Terrorversicherer Extremus Letzter Rettungsanker
Köln Der größte finanzielle Schaden bei den Anschlägen vom 11. September 2001, sagt Dirk Harbrücker, entstand nicht durch den Verlust der 3000 Menschenleben. Harbrückers Tonfall ist ruhig, wenn er so etwas ausspricht. Der gelernte Jurist wägt seine Worte. Er weiß, dass jeder Tod eine Tragödie ist. Doch Harbrücker muss solche Sätze sagen es ist sein Job.
Der 55-Jährige ist Vorstand bei Extremus, Deutschlands einziger Firma, die Versicherungen gegen Terrorangriffe verkauft. Gut drei Wochen nach den versuchten Anschlägen auf zwei Regionalzüge sitzt er im dritten Stock eines modernen Bürohauses im Kölner Westen. Es klingt fast nach einer Entschuldigung, wenn Harbrücker sagt, dass der Schaden ja die beste Werbung für die Versicherungswirtschaft sei. "Wir werden mal wieder prominenter", sagt er und lächelt.
Kapazität von zehn Milliarden Euro
Die Pläne für den Spezialversicherer wurden nach dem 11. September 2001 geboren - der deutschen Versicherungswirtschaft schien der Bereich Terror damals zu heikel. Die Branche wolllte sich aber auch nicht nicht "aus der Verantwortung stehlen", wie Harbrücker sagt.
Harbrücker, vor 2002 bereits Geschäftsführer der Deutsche Kernreaktor Versicherungs-Gemeinschaft (DKVG), war um einen Job reicher. Zehn Mitarbeiter hat die Extremus AG, die sich den Besprechungsraum und die Küche mit der DKVG teilt. "Das ist schon eine Art Jointventure hier", sagt Harbrücker.
Er ist so etwas wie der Statthalter in Köln, denn der Extremus-Vorstandsvorsitzende Bruno Gas hat sein Büro in Hannover. "Unser Ziel war es von Anfang an, schlanke Strukturen zu haben", sagt Harbrücker. Die Umsetzung ist konsequent: Den Tisch im Konferenzraum hat Extremus bezahlt, die historischen Drucke an der Wand kommen von der DKVG.
Staatsgarantie als Geschäftsmodell
Wenn Harbrücker die Größenordnung seines Unternehmens erklären will, greift er zu einem blauen Edding und geht an den Flip-Chart im Konferenzraum. "Mein Frau fragt mich immer, wie hoch der Schaden sein kann, für den wir aufkommen können", sagt er, "bei uns heißt das Kapazität."
Der 55-Jährige zeichnet eine Säule und trennt ein Fünftel ab. "Privat" schreibt mit einem roten Edding daneben, "Staat" steht wenig später an dem größeren Abschnitt. "Die ersten zwei Milliarden Euro eines Jahres können wir selber mit unseren Rückversichern tragen", erklärt er, "acht weitere Milliarden steuert der Staat bei." Somit verfügt Extremus über eine Kapazität von zehn Milliarden Euro. Eine gewaltige Zahl. Allerdings: Beim Anschlag auf das World Trade Center entstanden rund 45 Milliarden Dollar Sachschaden.
"Wir könnten für den Totalschaden unser 15 größten Kunden aufkommen", sagt Harbrücker, "das hieße aber auch, dass es an mehr als 15 verschiedenen Orten in Deutschland in einem Jahr zu einem Anschlag kommen müsste." Auf einmal klingt das Risiko beherrschbar die Wahrscheinlichkeit einer solchen Tragödie ist gering.
Als "sehr wichtig" bezeichnet Harbrücker die Rolle des Staates. Dieser haftet für alle Beträge über zwei Milliarden Euro. Rund 12,5 Prozent der Versicherungsprämien bekommt er dafür. Übersteigt der Schaden die zehn Milliarden, müsste neu verhandelt werden.
Bisher einmal wurde die staatliche Bürgschaft seit der Extremus-Gründung erneuert, am 8. Juli 2005. "Ich weiß nicht, ob sie die Daten noch präsent haben", sagt Harbrücker. "Am 7. Juli 2005 waren die Terroranschläge in London." Er wolle zwar nicht den Eindruck erwecken, dass diese Entscheidung nur davon abhing, "aber London hat den Prozess unter Umständen beschleunigt". Er lächelt. Bis 2007 läuft die neue Bürgschaft und "nach den jüngsten Entwicklungen kann ich mir nicht vorstellen, dass sie nicht verlängert wird", sagt er.
Die Terror-Police von Extremus deckt nur Schäden ab, "die auf Grund und Boden stehen", wie Harbrücker es formuliert. Flugzeuge sind nicht darunter, ein Streitfall könnten Züge sein: "Bei der Bahn ist es schwierig, weil deren Züge auch auf dem Grund der Bahn fahren", erklärt er. Bereits ab 6000 Euro Prämie kann sich ein Unternehmen Versicherungsschutz kaufen.
Es ist ein plausibel klingendes Konzept, das Harbrücker darstellt. Gerade jetzt, nach den jüngsten Versuchen eines Terroranschlags in Deutschland, müsste das Geschäft laufen. "Nicht alle Unternehmen werden jetzt direkt eine Versicherung bei uns kaufen, sagt er, "aber vielleicht denken Unternehmer noch einmal nach."
Es klingt ernüchtert. 2002, unmittelbar nach Gründung, waren die Prognosen noch fordernder: 500 Millionen Euro an Prämien wollte Extremus einsammeln, in der unmittelbaren Phase nach 9/11 schien die Terrorversicherung ein Produkt, auf das die Unternehmen nur zu warten schienen.
"Wir waren eine exotische Gesellschaft"
Doch die Bilanz zeigt ein anderes Bild: Hatte das Unternehmen im Jahre 2003 noch 1070 Verträge mit einer Nettoprämie von 105,2 Millionen Euro, sind es heute zwar 56 Verträge mehr, aber nur noch knapp 60 Prozent des Prämienaufkommens von damals.
"Wenn man die ursprüngliche Erwartung sieht", sagt Harbrücker, "dann sind wir weit dahinter zurückgeblieben." Doch der Bilanzverlust aus der Gründungsphase sei ausgeglichen, mittlerweile baue das Unternehmen Rückstellungen auf, 13 von 30 Dax -Unternehmen sind Kunden. "Wir machen solide Arbeit, sind finanziell gesund." Im vergangenen Jahr konnte Extremus sogar erstmals eine kleine Dividende zahlen.
Obwohl die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einer Studie die Notwendigkeit einer Terrorversicherung betont und die Gefahr durch die Zahl der stattgefundenen oder vereitelten Anschläge immer präsenter wird, kommt der Sinneswandel in der Industrie nur langsam. Mit rund 70 weiteren Aufträgen rechnet Extremus bis Jahresende. "Ich bin zuversichtlich, dass sich das in Zukunft normalisiert", sagt Harbrücker, "anfangs haben wir das Potenzial überschätzt und waren auch bezüglich unseres Angebots nicht flexibel genug."
Nun aber setze ein langfristiger Sinneswandel ein. Britische Hedgefonds und Investoren erwarteten beispielsweise von den deutschen Firmen, in die sie investieren, dass sie eine Terror-Police abschließen. "Früher waren wir eine exotische Versicherungsgesellschaft", sagt Harbrücker, "doch mittlerweile wird bei Unternehmen wie selbstverständlich nachgefragt, ob sie sich gegen Terror versichern wollen."
Alternativloses Konzept
Trotz der schwierigen Startbedingungen muss sich Extremus nicht um seine Zukunft sorgen: "Für den deutschen Markt ist mit Extremus eine Lösung gefunden", sagt Stephan Schweda vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, "und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich in diesem Bereich ein zweiter Versicherer aufstellt." Der Verband ist zufrieden mit seiner Lösung: Denn das vorrangige Ziel war es nicht, große Renditen zu erwirtschaften, sondern den Versicherungsnehmern eine Lösung anzubieten.
"Natürlich nehmen wir den Gesellschaftern einen unangenehmen Bereich ab", sagt Harbrücker, "aber nichtsdestoweniger haben auch wir den wirtschaftlichen Druck." Er weiß, dass die Branche und auch der Staat keine Alternativen haben. Deswegen könne er sich das Ende von Extremus nur bei zwei Szenarien vorstellen: "Wenn es keine Nachfrage mehr gibt", sagt Harbrücker und macht eine kleine Pause, "und wenn die Welt auf einmal friedlich wird."