Affären Teurer Schlendrian
Werner Schreiber polterte los, wie es die IG-Metall-Funktionäre von dem sonst eher sanften Riesen selten zuvor gehört hatten.
»Ihr habt den SPIEGEL gelesen«, sagte Schreiber den Delegierten des Gewerkschaftstages der IG Metall, »dies ist der infame und hinterhältige Versuch, mich in meiner Funktion als Hauptkassierer zu verleumden.« Er lasse sich, so Schreiber am 30. Oktober vergangenen Jahres, »nicht auf so schändliche Weise unter die Gürtellinie schlagen«.
Mit dieser Sicht stand Schreiber ziemlich einsam da. Die Staatsanwaltschaft sah einen begründeten Anfangsverdacht und leitete ein Ermittlungsverfahren ein. IG-Metall-Chef Klaus Zwickel setzte sofort eine Untersuchungskommission ein.
Die Kommission, geleitet vom Präsidenten des hessischen Verfassungsgerichts Horst Henrichs, sollte prüfen, ob bei Immobiliengeschäften der IG Metall tatsächlich, wie der SPIEGEL (44/1995) berichtet hatte, insgesamt mehr als 100 Millionen Mark verschwendet wurden - und warum die Gewerkschaft mehrere Millionen Mark Maklercourtage an einen Studenten bezahlt hatte.
In dieser Woche schließen die Kontrolleure ihre Arbeit ab. Das Ergebnis fällt, soviel steht fest, nicht nur vernichtend für Kassierer Schreiber aus, auch der ehemalige Chef der Gewerkschaft Franz Steinkühler wird belastet.
Die Immobiliengeschäfte fanden in der Ära Steinkühler statt, in der bei der IG Metall nichts ohne den großen Vorsitzenden lief. Deshalb trägt nach Überzeugung der Prüfer auch Steinkühler Verantwortung dafür, daß die Immobiliengeschäfte höchst unprofessionell geführt und unzureichend kontrolliert wurden. Gesamtschaden für die größte Einzelgewerkschaft der Welt, so das Fazit der Kommission: rund 130 Millionen Mark.
Die Prüfer befragten mehr als zwei Dutzend Zeugen aus der IG Metall und dem Immobiliengewerbe. Sie sichteten zahllose Verträge und Dokumente. Und sie fanden Belege dafür, daß die IG Metall Immobilien weit überteuert gekauft hat, bis zum Doppelten der üblichen Maklerprovision zahlte und für zweistellige Millionenbeträge Büroräume anmietete, die sie nie bezog.
Schonungslos zählten die Prüfer die merkwürdigen Geschäfte auf:
* Die Gewerkschaft kaufte die beiden Bürotürme Lyoner Straße 32 in Frankfurt-Niederrad für insgesamt 210 Millionen Mark. Nach Einschätzung von Immobilienexperten waren die Häuser 90 Millionen weniger wert.
* Die IG Metall zahlte für diesen Kauf vier Prozent Maklercourtage. Branchenüblich ist nicht einmal die Hälfte. Beim Kauf eines weiteren Gebäudes, der Lyoner Straße 19, zahlte die Gewerkschaft fünf Prozent Maklergebühr. Der Eigentümer hatte ihr das Gebäude zuvor direkt angeboten. Warum die Gewerkschaft dennoch Maklergebühr zahlte, blieb unklar. Gesamtschaden durch überhöhte Maklergebühren: knapp zehn Millionen Mark.
* Die Gewerkschaft unterschrieb einen langfristigen Mietvertrag für 17 Etagen im Bürocenter Nibelungenplatz und leistete eine Mietvorauszahlung von 24,3 Millionen Mark. Sie bezog die Räume nie. Die Vorauszahlung war, bis auf eine Rückerstattung von 3,5 Millionen, verloren. Schaden einschließlich Zinsverlust: rund 30 Millionen Mark.
Klaus Zwickel und sein Vize Walter Riester hatten die Prüfer immer wieder ermuntert, keine Rücksichten zu nehmen. Die Wahrheit sollte auf den Tisch, auch wenn sie noch so unangenehm für die IG Metall ist. Keiner sollte den beiden Gewerkschaftsführern den Vorwurf machen, sie hätten versucht, einen Skandal zu vertuschen.
Die Prüfer gingen auch dem Verdacht nach, daß Gewerkschafter bei den Millionengeschäften in die eigenen Taschen wirtschafteten. Auffällig war, daß die renommierte Maklerfirma Jones Lang Wootton beim Kauf der Türme Lyoner Straße 32 die Hälfte der Provision (4,2 Millionen Mark) an Marc Scharmann weiterreichen mußte, der an keinem Vermittlungsgespräch teilgenommen hatte. Doch die IG-Metall-Kontrolleure fanden ebenso wie die Staatsanwälte keinen Hinweis dafür, daß Scharmann, der auch bei anderen Geschäften der IG Metall mitkassierte, als Strohmann fungierte und das Geld an einen Gewerkschafter weiterreichte. Die Ermittlungsarbeit der Staatsanwälte dauert noch an.
Der interne Untersuchungsbericht wird die Gewerkschaftsführer hart treffen. Sie müssen um das ohnehin angeschlagene Renommee der IG Metall bangen. Wie soll die Gewerkschaft den Konzernchefs in der Industrie künftig Mißmanagement vorwerfen, wenn sie selbst über hundert Millionen Mark verschwendet? Wie soll sie ihren Mitgliedern erklären, daß deren Beiträge höchst fahrlässig verschleudert wurden?
Der Skandal ist auch deshalb peinlich, weil der IG Metall bereits seit 1987 klar sein muß, daß sie die Verwalter ihres Milliardenvermögens höchst unzureichend kontrolliert.
Der damalige Kassierer Norbert Fischer hatte sich beim Umbau einer Bildungstätte ein nettes Nebeneinkommen gesichert. Er ließ sich zusammen mit dem Bauleiter eine Provision von einer Million Mark auf ein Privatkonto überweisen. Als das Geschäft aufzufliegen drohte, nahm sich Fischer das Leben.
Die IG Metall aber machte weiter wie zuvor. Sie verbesserte das Controlling nicht, sie holte sich nur einen neuen Kassierer. Steinkühler sorgte dafür, daß die Verwaltung des Gewerkschaftsvermögens von schätzungsweise zwei bis drei Milliarden Mark einem Mann übertragen wurde, der bis dahin eher mit kleineren Beträgen umgegangen war: dem Leiter der Verwaltungsstelle Gelsenkirchen, Werner Schreiber.
Der IG-Metall-Vorsitzende erkannte seinen Fehler schnell, doch er korrigierte ihn nicht. So nahm das Unglück ein zweites Mal seinen Lauf.
Steinkühlers Nachfolger Zwickel will jetzt durchgreifen. Die gesamte Immobilien- und Vermögensverwaltung soll neu organisiert und besser kontrolliert werden. Der Gewerkschaftschef will Profis von Banken, Versicherungen oder Immobilienverwaltungen engagieren.
Wie er allerdings hochkarätige Manager für den Job bei der Gewerkschaft begeistern will, ist noch unklar. Fest steht, daß ein Metaller seinen Platz in der Gewerkschaftszentrale räumt: Kassierer Werner Schreiber muß zurücktreten.