Teure Alternative
Die Atomgemeinde feiert ihren Sieg. Lange mußten die Siemens-Manager um ihre Plutoniumfabrik in Hanau kämpfen. Nun entschied das Bundesverwaltungsgericht, sie dürften den Bau vollenden und dort Reaktor-Brennelemente aus dem Bombenstoff fertigen.
Es scheint, als hätten wieder einmal Richter entschieden, wo Politiker zögerten, und so der Nuklearindustrie den Weg in eine strahlende Zukunft geebnet. Doch der Eindruck ist falsch. Bis zum Wahltag mögen Energiepolitiker der Koalition noch vom »Zukunftssignal« schwärmen, rote und grüne Atomfeinde ihre Niederlage beklagen. Für die Wirtschaft hat jedoch das Urteil keine Bedeutung mehr.
Wenn Atomgegner wie Nuklearpropagandisten den Richterspruch ernst nehmen, erliegen sie einer gravierenden Fehleinschätzung. Sie glauben, die Stromkonzerne würden in der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente und dem Einschmelzen des gewonnenen Plutoniums in neue Brennstäbe eine zukunftweisende Technik sehen.
Tatsächlich würden die Stromproduzenten trotz andersklingender Bekenntnisse lieber heute als morgen Schluß machen mit der Plutoniumwirtschaft: Die Wiederaufarbeitung ist doppelt so teuer wie die Alternative - nämlich die abgebrannten Brennelemente in Stahlbehältern 30 bis 50 Jahre oberirdisch zwischenzulagern und dann in Salz oder Basalt zu vergraben.
Seit einigen Monaten ist diese Möglichkeit auch juristisch abgesichert. Die Zwischenlager sind als Entsorgungsnachweis für Atomkraftwerke rechtlich anerkannt. Die Nuklearmanager müssen nicht länger fürchten, ein Verwaltungsrichter könnte ihre profitablen Stromfabriken schließen, wenn sie sich von der Wiederaufarbeitung trennen.
Nur eine Hürde steht noch. Die Konzerne haben sich langfristig verpflichtet, ihre ausgebeuteten Brennelemente nach Frankreich zu schicken und Plutonium wie Atommüll zurückzunehmen. Bis 1998 sind die Mengen fest vereinbart, für die Zeit danach gelten Optionen. Je länger die Wiederaufarbeitung dauert, desto mehr Plutonium fällt an. Das kann weder den Managern noch den Atomgegnern passen.
Aus unterschiedlichen Gründen wollen beide Seiten möglichst schnell die Produktion von Plutonium beenden. Darüber besteht schon Einvernehmen. Das wird nach der Wahl, unabhängig vom Ausgang, rasch deutlich werden. Doch was geschieht mit den geltenden Verträgen?
Wird die Wiederaufarbeitung sofort gestoppt, muß die Atomindustrie »nur« die bereits vorhandenen 10 Tonnen Plutonium beseitigen. Erfüllt die Industrie die Verträge, wächst der gefährliche Berg auf 40 Tonnen. Die müßten in der Hanauer Fabrik verarbeitet werden. Der Rotstift der Betriebswirte in den Stromkonzernen wird den Ausschlag geben. Kann das Plutonium in Frankreich oder Großbritannien billiger als in Hanau unschädlich gemacht werden, bleibt die Milliarden-Investition unvollendet.
Bundesumweltminister Klaus Töpfer, sein hessischer Kontrahent Joschka Fischer und der niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder kennen die wahre Stimmung der Konzernherren. An ihm, so Fischer, werde die »Lösung des Plutoniumproblems auch am Standort Hanau« nicht scheitern.
So können sich die Energiepolitiker dem zweiten wichtigen Thema zuwenden: Wie viele alte Reaktoren opfert die Industrie in den nächsten Jahren, um als Preis dafür die modernen laufen zu lassen? Je mehr alte Reaktoren die Manager abschalten, desto mehr Garantiezeit fordern sie für die neuen.
Weniger als 25 Jahre »Rest«-Laufzeit werden die Firmen kaum akzeptieren. Für die Realisten Schröder und Fischer wäre das aber der Einstieg in den ganz langsamen Ausstieg aus der Atomenergie.
Die Industrie möchte den Atommüll lieber vergraben