KREDITE Teure Träume
Geschmackvolles Ambiente gehört nicht zu den Stärken der Nürnberger Norisbank. Hinterm Tresen des Portiers liegt ein abgenutzter Orientteppich. An den Wänden hängt der Mäzenatenwahn vergangener Tage: Ob Pfau in Öl, Frauenkörper in Blau oder staunender Dinosaurier - hier stellt niemand lästige Stilfragen.
»Einige Bilder sind schon ein paar Tausender wert«, rechtfertigt Vorstandschef Theophil Graband das dekorative Chaos, bevor er die Kurve kriegt zu seinem eigentlichen Geschäft: »Ratenkredite sind eine Kunst.« Und die beherrscht er wie kaum ein anderer.
Graband gilt als kreativer Meister des Fachs. Seit 1997 sitzt der ehemalige Chef der BMW Bank in der Kleinkreditfabrik am Steuer. Wie am Fließband verkauft Graband dort kleinen Leuten teures Geld der Marke »Easycredit« und sorgt für exorbitante Gewinne.
Fast 52 Prozent Eigenkapitalrendite verdient der neue Eigentümer nun, die genossenschaftliche DZ-Bank. Nach einem harten Bietergefecht hatte sie das Institut im vergangenen Jahr der HypoVereinsbank für 447 Millionen Euro abgekauft.
Und weil Graband so stolz auf seine Profitrakete ist, fliegt er gern mal verbale Angriffe auf die ertragsschwache Hochfinanz. »Viele Banker tragen die Nase höher als normale Menschen die Stirn«, stichelt der Hobbymaler lächelnd. »Aus deren Sicht betreiben nur Schmuddelkinder das Geschäft mit Konsumentenkrediten.«
Graband dagegen kennt keinerlei Berührungsängste. Seine Bankerkollegen würden »die Menschen oft nach moralischen Maßstäben beurteilen. Aber das sollte höchstens die Kirche tun«. Seine Truppe will »keine Gnade walten lassen, sondern Kredite verkaufen und damit Geld verdienen«. Schließlich seien die Menschen hier zu Lande mündige Konsumenten.
Mister Gnadenlos rechnet dieses Jahr mit einem Neugeschäft von einer Milliarde Euro - sofern die ständig wachsende Konkurrenz es zulässt. Denn immer mehr Institute steigen in den Kampf um die klammen Kunden ein. Zu verlockend entwickelt sich der deutsche Markt für Ratenkredite bis zu 75 000 Euro. Immer mehr Menschen brauchen dringend Geld und akzeptieren beinahe jeden Zinssatz. Entsprechend hoch sind die Margen.
Egal, ob Heimkino, Thailand-Urlaub, Designersofa, Luxuslimousine oder die Umschuldung von tiefroten Girokonten - das Leben auf Pump gehört längst zum Alltag. Und damit wird das lange verpönte Geschäft nun auch für die Großbanken plötzlich interessant.
Dank aggressiver Verkaufsmethoden boomt die Schuldenindustrie. Im Internet, in der Bankfiliale, beim Autohändler oder direkt im Elektromarkt verkaufen sich Kredite inzwischen fast so schnell und einfach wie Waschmittel.
Nach Sicherheiten fragt dort niemand mehr. Stattdessen entscheidet der Computer mittels digitalem Bonitätsraster. Bei Online-Anbietern gibt es die Kreditzusage bereits innerhalb von 30 Sekunden - negative Begleiterscheinungen inklusive.
Denn die Aussicht auf das schnelle Geld und die verlockende Reklame wie die der Norisbank ("Nur Träumen ist günstiger") lässt immer mehr Menschen in die Schuldenfalle stolpern. Die Träume können teuer werden, denn was effektive Jahreszinsen bis zu 15 Prozent bedeuten, machen sich die wenigsten klar.
Drei Millionen bundesdeutsche Haushalte gelten als überschuldet, klagte kürzlich die Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung. Noch nie war die Zahl der Privatinsolvenzen so hoch wie heute. An einer dramatischen Entwicklung Richtung Schuldenrepublik zweifelt kaum noch jemand.
Stotterten die Deutschen Ende 1993 noch 79 Milliarden Euro Konsumentenkredite in Raten ab, sind es heute bereits 118,6 Milliarden (siehe Grafik). In drei Jahren sollen es über 125 Milliarden Euro sein, prophezeien Marktforscher - zur Freude der Kreditmanager.
Neben der Norisbank kann vor allem Citibank-Chefin Christine Licci, die beinahe acht Prozent des Marktes kontrolliert, auf noch mehr Wachstum hoffen. Die Mannschaft der spanischen CC-Bank will ihre Ratenkredite nun gar über fremde Banken vertreiben. Alle drei gelten als Musterschüler des Gewerbes und glänzen trotz steigender Ausfallquoten mit zweistelligen Renditen weit über dem Branchenschnitt. Sie alle produzieren Kleinkredite zu niedrigsten Kosten. Da hinken auch die Sparkassen weit hinterher, obwohl sie als Marktführer ein Drittel des Ratenkreditgeschäfts beherrschen.
Der Erfolg des profitablen Trios lockt Nachahmer an: Ob GE Capital, HypoVereinsbank, Postbank, Commerzbank, Diba oder Sparda-Banken, jeder giert heute nach jenem Fünftel aller Deutschen, das bereits einen Ratenkredit abstottert und deshalb als anfällig gilt. Selbst die Gelben Engel vom ADAC gehen neuerdings für die VW Bank auf Kreditkundenfang.
Noch vor ein paar Jahren hatten zum Beispiel die Commerzbanker diese Klientel nicht einmal im Visier. Mangels Gewinnen fuhren sie Anfang der neunziger Jahre das direkte Ratenkreditgeschäft mit Möbel- und Autohändlern sogar massiv zurück. Heute klingt es anders.
»Diesen Markt wollen wir nicht abgeben«, sagt Martin Zielke, Konzernleiter des Privatkundengeschäfts bei der Commerzbank. Mit dem Slogan »Borgen ohne Sorgen« will er das Geschäftsmodell nun auf eine neue, breitere Basis stellen.
Seit vergangenem Sommer bietet die Commerzbank auch im Internet einen Ratenkredit an - allerdings nur als Vermittler. Der Lieferant heißt Süd-West-Kreditbank, eine Beteiligung der Pfannendynastie Fissler.
Noch lauter drängt die Postbank in den Markt. Nach einer verlorenen Übernahmeschlacht um die Norisbank im vergangenen Sommer kündigte Vorstandschef Wulf von Schimmelmann die Gegenoffensive an. Seither geht seine börsenreife Truppe mit Kampfpreisen auf Kundenjagd - und holt sich nebenbei schon mal personelle Verstärkung bei der Citibank.
Auch der Kaffeeröster Tchibo geriert sich neuerdings als Pumpstation. Seit wenigen Monaten testet der Konzern in seinen Filialen die Vermittlung von MiniDarlehen der Royal Bank of Scotland. Um im Spiel zu bleiben, mussten die Hamburger bereits eine Rabattaktion starten. Wie im Winterschlussverkauf gab es den Kredit ein Prozent billiger.
Aber machen Ratenkredite die Anbieter automatisch reich? Sind die Geschäfte mit der Verschuldung eine Lizenz zum Gelddrucken?
»Am Anfang verdienen alle Geld damit«, sagt Olaf Scheer von der Unternehmensberatung ZEB. Doch ob sich die Sache wirklich lohne, könne man erst nach zwei Jahren beurteilen. »Dann wird die Ausfallquote sichtbar.«
Nur ausgefeilte Computersysteme und schlanke Prozesse bringen auf lange Sicht den Erfolg. Institute wie die Citibank, die Noris- oder die CC-Bank haben laut Scheer »einen Erfahrungsvorsprung von drei bis fünf Jahren«.
Ihre ausgeklügelten Systeme entscheiden über die Kredite immer gleich und immer eindeutig. Es gibt weder Ermessensfragen noch Grenzfälle. Eine Auslese ohne Kompromisse.
Auf Grund unzähliger Kundengeschichten ermitteln die Programmierer ständig das alles entscheidende Raster, das ein gutes von einem schlechten Risiko trennen kann. Beispielsweise mussten die Citibanker Mitte vergangenen Jahres »die Entscheidungssysteme signifikant weiterentwickeln«, weil die Ausfallquote angezogen hatte. Ursachen waren die konjunkturelle Flaute und die vom Gesetzgeber erleichterte Möglichkeit der Privatinsolvenz.
Die hochgezüchteten Systeme kombinieren die Auskunft der Schufa mit den Kundenangaben und errechnen einen Bonitätswert. So gelten etwa ein langjähriges Anstellungsverhältnis und ein Festnetzanschluss als Indiz für Seriosität und sorgen für entsprechende Punkte.
Je besser die Bonität und je kürzer die Laufzeit, umso billiger der Kredit. »Risikoadjustierte Bepreisung«, nennt das Fachmann Scheer.
Hochrisikogruppen müssen hingegen nicht nur mit zweistelligen Zinssätzen leben, sondern bekommen meist noch eine sündhaft teure Restschuldversicherung angedreht. Prämien von 50 Euro pro 1000 Euro Kredit gehören zum Alltag in der Branche - und liefern ein lukratives Zusatzgeschäft.
Doch die Kunden bleiben auch nach der Auszahlung auf dem Radar der Bank. Pausenlos prüft der Computer Girokonten, holt sich bei der Schufa die neuesten Daten und überwacht das Zahlungsverhalten.
Tritt nur die kleinste Verschlechterung ein, schlägt das Frühwarnsystem an - selbst wenn die Kreditraten noch pünktlich zurückfließen.
Dann bohren spezialisierte Callcenter bei den verdächtigen Kunden nach den Ursachen und versuchen frühzeitig, das Geld der Bank zu retten, beispielsweise indem die Raten gestreckt werden. Bringt die Therapie der Kreditärzte nichts, folgt die harte Tour: kompromissloses Inkasso.
Der Schuldnerberater Christian Maltry aus dem Landkreis Main-Spessart weiß, was das bedeutet. Immer öfter landen scheinbar aussichtslose Fälle auf seinem Schreibtisch.
Heinz S. ist einer aus Maltrys Portfolio der Gescheiterten. Nach der Wende kam der gelernte Bäcker in den Westen und arbeitete dort mehrere Jahre in einem Steinbruch. CC-Bank und Sparkasse versorgten ihn mit teuren Krediten. Für den Vater von zwei Kindern lief alles weitgehend normal. Doch dann kam der Totalabsturz: Arbeitslosigkeit, Alkoholprobleme, Führerschein weg, Geldstrafe.
Heute steht er mit 30 000 Euro in der Kreide und versucht, mit einem Job als Hausmeister wieder Tritt zu fassen. Davor hatten ihm Kredithaie aus der Ostschweiz immer wieder Geld ohne Schufa-Auskunft angeboten.
»Die gehören zu den Marktführern«, sagt Maltry. Der effektive Jahreszins liegt bei über 28 Prozent, weil die Kreditvermittler unnütze Unfallversicherungen mitverkaufen und die exorbitante Prämie gleich von der Darlehenssumme abziehen. Obendrauf kommen Makler- und Bearbeitungsgebühr.
Wer dann nicht mehr zahlen kann, kriegt laut Maltry Besuch von »dubiosen Inkassobüros aus Liechtenstein« und wird noch einmal abgezockt - nach allen Regeln der Kunst. BEAT BALZLI