunkeln. Klar ist nur, dass der Großteil der gespendeten Gelder tatsächlich für wohltätige Zwecke eingesetzt wird. Mehreren unabhängigen Schätzungen zufolge verfügen die Hamas-Aktivisten über ein jährliches Budget von rund zehn Millionen Dollar. Rund vier Fünftel davon sollen in Kindergärten, Schulen, Universitäten, Waisenhäuser und Moscheen fließen. Nicht zuletzt deshalb ist die Hamas in den palästinensischen Gebieten tief verwurzelt: Rund 30 Prozent der Bevölkerung im Gaza-Streifen und der West Bank gelten als Anhänger der radikalislamischen Organisation. Viel Platz für potenzielle Attentäter, sich gegebenenfalls unsichtbar zu machen.
Wie schwer es ist, die weltweiten Geldtransfers der Terroristen überhaupt nachzuvollziehen, zeigt auch ein Beispiel aus Asien. "Ich eröffne ein Geschäft und ich brauche Kapital", schrieb Azahari bin Husin in einer kurzen Email und setzte damit einen Prozess in Gang, der 12 Menschen das Leben kostete und weitere 150 Menschen teils schwer verletzte. Das "Geschäft" von bin Husin war es, Anfang August das Marriott-Hotel in Jakarta mit einer Autobombe in die Luft zu jagen. Der Empfänger der Email, der indonesische Top-Terrorist Riduan Isamuddin, besser bekannt als Hambali, schickte daraufhin das "Kapital" los. 45.000 Dollar gingen auf die Reise durch Thailand, Malaysia und Indonesien - still und heimlich, von Kurier zu Kurier, ohne dass auch nur eine einzige Überweisung getätigt worden wäre.
Der Geldtransfer wurde nur bekannt, weil Hambali mittlerweile gefasst ist und Ende August in einer längeren Vernehmung über die finanzielle Situation seiner Terrororganisation sprach. In einem Nebensatz ließ er außerdem fallen, dass er noch weitere 70.000 Dollar losgeschickt habe, um Attentäter mit dem nötigen Geld zu versorgen. Seitdem fahnden Ermittler in mehreren ostasiatischen Ländern nach den Empfängern - bislang ohne Erfolg.