Terror-Versicherung "Wir schießen ins Dunkle"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Gas, wie groß ist eigentlich Ihr Markt? Sie versichern weder Schiffe noch Flugzeuge, dafür gibt es andere. Auch Atomkraftwerke sind anderweitig abgedeckt. Da bleiben für Sie ein paar Bürotürme übrig - und vor allem Industrieanlagen. Sind die nicht eher wenig bedroht, weil Terroristen meist symbolträchtige Ziele suchen?
Bruno Gas: Ich halte Industrieanlagen durchaus für gefährdet. Wir versichern ja nicht nur Sachschäden durch Explosion und Feuer, sondern auch Folgen böswilliger Beschädigungen und Schäden durch Betriebsunterbrechung. Kein Unternehmen, vor allem kein großes, kann sich leisten, über dieses Thema hinwegzugehen. Bei Immobilien sehen wir große Nachfrage von Wohnungsbaugenossenschaften und Fonds. Außerdem versichern wir Lager mit Material, mit dem man unter Umständen sehr viel Schaden anrichten könnte.
SPIEGEL ONLINE: Welche Art von Terror-Anschlag halten Sie denn für besonders wahrscheinlich?
Gas: Damit haben wir überhaupt keine Erfahrung, ich möchte da auch keine Prognosen abgeben. In der Vergangenheit zielten manche Anschläge auf Menschen, andere auf Sachen. Andere sollten einfach nur Angst und Schrecken verbreiten.
SPIEGEL ONLINE: Dann dürfte es Ihnen schwer fallen zu berechnen, welche Prämien Ihre Risiken angemessen abdecken.
Gas: Faktisch ist eine exakte Prämienberechnung unmöglich, wir schießen da ins Dunkle. Es gibt derzeit nur Wertansätze, die der internationale Rückversicherungsmarkt uns vorgibt. Davon leiten sich unsere eher pauschal ermittelten Prämien ab.
SPIEGEL ONLINE: In Ihren Bedingungen definieren Sie Terror, verkürzt gesagt, als Handlungen politisch, ethnisch oder religiös motivierter Menschen, die Angst und Schrecken verbreiten wollen. Wie sind Sie zu dieser Definition gekommen?
Gas: Es gab in Spanien und Großbritannien schon länger Terror-Erfahrungen, in der Transportversicherung gibt es international erprobte Bedingungswerke. Daran konnten wir uns orientieren.
SPIEGEL ONLINE: Wo hört denn Brandstiftung auf und wo fängt Terrorismus an?
Gas: Eine Brandstiftung, mit der sich zum Beispiel ein entlassener Arbeitnehmer rächt, fällt zum Beispiel nicht unter Terrorismus. Wenn es eine Reihe von Brandstiftungen wie etwa in Asylantenheimen gibt, verbreitet das Angst und Schrecken - ein Terror-Merkmal. Die Fälle, die wir in der jüngsten Vergangenheit erlebt haben, lassen sich einordnen.
SPIEGEL ONLINE: Zumindest theoretisch gibt es eine Menge Zweifelsfälle.
Gas: Aber der Kunde bleibt stets versichert. Entweder haftet die klassische Feuerversicherung oder wir. Die Definitionsprobleme liegen bei der Frage: Ist das noch Terrorismus oder schon Bürgerkrieg, den wir nicht abdecken. In Deutschland interessiert das derzeit weniger, aber die Geiselnahme in Moskau ist schon solch ein Zweifelsfall.
SPIEGEL ONLINE: Sie wählen die Risiken, die Sie versichern, nicht näher aus, weder nach Gefährdungsgrad noch nach Lage. Da könnte es doch passieren, dass ein Anschlag in einem Industriegebiet gleich mehrere Ihrer Kunden betrifft - und Ihre maximale Kapazität von 13 Milliarden Euro überschritten wird.
Gas: Wenn wir nach Risiko differenzieren würden, müsste wir jeden Kunden fragen: Wer sind Ihre Eigentümer, wohin liefern Sie, was produzieren Sie? Womit haben Sie sich womöglich unbeliebt gemacht? Das können und wollen wir nicht. Wenn wir anfangen, zum Beispiel von US-Unternehmen mehr Prämie zu verlangen, bekommen wir politische Probleme. Wir wollen gewährleisten, dass die Industrie in Deutschland frei arbeiten kann - auch ein Stück Solidargemeinschaft.
Bis die 13 Milliarden überschritten sind, muss eine Menge passieren. Der Anschlag auf das World Trade Center war mit 50, 60 Milliarden Dollar Schaden natürlich ein GAU. Solche Werteansammlungen haben wir aber hier zu Lande auch nicht annähernd. Die maximale Schadenlast aus einem Ereignis liegt nach unseren Schätzungen bei vier Milliarden Euro.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Verträge haben Sie bereits abgeschlossen? Immerhin versichern Sie Risiken erst ab 25 Millionen Euro aufwärts.
Bruno Gas: Abgeschlossen sind erst eine Hand voll. Das liegt daran, dass diese Verträge in Großunternehmen nicht wie sonst Sache der Versicherungsabteilungen sind. Hier entscheidet der Vorstand, oft wird der Aufsichtsrat eingeschaltet, das zieht sich hin. Wir registrieren aber großes Interesse und verhandeln intensiv mit der Großindustrie.
SPIEGEL ONLINE: Damit meinen Sie die rund 60 Unternehmen mit über fünf Milliarden Euro Versicherungssumme bei der Feuerversicherung. Mit wie vielen genau stehen Sie in Kontakt?
Gas: Wir haben bestimmt mit 20, 30 erste Kontakte. Vieles läuft aber auch über Makler und unsere Partner unter den Erstversicherern.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben selbst gesagt, dass Sie zwei Drittel der Großkonzerne als Kunden gewinnen müssten - und dazu noch etliche mittlere. Ist das für 2003 weiter ein realistisches Ziel?
Gas: Ja. Je größer der Konzern, desto höher die Bereitschaft. Im Mittelstand ist die Neigung geringer. Die Budgets sind knapp, das merken wir in den Verhandlungen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben ebenfalls angekündigt, dass Sie nächstes Jahr etwa 300 Millionen Euro Prämien brauchen, um Ihre Kosten zu decken. Wann wissen Sie, ob Sie diese Summe erreichen?
Gas: Wahrscheinlich erst im Januar. Auch wenn wir anfangs unter die 300 Millionen rutschen, leuchtet nicht gleich die rote Lampe auf. Wir haben uns inzwischen so eingerichtet, dass wir widerstandsfähiger sind.
SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Organisationsfonds haben Ihre Aktionäre Ihnen fünf Millionen für Anfangsverluste in 2002 bereitgestellt ...
Gas: So viel benötigen wir mit Sicherheit nicht. In diesem Jahr haben wir natürlich wenig Einnahmen, viele Verträge laufen erst im Dezember oder Januar an. Wir werden also eher Verlust machen, aber allenfalls im sechsstelligen Bereich. Wir haben bisher ja kaum Kosten. Wenn wir 2003 die 300 Millionen deutlich unterschreiten, könnten wir ebenfalls Verluste schreiben, weil wir für Rückversicherung eine Mindestprämie zahlen. Das sehen wir im März, April, damit rechne ich aber nicht. Die Welt wird nicht ruhiger, auch Deutschland ist im Visier von Terroristen.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Kapazität von 13 Milliarden ist auf drei Stufen verteilt, in letzter Instanz haftet der Staat mit zehn Milliarden Euro. Diese Regelung läuft aber nur drei Jahre. Übernimmt danach, wie der Bund zu hoffen scheint, die Privatwirtschaft die zehn Milliarden?
Gas: Das halte ich für ausgeschlossen. Es war schwer genug, die ersten drei Milliarden zu besorgen. Es wächst auf den Rückversicherungsmärkten auch keine Kapazität nach, sie nimmt eher ab. 2005 wird man mit der Regierung noch einmal verhandeln müssen. Wenn alles so bleibt wie bisher, einigen wir uns nach einigem Ringen wohl wieder auf eine ähnliche Lösung.
SPIEGEL ONLINE: Dass der Bund mit im Boot sitzt, ist für Sie Segen, aber auch Fluch. Sie dürfen zum Beispiel keine Risiken im Ausland versichern.
Gas: Das ist eher ein Fluch für die Kunden, nicht für uns. Mit der deutschen Ausrichtung müssen wir leben - jeder Staat denkt beim diesem Thema sehr national. Eine Europäisierung der Terror-Versicherung wäre ein möglicher Schritt, aber davon sind wir Welten entfernt.
SPIEGEL ONLINE: Ein großer Teil Ihrer Prämien fließt über Steuern und Beiträge direkt zurück an den Staat. Angeblich sind es über 30 Prozent.
Gas: Zunächst einmal müssen wir Versicherungssteuer zahlen, das sind 16 Prozent. Ob wir auch Feuerschutzsteuer zahlen ist noch offen, aber eher unwahrscheinlich. Der Staat bekommt auch Gebühren für seine Haftung, die Beträge liegen aber deutlich unter der Versicherungssteuer. Insofern kommt mir die Zahl von 30 Prozent übertrieben vor.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Kundschaft hat Sie lange als ungeliebtes Kind behandelt. Aus dem Bundesverband der deutschen Industrie ist Ihnen viel Skepsis entgegengeschlagen.
Gas: Die ist einer gewissen Einsicht gewichen. Es gab zum Beispiel Kritik, wir seien zu teuer - darüber haben wir gesprochen. Die Maximalprämien pro Jahr liegen nun im einstelligen Millionenbereich, nicht mehr über zehn Millionen, wie ursprünglich kalkuliert.
SPIEGEL ONLINE: Aber ein Kunde muss sich entweder komplett absichern oder gar nicht. Das ärgert viele, die nur besonders exponierte Anlagen versichern wollen.
Gas: Auch Kommunen möchten das so. Vielleicht wird ein Versicherungsnehmer ja an einer Ecke angegriffen, die er für sicher hielt. Wenn wir den Kunden die Wahl ließen, hätten wir ungeheure Arbeit und müssten eigene Bestandsaufnahmen aller Risiken vornehmen. Bei Großkonzernen sind das gigantische Zusammenstellungen, die sich täglich ändern können.
SPIEGEL ONLINE: Aus Kreisen der Siemens AG war zu hören, dass sie ihr Produkt für eher ungeeignet hält.
Gas: Wenn ein Unternehmen global verstreut ist und selbst Kapazitäten hat, auch mal einen mächtigen Schaden einzustecken, dann wird es sich nicht versichern. Vorher wird das der Aufsichtsrat prüfen - und Vorstände sollten bedenken, dass sie bei unversicherten Schäden vielleicht haftbar sind. Wir agieren aber am freien Markt und müssen damit leben, wenn einer nicht zu uns kommt.
Das Interview führte Matthias Streitz