LÖHNE Teurer Friede
Die beiden mächtigsten Gewerkschaftschefs der Bundesrepublik fanden sieh letzte Woche in einer ungewohnten Rolle: Sie warnten vor allzu hohen Lohnerwartungen.
Eugen Loderer, Vorsitzender der IG Metall (2,6 Millionen Mitglieder), hielt seinen Mäßigungs-Monolog am vergangenen Mittwoch. Jene sieben Prozent Lohnzuwachs, die sich die Hafenarbeiter in einem Streik (siehe Seite 99) erkämpft hatten, dürften nicht als ein »Signal« für die anlaufende Lohnrunde mißverstanden werden. In der Metallindustrie, warnte er seinen 30 Mann starken Vorstand bei Bockwurst und Gulaschsuppe, sei diese Rate nicht so einfach durchsetzbar.
Am selben Tag, abends neun Uhr, zog Heinz Kluncker, Vorsitzender der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV, 1,1 Millionen Mitglieder), nach. »Der Hafenarbeiterstreik«, meinte der Gewerkschafter vor Bonner Journalisten, »ist kein Modellfall für andere Tarifbereiche« -- auch nicht »unter dem Aspekt der materiellen Höhe«.
Die Kollegen an der Basis sehen das offenbar anders. Trotz Millionen-Arbeitslosigkeit und Konjunkturflaute. trotz des für den Außenhandel gefährlichen Dollarkurs-Verfalls und Löhnen der Weltspitzenklasse sind Ansprüche und Erwartungen der Gewerkschaftsmitglieder ungebrochen.
Verblüfft registrierten die Gewerkschaftszentralen, wie rasch die Nachricht vom geglückten Lohncoup in den Häfen für Stimmung sorgte. »Das hat Feuer gegeben«, berichtet etwa Erwin Greiner, Betriebsratsvorsitzender des Ludwigsburger Filterwerks Mann & Hummel.
Auch Karl Feuerstein, Sprecher der IG-Metall-Vertrauensleute der Daimler-Benz AG in Mannheim. weiß, daß der erfolgreiche Lohnkampf der Kollegen von der Waterkant »Eindruck hinterlassen« hat.
Kollege Karl Josef Meier von der Stuttgarter Bosch GmbH hat ähnliche Erfahrungen: »Die sieben Prozent von der Küste stehen im Raum.«
Da steht noch manches andere: Die mit Funktionären von der Basis durchsetzte Große Tarifkommission der IG Druck lehnte Anfang vergangener Woche einen vom Gewerkschaftsvorstand ausgehandelten Manteltarifvertrag ab, der die sozialen Folgen der neuen Drucktechniken abfangen soll. Die nach zähen Konferenzen den Unternehmern abgehandelten Zugeständnisse reichten nicht aus, meinten die Funktionäre.
Und in der Metallindustrie Baden-Württembergs und Nordrhein-Westfalens warnstreikten sich Tausende von Metallarbeitern für den angelaufenen Lohnkampf warm.
Auch Loderers Vorstandsrunde registrierte die -- eher durch Ungeschick (wie im Hafenarbeiterstreik) oder einmalige Struktur- und Arbeitsveränderungen (wie in der Druckindustrie) -- aufgeheizte Atmosphäre. »Ein Abschluß, der zu niedrig liegt«, meinte der IG-Metall-Tarifexperte Hans Janßen nach der Vorstandssitzung, »könnte soziale Auseinandersetzungen programmieren.« Denn: »Auch der soziale Frieden hat seinen Preis.«
Der Preis wird diesmal hoch sein. Denn spätestens seit letzter Woche müssen die Gewerkschaften fürchten, ihre eigene Basis könnte sie, wie in Hamburg geschehen, öffentlich desavouieren. Führungsverdrossene Mitglieder aber, die sich durch spontane Streiks oder gar in Urabstimmungen gegen die Gewerkschaftszentralen durchsetzen, treiben die gewählten Spitzenfunktionäre zuverlässig zu Höchstleistungen.
Noch vor wenigen Wochen hatten manche Experten mit einer vergleichsweise vorsichtigen Verhandlungsführung zumindest der großen Gewerkschaften gerechnet. Denn eine allzu offensiv angelegte Lohnrunde zwingt den Arbeitnehmer-Vertretern einen Drei-Fronten-Kampf auf. Per Streik ertrotzte Einkommenszuwächse von mehr als fünf, oder gar sechs Prozent führen fast zwangsläufig zum Konflikt
* mit der sozialliberalen Regierung in Bonn, die in ihrem Ende Januar verabschiedeten Jahreswirtschaftsbericht eine »deutliche Abschwächung des Lohnkostenanstiegs« als Voraussetzung für den Abbau der Arbeitslosigkeit »unterstellt« hatte; > mit dem gebündelten Ökonomen-Sachverstand aus sämtlichen unabhängigen Wirtschaftsforschungsinstituten und dem Sachverständigenrat: Alle Experten halten eine hohe Lohnsteigerungsrate für eine gefährliche Wachstumsbremse; > mit einer diesmal zu äußerster Verhandlungshärte entschlossenen Unternehmerschaft, die sich sorgfältig vorbereitet hat.
Seit seinem Amtsantritt im Januar 1977 müht sich Gesamtmetall-Chef Wolfram Thiele um eine stabile Einheitsfront. Auf Dutzenden von Versammlungen warb er um Härte: Auch die mit Gewinn und Aufträgen bestens gepolsterten Firmen dürften im Streikfall nicht ausbrechen, nur Unternehmersolidarität helfe der Wirtschaft weiter.
Die Spanne zwischen Boombranchen und Flautenbereichen, zwischen gewinnstarken Wachstumsbetrieben und fußkranken Nachzüglern ist 1978 in der Tat größer als in den anderen Aufschwungsphasen der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Nach dem Einbruch von 1974 zogen die Autokonzerne und ihre Zulieferer sowie Teile der Elektroindustrie mühelos davon. Die Stahlindustrie, Gießereien, weite Teile des Maschinenbaus und die Werften bleiben dagegen abgeschlagen. Insbesondere die Schiffbauer sind fast hoffnungslos aufgelaufen (siehe Seite 68).
Um die Kollegen geschlossen in den Lohnkampf zu führen, lud Thiele die Größen des Gewerbes, darunter Daimler-Chef Joachim Zahn und Bosch-Chef Hans Merkle, zweimal, zuletzt am 21. Januar, in den Blauen Saal des Kölner Arbeitgeber-Hauptquartiers. Von »kostenstabilisierender Lohnpolitik« war da die Rede: Allenfalls drei bis dreieinhalb Prozent Lohnzuwachs dürften den Gewerkschaften geboten werden.
Eine »starke Minderheit«, beobachtete ein Arbeitgeberfunktionär, fand selbst diese Offerte übertrieben. Weil die IG Metall bis zu acht Prozent fordere, dürfe die Arbeitgeberschaft gar nichts anbieten. Nur dann bestehe eine Chance. am Ende bei einem Kompromiß von etwa vier Prozent zu landen.
Um die Moral der Schwachen zu stärken, besserten die Unternehmer ihre Streikkasse auf. Bestreikte Firmen erhalten künftig 90 (bislang 80) Prozent der Lohn- und Gehaltssumme. bar und vom ersten Tag des Ausstands an.
In der vergangenen Woche richteten sieh die Metallindustriellen darauf ein, den ersten Showdown nach Möglichkeit in Nordrhein-Westfalen zu veranstalten. Dort nämlich, so ihr Kalkül, schlagen die schlechten Geschäfte der Stahlindustrie auch auf die Metall-Tarifrunde durch.
Auch die Größe dieses Tarifbezirks könnte der IG Metall den Schneid abkaufen: Jede Woche Arbeitskampf an Rhein und Ruhr kostet die Gewerkschaft rund 500 Millionen Mark Streikgeld für ihre Mitglieder.
Die IG Metall dagegen will ihren streikerprobten Bezirk Nordbaden-Nordwürttemberg als Vorhut einsetzen:
Gewinnstarke Unternehmen wie Daimler und Bosch werden mit Lohnerhöhungen leicht, mit streikbedingten Produktionsausfällen aber nur schwer fertig. Und anders als in Nordrhein-Westfalen, wo 7,3 Prozent der Metall-Arbeitnehmer arbeitslos sind, registrieren die schwäbischen Ämter ganze 2,8 Prozent -- weit weniger als der Bundesdurchschnitt.
Weder Arbeitgeber noch Gewerkschaften sind freilich gegen das Vorbild der Hafenarbeiter von Hamburg und Bremen gefeit. Bricht erst einmal ein Arbeitskampf aus, so können auch die Zentralen weder die Gangart fernsteuern noch das Ergebnis kontrollieren. »Zwingt man uns zum Kampf«, meint IG-Metall-Vorstand Janßen, »dann muß das Ergebnis den Einsatz lohnen.«
An Einsatz wird es kaum fehlen. Funktionäre der IG Metall berichteten letzte Woche. auffallend viele Kollegen hätten ausstehende Mitgliedsbeiträge nachgezahlt oder gar aufgestockt. Genau nach diesen Sätzen richtet sieh das Streikgeld, das die Gewerkschaft den Kollegen auszahlt.