FRANKREICH Teurer Ehrgeiz
Es wurde höchste Zeit, fand Jean-Pierre Chevenement, daß neue Leute in Paris an die Macht kamen: Frankreichs Existenz war gefährdet, weil der »Tod seiner Industrie« drohte.
Nun scheint die Gefahr gebannt. »Wir sind dabei«, erklärt Chevenement, Minister für Industrie und Forschung in der linken französischen Regierung, »eine Dekade industriellen Niedergangs ins Gegenteil zu verkehren.«
Die sozialistisch-kommunistische Regierung will »dynamische Industriekonzerne in einem wohlhabenden Frankreich« aufbauen. Ganze Industriezweige sollen mit Milliardenaufwand hochgerüstet werden, um den Ruhm Frankreichs in der Welt zu mehren.
Eine der Branchen, auf die Chevenement und seine Genossen es abgesehen haben, ist die Elektronikindustrie. Um den japanischen Beutezug in Europa zu stoppen, steckt die Pariser Regierung Milliarden-Summen in heimische Elektro-Unternehmen.
Der Staatsfirma Thomson-Brandt versprach Chevenement über zwei Milliarden Franc, um in Deutschland die Firma Grundig zu kaufen. Gemeinsam mit Grundig soll Thomson den europäischen Markt für Unterhaltungselektronik zurückerobern.
Solch strategische Industrie-Spiele sind in Frankreich seit jeher beliebt, nicht erst die Sozialisten fingen damit an. Sonderlich erfolgreich waren die Bemühungen, industrielle Überlegenheit durch staatliche Planung sicherzustellen, bisher nicht.
Die Elektronikindustrie zeigt die Schwächen einer Industriepolitik a la francaise ganz auffällig. Präsident Charles de Gaulle hatte die weltweite Verbreitung des von Henri de France entwickelten französischen Verfahrens für das Farbfernsehen (Secam) zum nationalen Anliegen gemacht. Er erlebte eine peinliche Panne.
Nur die Sowjet-Union und die meisten Ostblockstaaten sowie einige arabische Länder entschieden sich für Secam. Die westeuropäischen Staaten votierten jedoch durchweg für das Pal-System des Telefunken-Ingenieurs Walter Bruch. Auch Italien lehnte, obwohl massiv von Paris unter Druck gesetzt, das Secam-Fernsehen ab. Als 1975 gar die Ex-Kolonie Algerien für Pal stimmte, glich das einer nationalen Katastrophe für Frankreich.
Auch beim Computerbau lief für Paris nicht alles nach Wunsch. Der staatliche Ehrgeiz war geweckt worden, als Charles de Gaulle 1963 bei der US-Firma Control Data einen Großcomputer für die Entwicklung seiner Wasserstoffbombe bestellte und Washington ein Veto einlegte. Wütend beschloß der General, Computer im eigenen Land herzustellen.
Das in finanzielle Schwierigkeiten geratene Unternehmen Machines Bull wurde zu diesem Zweck mit Staatshilfe hochgepäppelt und mit langfristigen Forschungsaufträgen versorgt. Doch der Alleingang schlug fehl. Der General mußte die amerikanische General Electric als Nothelfer akzeptieren.
Daraufhin verkündete de Gaulle 1966 den ersten Plan Calcul - seine Strategie für den Aufbau einer nationalen Computerindustrie. Mit einer staatlichen Starthilfe von 500 Millionen Franc und der Kapitalbeteiligung großer Konzerne wurde die CII (Compagnie internationale pour l'informatique) gegründet.
Als technische und finanzielle Schwierigkeiten auftauchten, gründeten die Franzosen mit Siemens und Philips die Firma Unidata. Doch schon drei Jahre später lösten sich die Franzosen wieder von ihren europäischen Partnern und verbanden CII mit Bull und dem US-Unternehmen Honeywell. Um den nationalen Schein zu wahren, blieben 53 Prozent des Kapitals der CII-Honeywell Bull (CII-HB) in französischer Hand.
Leitidee der französischen Ambitionen war stets die Vorstellung, dem amerikanischen Riesen IBM zumindest in Europa mit französischer Technologie als Konkurrent entgegenzutreten.
Dann kam die Verstaatlichungswelle nach dem linken Wahlsieg im Mai 1981, von der auch CII-HB und Thomson betroffen waren. Vor allem kamen neue, ehrgeizige Männer, die glaubten, wieder alles anders machen zu müssen - und die mit Geld noch großzügiger umgingen als ihre konservativen Vorgänger.
Eines der Kernstücke der neuen Politik ist die »filiere electronique«, die Modernisierung des gesamten Elektronikbereichs. Der Staat will seinen bisherigen Einsatz beträchtlich erhöhen und allein in diesem Jahr vier Milliarden Franc bereitstellen.
So wird die ganze Branche wieder umgemodelt. Der kapitalkräftige Konzern Saint-Gobain, der seine Zukunft in der Elektronik sah und sich nicht nur bei CII-HB, sondern auch beim italienischen Elektronik-Unternehmen Olivetti engagiert hatte, mußte aussteigen und seine Beteiligung an CII-HB dem Staat überlassen. Thomson trat seine Kleincomputer-Firma Sems an CII-HB ab. Weitere Umgruppierungen sind in den kommenden Monaten zu erwarten.
Am Ende ist möglicherweise die Computerindustrie übersichtlicher - aber kaum aussichtsreicher. CII-HB machte im vergangenen Jahr 1,4 Milliarden Franc Verlust und hat, bei einem Kapital von lediglich 800 Millionen Franc, bereits sieben Milliarden Schulden.
Selbst der linke Pariser »Matin« begann zu zweifeln, ob der Staat - mit insgesamt acht Milliarden Franc in den letzten sechs Jahren - nicht bereits zuviel in die Computerindustrie gesteckt habe: »Soll er weitermachen oder den Laden schließen?«
Daß die Antwort »weitermachen« heißt, daran läßt die Regierung keinen Zweifel. Über den Preis ihres Ehrgeizes hüllt sie sich lieber in Schweigen.
Denn auch Thomson-Brandt hat im vergangenen Jahr einen Verlust von 1,3 Milliarden Franc erwirtschaftet. So könnte der Kaufpreis von über 900 Millionen Mark, den der Konzern für den Erwerb von Grundig zahlen müßte, nur aus der Staatskasse kommen.
Trotz aller Mißerfolge gibt sich Minister Chevenement zuversichtlich. Nach seiner Überzeugung wird es nur dank der Nationalisierungen möglich sein, »in guter Verfassung aus der Krise herauszukommen und am Ende des Jahrzehnts die neuen Technologien zu beherrschen«.
Hinter solchen Erklärungen steckt nicht nur blanker Ehrgeiz. Daraus spricht auch der feste Glaube französischer Technokraten, die Wirtschaft mit Erfolg planen und lenken zu können - notfalls am Markt vorbei.
Was nach dem Krieg und zu Charles de Gaulles Zeiten in der Planification ihren Ausdruck fand, wird jetzt vom Industrieminister persönlich erledigt: Über die verstaatlichten Industriekonzerne will er die Vorstellungen der Regierung durchsetzen.
Das ist nicht von vornherein unmöglich; denn auf der Unternehmerseite S.138 wird die gleiche Sprache gesprochen wie in den Büros des Ministers und seiner Zuarbeiter. Beide Seiten haben sie am gleichen Ort gelernt: in den Grandes Ecoles, den Eliteschulen des Landes.
Minister Chevenement zum Beispiel ist ebenso Absolvent der exklusiven Ecole Nationale d'Administration (Ena) wie Thomson-Chef Alain Gomez und Saint-Gobain-Boß Roger Fauroux. Ein »Enarch« glaubt mehr an die ordnende Hand des Staates als an die selbstregulierenden Kräfte des Marktes.
Solche Denkungsart hat in den letzten Jahren nicht nur Fehlschläge produziert. In der Nuklearindustrie etwa hat die Regierung - ohne Rücksicht auf politische, technische oder gar ökologische Bedenken - einen massiven Ausbau durchgesetzt. Hier liegt Frankreich in der Tat, im zivilen wie im militärischen Bereich, vor allen anderen europäischen Staaten, von der Uranprospektion über die Reaktortechnologie bis zur Wiederaufbereitung benutzter Brennstäbe.
Auch im Flugzeug- und Raketenbau scheint sich für die Regierung der Einsatz gelohnt zu haben. Französische Lokomotiven sind die schnellsten der Welt, der neue Superschnellzug TGV sucht nicht nur in Europa seinesgleichen. Überall in der Welt trifft man auch auf »Pariser« Metros oder auf Fernsprechsysteme »made in France«.
Solche Beispiele können indes nicht die Grenzen verwischen, an die der Staat bei seinem wirtschaftlichen Einsatz immer wieder stößt. Französische Industriepolitik funktioniert vor allem, wenn der Endabnehmer eine öffentliche Institution ist.
Das gilt für Superloks und Telephonsysteme ebenso wie für U-Bahnen und Kernkraftwerke. Bei Produkten jedoch, die Abnehmern angeboten werden, die nicht nur öffentliche Bedürfnisse befriedigen, sondern auch rentabel wirtschaften müssen, bringt das Geschäft oft nur Verluste.
Paradebeispiel ist die Concorde. Das Überschallflugzeug sollte nach dem Willen de Gaulles und seiner Nachfolger zum Botschafter des modernen Frankreich werden. Doch das von der staatlichen Aerospatiale in Zusammenarbeit mit den Briten gebaute, technisch hochgelobte Prestige-Flugzeug kostete den französischen Steuerzahler inzwischen Milliarden.
Lediglich die staatlichen Fluggesellschaften Air France und British Airways bestellten die Concorde auf Geheiß ihrer Regierungen, ansonsten blieb der Überschall-Vogel unverkäuflich. Jahr für Jahr müssen die Regierungen in Paris und London die wenigen Flüge hoch subventionieren.
Ein Reinfall wie mit der Concorde ist jederzeit wieder möglich. Niemand kann heute garantieren, daß nicht in naher Zukunft französische Großcomputer dutzendweise irgendwo unverkauft und ungenutzt herumstehen. Niemand weiß mit Sicherheit, ob ein Elektronikkonzern Thomson-Brandt-Grundig allein dank seiner Größe mit den Japanern wirklich mithalten kann.
Wie leichtfertig die ehrgeizigen Ziele mitunter angegangen werden, zeigt das jüngste Beispiel aus der Elektronikbranche. Im Herbst 1981 hob Staatspräsident Francois Mitterrand das »Centre mondial pour le developpement des usages sociaux de la microinformatique« aus der Taufe, ein Institut, das praktisch den Kleincomputer für den Hausgebrauch entwickeln und seine Anwendung erforschen soll. S.139
Um den europäischen Rückstand zu Amerika aufzuholen, wurden 30 bestens ausgewiesene Wissenschaftler engagiert, unter ihnen zwei Professoren vom weltbekannten Massachusetts Institute of Technology in Cambridge bei Boston/ USA. Großzügiges Jahresbudget: 60 Millionen Franc.
Schon nach einem Jahr jedoch wurde mehr über interne Streitereien als über Forschungsergebnisse diskutiert. Im vergangenen November packte Professor Seymour Papert vom MIT seine Koffer, die ständigen Querelen waren ihm zuviel geworden. Außerdem war er zu der Überzeugung gekommen, daß der Leiter des Instituts, der ehemalige Politiker und Publizist Jean-Jacques Servan-Schreiber, dieses dazu benutzte, »sich selbst in eine einflußreichere politische Position zu bringen«.
Da inzwischen noch vier weitere internationale Wissenschaftler abgewandert sind, ist das »Weltzentrum« auf französische Dimensionen zusammengeschrumpft. Computer-Experte Seymour Papert wird ihm zu allem Unglück schon bald Konkurrenz machen - von Amerika aus.