Testzelle: "Die lesen doch nur im Kaffeesatz" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Testzelle "Die lesen doch nur im Kaffeesatz"

MobilCom-Gründer Gerhard Schmid setzt mit der neuen Mobilfunk-Generation UMTS alles auf eine Karte. Jetzt präsentierte er die erste Zelle seines Netzwerks.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Büdelsdorf - Der Mann glaubt an seine Vision. Der Mobilfunkmarkt der Zukunft wird allein UMTS heißen, daran lässt Gerhard Schmid keinen Zweifel aufkommen. Konsequent wie er ist, hat Schmid deshalb - anders als seine größeren Konkurrenten - sein Unternehmen vollständig auf den neuen Mobilfunk-Standard eingeschworen.

Und er macht Druck, weil er als erster Anbieter auf dem Markt sein will. Wer zuerst kommt, mahlt schließlich zuerst. Der Zeitplan ist eng gesteckt. Die multimediale Mobilfunk-Zukunft soll schon im nächsten Jahr beginnen, lautet die Devise. Das Netzwerk soll zunächst im Ruhrgebiet und in Großstädten wie Hamburg, Berlin oder München entstehen. Damit lassen sich vom Start weg 30 Prozent der Bevölkerung erreichen, Ende 2003 sollen es bis 50 Prozent sein.

Bescheidener Anfang

Der Anfang ist allerdings noch bescheiden: Das am Mittwoch vorgestellte UMTS-Netzwerk endet wenige hundert Meter vor der Haustür der Büdelsdorfer Firmenzentrale, und das mobile Empfangsgerät ist ein ausgewachsener Lieferwagen, der mit Computern, Digitalkameras, Bildschirmen und allerlei Zusatzaggregaten vollgepackt ist.

In den nächsten Monaten wird es die Aufgabe der Ingenieure sein, das Equipment auf die Größe eines Handys einzudampfen. Aber darin liegt nach Meinung der Experten wohl nicht das Problem. Schließlich sind in der Vergangenheit Rechenzentren von der Größe einer Turnhalle auf das Format eines Ausstellungskatalogs geschrumpft.

Viel mehr Schwierigkeiten bereitet wohl die Software, die eine für einen normalen Monitor konzipierte Web-Seite so auf das winzige Display eines Handys oder Digitalen Assistenten zaubert, dass sie für den Nutzer attraktiv ist. In Hamburg beschäftigt MobilCom eigens eine Task Force für dieses Problem. Über den Stand der Entwicklung schweigt sich MobilCom allerdings aus.

Breite Palette von Diensten wird möglich

Immerhin - die Datenübertragung der ersten UMTS-Netzwerkzelle kann sich sehen lassen. Internet-Seiten bauen sich in kürzester Zeit auf, sogar Videokonferenzen sind in einer Qualität möglich, die bislang allenfalls eine ausgewachsene Standleitung zustande brachte. Das rollende Büro erreicht eine Übertragungsgeschwindigkeit von 400 Kilobit (KB) pro Sekunde. Ein Modem für den Heimcomputer schafft höchstens 56 KB, das bisherige GSM-Handy 9,6.

Theoretisch wird damit eine breite Palette von Angeboten möglich. Sie erfasst mobile Informationsdienste etwa zum Auffinden eines freien Parkhauses oder der nächsten Apotheke ebenso wie Bankdienstleistungen oder das Übertragen kleiner Videosequenzen aus dem Urlaub nach Hause. Und wer sich beim Kleiderkauf nicht ganz schlüssig ist, kann per Videokonferenz in die Umkleidekabine die beste Freundin zu Rate ziehen.

Ob die Netzbetreiber damit genügend Geld verdienen, um die hohen Anfangsinvestitionen hereinzuspielen, muss sich allerdings erst erweisen. In einer jüngst veröffentlichten Studie kommen die Analysten von Forrester Research zu dem Ergebnis, dass die Mobilfunk-Anbieter ab 2007 mit Verlusten rechnen müssen. Der Markt sei allmählich gesättigt und der Erlös pro Nutzer falle gut 40 Prozent niedriger aus, als ursprünglich kalkuliert.

Nur wenige Dienste bringen genug Ertrag

Außerdem sollen sich einer Studie der britischen Beratungsgesellschaft Organisation and Technology Research zufolge nur wenige der angedachten Dienste überhaupt rechnen. Mit dem tragbaren Internet-Anschluss, Videoübertragungen und Online-Einkäufen werde sich wohl nur wenig Geld verdienen lassen, sagt die Analyse voraus.

Gewinn sollen vor allem handygestützte Orientierungshilfen wie elektronische Stadtpläne oder Nachrichtendienste rund um den Sport bringen. Auch SMS geben die Analysten eine Chance - in weiter entwickelter Form mit aufwendigerer Grafik und Bildern.

Solch kritische Analysen der geschäftlichen Risiken wischt MobilCom-Chef Schmid kurzerhand vom Tisch: "Im Moment liegt man halt im Trend, wenn man alles miesmacht. Diese so genannten Experten lesen doch nur im Kaffeesatz."

Seine eigene Version von der Zukunft der schönen neuen Mobilfunkwelt hält er dagegen für durchaus beweisbar. Als Belege hält er eine Grafik in die Luft, auf der die geschätzte Zahl von Mobilfunk-Teilnehmern in Deutschland bis 2012 abgebildet ist. Sie lässt für den MobilCom-Chef nur einen Schluss zu: "Das gute alte GSM-Handy wird bis 2008, spätestens 2010 von der Bildfläche verschwinden. Wer dann kein UMTS anbieten kann, ist weg vom Fenster."