LUFTFAHRT Teure Altlasten
Seit der Holzmann-Pleite hat kein Niedergang eines Traditionsunternehmens mehr so heftige Emotionen ausgelöst wie der Absturz des weiß-roten Charterflugpioniers LTU. Stellvertretend für viele Besserverdiener, die den Service des zweitgrößten deutschen Feriencarriers gern nutzen, um zu ihren Fincas auf Mallorca zu düsen, barmte vergangene Woche das Society-Sternchen Jenny Jürgens via »Bild": »LTU ist eine Institution, die Düsseldorf schmerzhaft fehlen würde.«
Auch Politiker in Nordrhein-Westfalen überboten sich gegenseitig mit Solidaritätsadressen und Hilfsangeboten für die flügellahme Airline. Der eine oder andere nutzte die Dienste der LTU in der Vergangenheit schon mal für lau.
»Fliegen ist für alle da«, hieß der Schlachtruf des LTU-Gründers Kurt Conle, mit dem er die Deutschen in den fünfziger Jahren in seine Ferienbomber gen Süden lockte. Die weiß-roten Flieger galten schon bald als Symbol der Nachkriegsära und als Beleg dafür, dass es die Deutschen wieder zu etwas gebracht hatten.
Dass die Airline schlecht gemanagt wurde, fiel zunächst nicht weiter auf - bis Ende 1998 die Swissair das Steuer bei der LTU übernahm. Ein erstes Sparprogramm vom Sommer vergangenen Jahres griff viel zu kurz. Seit die Schweizer Mutter vor vier Wochen selbst Vergleich musste und den Geldfluss zur Tochter stoppte, droht nun auch der LTU der Konkurs.
In einer eilends anberaumten Krisensitzung versuchte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement vergangenen Freitag, die drohende Pleite abzuwenden. Fast drei Stunden tagte der Regierungschef mit Ministern, Bankern, LTU-Chef Sten Daugaard und LTU-Großaktionär Hans Reischl, Chef des Handelskonzerns Rewe. Doch frisches Geld wollte zunächst keiner der Teilnehmer herausrücken, obwohl die Mittel der LTU nur noch bis Mitte November reichen. Bereits in dieser Woche will die Runde erneut zusammentreffen. Bedingung für die Rettung ist jedoch, dass der LTU-Vorstand ein schlüssiges Sanierungskonzept vorlegt.
Branchenkenner können über den hektischen Aktionismus, mit dem der Regierungschef seinen angeschlagenen Hausund-Hof-Carrier retten will, nur staunen. Noch am Freitag vorletzter Woche hatten sich die deutschen Airline-Bosse bei Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig in Berlin getroffen und Subventionen für Not leidende Fluggesellschaften heftig gegeißelt. Es könne nicht angehen, ließ der Minister nach dem Gipfeltreffen verbreiten, »dass kränkelnde Airlines durch Beihilfen aufgepäppelt und gesunde Unternehmen damit benachteiligt« würden.
Was das Bekenntnis wert war, zeigt sich nun am Beispiel der LTU. Obwohl auf dem deutschen Chartermarkt schon jetzt Überkapazitäten herrschen und andere Fluglinien die LTU-Passagiere teilweise sogar günstiger befördern könnten, soll die chronisch defizitäre Fluglinie (siehe Grafik) künstlich am Leben erhalten werden.
Nun rächt sich, dass die nordrhein-westfälische Landesregierung das Schicksal der LTU viel zu lange einem einzigen Mann anvertraute: Ex-WestLB-Chef Friedel Neuber. In seinem Drang, als Schöpfer eines europäischen Touristikimperiums in die Wirtschaftsgeschichte einzugehen, kaufte er seit Ende der achtziger Jahre im großen Stil Beteiligungen an der LTU, dem Reisekonzern TUI und der Hapag-Lloyd auf.
Doch das Kartellamt wollte nicht tatenlos zusehen, wie Friedel Neuber das Geschäft mit den schönsten Wochen des Jahres monopolisierte. Deshalb zwangen die Wettbewerbshüter ihn, sein LTU-Paket zu verkaufen. Neuber entschied sich für die Swissair - eine verhängnisvolle Entscheidung, wie sich heute zeigt.
Um den Kaufpreis von insgesamt etwa zwei Milliarden Mark wieder hereinzubekommen, verkauften die Schweizer die gesamte LTU-Flotte und leasten sie später größtenteils zurück. Der Bilanzkunstgriff belastet die Airline heute Jahr für Jahr mit einem hohen dreistelligen Millionenbetrag.
Anfang des Jahres übernahm Rewe-Boss Reischl 40 Prozent an der Fluglinie, allerdings nur, um sich den Zugriff auf die Reiseveranstalter der LTU (unter anderem Tjaereborg, Meier's Weltreisen) zu sichern. »Deren Sanierung kostet uns allein 150 Millionen Mark«, sagt der Rewe-Chef, der sich weigert, seinen Anteil an der LTU aufzustocken, und bereits einen etwa gleich hohen Betrag in die Fluglinie pumpte. Gleichzeitig verpflichteten sich die Swissair-Manager, bis 2005 alle Verluste zu tragen. Die Zusage können die Schweizer nun nicht mehr einhalten, weil ihre LTU-Beteiligung im Nachlass der Swissair gelandet ist, die unter Zwangsverwaltung steht.
Insider halten es für das Beste, die LTU in Konkurs gehen zu lassen, um sie von Altlasten, wie zu teuren Leasingverträgen und Tarifabschlüssen mit den Piloten, zu befreien. Über eine Auffanggesellschaft könnte die Airline mit einer deutlich verringerten Flotte und geringeren Kosten dann - klein, aber fein - wieder durchstarten. DINAH DECKSTEIN