Teure Träger - DER SPIEGEL
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Kohle Teure Träger

Auch die durch die Nahostkonflikte ausgelöste Ölkrise nützt der deutschen Kohle-Industrie wenig. Sie produziert zu teuer und kann Öl nicht ersetzen.
• aus DER SPIEGEL 44/1973
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Sechs Wochen vor seinem Rücktritt sah Hans-Helmut Kuhnke, Chef der Ruhrkohle AG, seine große Stunde: Der Krieg um Israel, so der pensionsreife Manager, zwinge die Bundesregierung endlich zur »Bevorzugung ihrer einheimischen Energiequellen«.

Der Kohle-Verwalter aus Essen (Kuhnke: »Ich könnte oft in die Kissen heulen") versuchte die Kämpfe im Nahen Osten zu nutzen, um für sich und sein chronisch krankes Unternehmen zu werben. Die Drohung der Araber, die Öllieferungen nach Europa einzuschränken und empfindlich zu verteuern, schienen ihm Grund genug, seinen Zechen-Konzern zu empfehlen.

Kuhnkes verbale Wiederbelebungsversuche ("Die Welt ist noch nicht reif genug, um mit fremden Energiequellen zuverlässig rechnen zu können") gelten einem Unternehmen, das seit Jahren knapp bei Kasse ist und seit 1970 Betriebsverluste von über zwei Milliarden Mark erwirtschaftete. Allein in diesem Jahr, so errechneten Kohle-Experten, wird die 1968 gegründete Einheitsgesellschaft mit einem Betriebsverlust von 500 Millionen Mark abschließen.

Auf den Halden des Konzerns (6,7 Milliarden Mark Umsatz, 160 000 Beschäftigte) lagern 17 Millionen Tonnen unabsetzbare Kohle. Rund 230 Millionen Mark kostet die Bergpflege alljährlich.

Der Grund für die riesigen Halden und mageren Bilanzen: »Die deutsche Steinkohle«, konstatiert Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs in seinem im Sommer vorgelegten Energieprogramm, »ist heute der teuerste Energieträger in der Bundesrepublik.«

Revier-Kunden zahlen für eine Tonne Kokskohle des Essener Kombinats 98 Mark. Über den Atlantik geschiffte US-Kohle hingegen würde sie nur 65 Mark je Tonne kosten. Aus fast sämtlichen westdeutschen Haushalten hat das bis vor kurzem noch billige Heizöl Kuhnkes Kohle längst verdrängt.

Nur mit jährlichen Alimenten aus Steuerkassen -- etwa mit Kokskohlebeihilfen an die Stahlindustrie, Verstromungs-Subventionen, Investitionszuschüssen, Halden-Finanzierung und Maßnahmen gegen die Kohleeinfuhr -- ist die Ruhrkohle AG überhaupt noch lebensfähig. Insgesamt addieren sich die Stützungsmaßnahmen auf 1,5 Milliarden Mark im Jahr.

Nach Friderichs' Energieprogramm soll der Essener Subventions-Konzern -um sozial- und strukturpolitische Härten zu vermeiden -- wenigstens sukzessive verkleinert werden.

In ihrem ersten Geschäftsjahr hatte das Unternehmen noch 91 Millionen Tonnen Kohle gefördert. Nun setzte Friderichs den Ruhr-Kumpeln für 1978 ein Förderlimit von 63 Millionen Tonnen.

Doch dagegen wettert Kuhnke: »Als Staatsbürger sage ich, daß diese Entscheidung falsch ist.« Und: »Gerade unter dem internationalen Aspekt, wie wir ihn jetzt erleben, braucht die Bundesrepublik die Bevorzugung ihrer einheimischen Energie.«

Wie seine Bevorzugung allerdings aussehen soll, weiß auch der Ruhr-Manager, dessen Arbeitszimmer der chinesische Spruch »Wu Wei« ("Nichts tun") ziert, nicht so recht. Denn selbst bei dem -- eher unwahrscheinlichen -- totalen Lieferstopp der arabischen Ölländer kann die Ruhrkohle AG den westdeutschen Energiemarkt kaum noch entlasten. In den wichtigsten Wirtschaftsbranchen -- so in der Automobilindustrie und in der Chemie -- kann das Erdöl als Energieträger gar nicht ersetzt werden. Darüber hinaus ist eine erneute Umstellung der Haushalte auf Kohle kaum vorstellbar. Lediglich bei den Stromherstellern läßt sich in einigen Kraftwerken kurzfristig noch Heizöl gegen Kohle austauschen.

Von den 125 Millionen Tonnen Öl jedoch, die jährlich in der Bundesrepublik verbraucht werden, verheizen die Kraftwerke lediglich zehn Millionen, von denen allenfalls die Hälfte -- wegen technischer Umstellungsprobleme durch Kohle ersetzt werden kann. Jeder Lieferstopp der Araber, der die Stromhersteller zwingen würde, auf Kohle auszuweichen, könnte dem schrumpfenden Kuhnke-Konzern die Vergangenheit nicht zurückholen.

Stillgelegte Zechen zu reaktivieren, erkannte selbst Kuhnkes Aufsichtsratschef Heinz P. Kemper, würde etwa zehn Jahre in Anspruch nehmen. Neue Kumpel im kohlemüden Revier anzuwerben, halten darüber hinaus Personalsachverständige für völlig aussichtslos.

Schon heute ist die Mammutzeche überwiegend auf die Mitarbeit ausländischer Arbeitskräfte angewiesen. In der Altersgruppe zwischen 26 und 30 Jahren beträgt der Anteil der Ausländer an der Belegschaft unter Tage sogar 70 Prozent. Und jüngere deutsche Fachkräfte wollen bei der Ruhrkohle nicht mehr arbeiten. »Das Unternehmen«, sagte ein Branchenkenner voraus, »stirbt schon an der Überalterung der Belegschaft«

Allein bei den außertariflichen Angestellten in den Untertage-Betrieben beträgt das Durchschnittsalter 46 Jahre. Insgesamt sind 50 Prozent aller Angestellten der Ruhrkohle AG über 40 Jahre, nur knapp fünf Prozent bewegen sich noch im Twen-Alter.

Dennoch möchte auch der am ersten Dezember antretende Nachfolger Kuhnkes, der Chef des Essener Elektrizitäts-Unternehmens Steag Karlheinz Bund, die Ruhrkohle AG wieder vergrößern: »Vier bis fünf Millionen Tonnen jährlich mehr« als die von Friderichs gesetzte Förderungsgrenze hält der Hobby-Jäger für durchaus gerechtfertigt. Auch die stattlichen Unterstützungsgelder für die heimischen Bodenschätze an der Ruhr, so glaubt Bund, seien bislang noch nicht ausreichend: »Die Ruhrkohle AG ist eine Sache wie die Kriegsopferfürsorge -- sie muß von der Gemeinschaft übernommen werden.«

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