BUNDESBAHN Teure Nächte
Im Schlafwagen des D 880 von München nach Hamburg entdeckte Papiergroßhändler Ernst Butt einen Zug der Zeit: »Der Balkan in Deutschland nimmt überhand.«
Nach einer ausgedehnten Schlemmerstunde mit frischen Schwammerln und Grünem Veltliner hatten Butt und seine Gefährtin ihr Flugzeug in den Norden verpaßt und noch gerade rechtzeitig den letzten Nachtzug nach Hamburg erreicht. Doch der Schlafwagenschaffner bedauerte: »Alles besetzt.«
Vergeblich rüttelte das Paar weiter vorn an den Türen von zwei völlig leeren Waggons. Die Besatzung bedeutete den Reisenden lustlos, diese Schlafwagen würden »nur so« mitgeführt. Erst ein Fünfzig-Mark-Schein, den der Kaufmann diskret dem Schaffner eines angeblich besetzten Wagens in die Hand drückte, öffnete den Reisenden den Zugang zu einem Zweibett-Abteil.
Der Bakschisch-Beamte, davon ist der verärgerte Bahnkunde überzeugt, betreibe sein Zusatzgeschäft mit Methode: »Der wartet bis zum Schluß auf den Meistbietenden.«
In der Frankfurter Bundesbahn-Zentrale verweist man solche Reiseerlebnisse gern in das Reich der Tierfabeln: »Ein dicker Hund« sei der Vorfall, aber auch unter treuen Bahnern wäre schon mal »ein schwarzes Schaf« zu finden. Vielreisende sind anderer Ansicht: Entgleisungen des Zug-Personals scheinen an der Tagesordnung.
Die Sekretärin Inge Gerstner zum Beispiel ließ sich mit gutem Appetit im Speisewagen des D 615 Stuttgart -- München nieder. Doch der Kellner servierte sie barsch ab: »Hier gibt es nichts mehr.«
Die Begründung des Obers, gestanden später selbst seine Vorgesetzten von der »Deutschen Schlafwagen- und Speisewagen-Gesellschaft« (DSG) ein, »grenzte an geschäftsschädigendes Verhalten«. Er habe sich, hatte der ungefällige DSG-Mann erläutert, von einer bayrischen Trachtengruppe »bedroht« gefühlt, die in dem rollenden Restaurant zechte, und habe deshalb mit den Bayern auch alle anderen Gäste aus dem Speisewagen gewiesen.
Aber selbst nachdem die bedrohlichen Bayern in Ulm den Zug verlassen hatten, mochte der Ober sein Lokal nicht wieder öffnen. Als sich die empörte Sekretärin bei der Bahn beschwerte, schickte ihr die DSG-Bezirksdirektion als »Trostpflästerchen« eine Flasche »Piccolo«-Sekt und bat, »diesen Vorfall als Einzelfall zu werten«.
Doch die »Einzelfälle« häufen sich. Vergeblich mühte sich, an einem Samstagabend im Intercity Frankfurt -- München, der Kaufmann Franz Schmidt um ein warmes Abendessen. Was immer er auch aus dem reichhaltigen Angebot an Köstlichkeiten auswählte -- vom »Toast Mozart« bis zur Bockwurst mit Senf -- immer wieder meldete der Kellner nach Rückfrage in der Speisewagen-Küche: »Gibt es leider nicht.«
Schließlich rückte der Servierer, ein freundlicher Indonesier, mit der Sprache heraus. Die Besatzung habe den Speisewagen von einer Hamburger Crew übernommen, und die vorgefundenen Küchen-Bestände stimmten nicht mit der schriftlichen Buchführung überein. Solange man den Fehler nicht entdeckt habe, müsse die Küche leider kalt bleiben.
Koch und Oberkellner, so sah der Gast nun, rechneten verzweifelt lange Zahlenkolonnen zusammen. Aus Mitleid mit dem hungernden Reisenden schaffte der Indonesier schließlich, unter Umgehung des deutschstämmigen Personals, ein Wurstbrot heran.
Jahr für Jahr beschweren sich rund 500 Bahnkunden schriftlich bei der DSG-Direktion über schlampigen Service. »Ein recht gutes Ergebnis«, meint DSG-Sprecher Dietrich Augstein, denn schließlich gingen etwa genauso viele Dankschreiben ein. Zur Motivation der gestreßten Mitarbeiter werden diese Lobeshymnen seitenweise in der Betriebszeitung der DSG abgedruckt -- allerdings klopfen da auffällig viele Bundesbahner, Eisenbahngewerkschafter und Vertreter ausländischer Bahnen den Schlaf- und Speisewagen-Kollegen auf die Schulter.
Vergrätzte Kunden kommen eher in den Leserbriefspalten bahnfremder Organe zum Zug. Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, meint Augstein, führe gar einen regelrechten »Leserbriefkrieg« zugunsten der »Erstkläßler« in den Intercity-Zügen. Verärgert und verängstigt zogen die »FAZ«-Leser die klugen Köpfe hinter ihrem Leibblatt ein, als nach Einführung des Intercity-Stunden-Taktes gemeines Volk aus der neu hinzugekommenen zweiten Klasse in die Speisewagen drängte.
Nicht alle Erster-Klasse-Fahrer halten sich fein zurück. »Die Speisewagen«, schimpft etwa Erwin Stechert aus Hamburg auf der Leserseite der Stuttgarter Zeitung, »sind zu rollenden Saftläden geworden.«
Auch wer sich aus der zweiten Klasse gar nicht in die Speisewagen vorwagt, findet noch genug Anlässe, sich über die Bundesbahn-Tochtergesellschaft DSG zu ärgern. Da rollen zum Beispiel DSG-Bedienstete mit einer »Mini-Bar« durch die Wagen und verkaufen -- neben allerlei Plastik-Futter -- eine »Doppeltasse« Kaffee zum stolzen Preis von 2,80 Mark.
Dafür müssen müde Reisende sich »den beliebten Frisch- und Muntermacher« (DSG-Werbung) auch noch eigenhändig in einem roten Kunststoffbecher aus dem beigepackten Kaffee-~ Beutelchen zusammenrühren. »Diese Preise wären denkbar in einem gut geführten Café«, klagt ein Kunde aus Waiblingen, »aber nicht in einem öffentlichen Verkehrsmittel.«
Der Unmut über den wichtigen Umsatzträger - 10 681 672 Tassen wurden letztes Jahr verkauft - läßt die Bundesbahn-Zentrale auf neue Rezepte sinnen. Billiger aber wird's kaum werden.
Denn trotz der happigen Preise setzt die Bahn jedes Jahr rund 30 Millionen Mark beim Speise-Service ihrer Tochter zu. »Wir grübeln noch herum«, gesteht der für DSG-Kostenrechnung zuständige Bundesbahn-Referent Georg Rackles, »etwas Ansprechendes zu finden.«
Auch die Schlafwagen lassen den Bahn-Denkern keine Ruhe. Selbst ohne heimliches Handgeld ist die Nacht im Bahn-Bett teuer genug. Ein Schlafplatz im Dreibett-Abteil der zweiten Klasse kostet, zusätzlich zum normalen Fahrpreis, 40 Mark. Für das gleiche Geld findet man in einem Hotel durchaus komfortable Einzelzimmer.
Überdies verschafft der zentrale Buchungscomputer dem müden Reisenden oft noch Schlafpartner - des gleichen Geschlechts, versteht sich -, die spät nach Mitternacht zusteigen oder vor Tau und Tag wieder ihre Koffer packen. Wer die Nacht allein verbringen möchte, muß sich das etwas kosten
lassen: Er zahlt 120 Mark Aufschlag für das Einbettabteil.
Daß »viele Kunden den Preis als zu hoch empfinden«, ist auch dem Bahn-Rechner Rackles schon zu Ohren gekommen. Doch die Gesetze der Kostenrechnung sind wohl unerbittlich. Die Bundesbahn berechnet ihrer Tochter DSG für die bahneigenen Schlafwagen einen Festpreis pro Einsatztag, aus
dem sich unschwer die hohen Übernachtungskosten hervorrechnen lassen.
Und da Sparmöglichkeiten nicht in Sicht sind, werden die Bahner auf vertrauten Gleisen weiterfahren - die Preise steigen. Anfang dieses Monats wurde quer durch alle Klassen aufgerundet, zum Frühjahr werden die Passagiere erster Klasse noch einmal draufzahlen müssen.