»The party is over« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 31 / 72

ENGLAND »The party is over«

Nachdem sich die Briten In ihrer Volksabstimmung letzten Donnerstag für Europa entschieden haben, wird es ernst: Inflationsraten und Arbeitslosigkeit, zerrüttete Beziehungen zwischen Gewerkschaftern und Unternehmern sowie ein Schwächeanfall des Pfundes ließen die Englische Krankheit zur Lebensgefahr für die Nation werden. Der Reichtum aus der Kolonialvergangenheit ist aufgezehrt, die Aussichten für die Zukunft scheinen düsterer denn je.
• aus DER SPIEGEL 24/1975
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor den Luxusgeschäften Cartier in der Old Bond Street oder Dunhill in der Jermyn Street, wo kein Feuerzeug unter 200 Mark, kein Kugelschreiber unter 80 Mark zu haben ist, fahren sie vor, wie es sich geziemt: im Rolls oder Bentley, zur Not auch im Jaguar oder Mercedes. Chauffiert von distinguierten Herren, deren Uniform maßgeschneidert und deren Umgangsformen superb sind, gehen die Reichen Britanniens, einheimische und zugereiste, ihren Neigungen nach.

Bei Asprey's, wo allerlei Antikes für allerlei Geld angeboten wird, schauen manche kurz herein, andere bei den Londoner Ablegern der Pariser Modehäuser Dior und Samt Laurent.

Ungerührt von jeder Krisenfurcht und ungeniert ob ihrer Privilegien, zelebrieren Englands Reiche ihre Lebensart: fein, teuer, exklusiv.

Derweil feilen andere an einem Nachruf für jene Nation, die einst Weltmeere und Kontinente beherrschte, die mit ihrer industriellen Revolution für eine Zeitenwende sorgte und deren Vitalität kaum zu brechen schien. »Auf Wiedersehen Britannien«,

* Streit zwischen Anhängerinnen und Gegnerinnen des Streiks bei Chrysler; auf dem Plakat: »Laßt die Männer wieder zur Arbeit gehen«.

schrieb Amerikas angesehenes »Wall Street Journal«, »es war nett, dich gekannt zu haben.« Und der US-Fernseh-Kommentator Eric Sevareid klärte die Amerikaner über die Zukunftschancen der angelsächsischen Inselbrüder auf: Das Land »schlafwandelt in eine soziale Revolution«, und »driftet langsam in einen Zustand der Unregierbarkeit«.

»The party is over«, fand auch der Unterhausabgeordnete David Howell. Selbst der »Times« ging die Schieflage der Nation zu weit: »Dies ist die Krise unserer Gesellschaft, die den Willen verloren hat, durch allgemein akzeptierte und gerechte Regeln zum gegenseitigen Vorteil miteinander zu leben.«

Und während Premierminister Harold Wilson noch die Analyse der Amerikaner als das Gegacker »nasser Hennen« abtat, während sich einige tausend Engländer von Geld und Adel die Zeit auf ihre Art vertrieben, bröckelte und brach es an allen Seiten der Insel-Wirtschaft:

* Der Kurs des Pfundes sackte, fast im freien Fall, auf 5,38 Mark. Gegenüber den wichtigsten Währungen des Westens verlor die frühere Leitwährung in den letzten drei Jahren gut 25 Prozent ihres Wertes,

* die Inflation trabte immer schneller und erreichte im ersten Quartal 1975 mit einer aufs Jahr umgerechneten Rate von über 25 Prozent die Schwelle zur Hyperinflation. Selbst die chronisch schwindsüchtige italienische Lira mit einer Geldentwertung von 11,6 Prozent war weit beständiger. Das Handelsbilanzdefizit wuchs allein im April um etwa 1,6 Milliarden Mark. weil Englands Absatz auf dem Weltmarkt nicht mit seinen Importen, besonders den Öleinfuhren, Schritt halten konnte;

* die Arbeitslosigkeit blieb mit 850 000 Stemplern zwar mit 3,7 Prozent unter der westdeutschen Vergleichszahl (4,7 Prozent). Doch anders als in der Bundesrepublik verlieren in England Monat um Monat mehr Arbeitnehmer ihren Job. Die Zahl der offenen Stellen. verläßlicher Indikator für die künftige Konjunkturentwicklung, verringert sich ständig, allein im April um rund 18 000 Jobs. Im nächsten Jahr, schätzen Banker, Wirtschaftsforscher und Industrielle, könnten 1,5 Millionen Briten arbeitslos sein:

* die Produktion sackte in vielen Branchen so drastisch ab, daß häufig die Zeiten der Drei-Tage-Woche zur Jahreswende 1973/74, als Energiemangel die Engländer zu wirtschaftlichem Go-slow zwang, nur noch unwesentlich übertroffen werden.

Selbst diese Aussichten konnten die Briten, Unternehmer wie Gewerkschafter, nicht erschüttern. Weder »die da oben noch die da unten«, so schien es Ralf Dahrendorf, dem ehemaligen EG-Kommissar, der heute die London School of Economics leitet, konnten sich bisher vorstellen, daß mit »ein wenig Vernunft beide Gruppen gewinnen können«.

Ohne Rücksicht auf Verluste für Firmen und Vaterland meldeten sie ihre Forderungen an: selten unter 30 Prozent Lohnzuwachs, häufig mehr. Preiserhöhungen um 25 Prozent wurden zur Routinesache.

Sollten Kollegen der Rentabilität zuliebe gefeuert werden, mauerten die Gewerkschaften um so energischer. Als etwa Sir Monty Finniston, Chef des Staatsunternehmens British Steel Corporation, 22 000 der etwa 220 000 BSC-Arbeitnehmer entlassen wollte, wurde er von den Gewerkschaften und ihren Vertrauten in der Labour Party zurückgepfiffen -- obgleich kaum ein Zweifel daran besteht, daß die Lohnliste der Staatsfirmen viel zu lang ist: Produziert etwa ein Stahlwerker der japanischen Nippon Steel 424 Tonnen Stahl im Jahr, sein deutscher Kollege bei Thyssen immerhin noch 112 Tonnen, so bringt es der BSC-Beschäftigte auf ganze 88 Tonnen.

»Verstört wie Bauern, die den Landsitz des Herrn angesteckt haben.«

Vorsorglich machte das nur zu 60 Prozent ausgelastete Staatsunternehmen die Londoner Regierung darauf aufmerksam, daß am Jahresende rund zwei Milliarden Mark in der Firmenkasse fehlen würden. Die Preiserhöhung vom Januar (plus 20 Prozent) reiche keineswegs aus, ein Aufschlag von abermals 15 Prozent sei vielmehr unvermeidlich. Doch weder die Verluste des Stahltrusts noch die Ankündigung der Staatsmanager, sie würden bei höheren Tarifabschlüssen zu neueren Preisschüben gezwungen sein, ließen die Stahl-Gewerkschaft zaudern: Bündig verlangten sie 30 Prozent mehr.

In Newmarket prügelten die Stalljungen Jockeys von den Pferden, weil die Reiter ihre Lohnforderungen nicht unterstützen. Die Notenpresse der Bank von England stoppte -- die Drucker wollten mehr Geld. Fernsehsender schalteten ab, Maschinen der British Airways starteten nicht, und eine der drei Eisenbahner-Gewerkschaften drohte mit einem nationalen Ausstand, weil die zugesagte Lohnerhöhung um 27,5 Prozent nicht akzeptabel schien. Die beiden anderen Gewerkschaften nahmen »mit Rücksicht auf die Situation der Nation« an.

Annähernd drei Jahre stand der modernste Getreideheber-Hafen in Liverpool -- für 60 Millionen Pfund gebaut -- still, weil sich Management und Gewerkschaften nicht darüber einigen konnten, ob 64 oder 300 Arbeiter engagiert werden sollten.

»Die Gewerkschaften haben gesiegt«, schrieb der linke »New Statesman«, »nur: Jetzt sind sie benommen und verstört wie mittelalterliche Bauern, die den Landsitz des Herrn angesteckt haben. Was jetzt? Die haben keine Ahnung, weil sie nicht vorausgedacht haben.

»Wenn wir nicht in Zukunft die Beziehungen zwischen Industrie und Management entscheidend verbessern fürchtet Barrie Heath. Chef des Maschinenbau-Konzerns Guest Keen and Nettlefolds (GKN), »nähern wir uns dem Zustand der Anarchie.«

Anders als Westdeutschlands Einheitsgewerkschaften haben die -- nicht selten heftig miteinander konkurrierenden -- Arbeiterorganisationen stets zwei Ziele angepeilt, die einander häufig ausschließen: Sie sperren sich gegen neue, kostengünstigere Technologien und verhindern so den fälligen Produktivitätsfortschritt, erstreiken andererseits aber erbittert höhere Löhne.

Nicht selten auch erwiesen sich die Industriellen als kongeniale Partner. Hartnäckig verweigerten sie ihren Arbeitern jede Form der Mitbestimmung. Viele Firmen, auch Staatsbetriebe, muten ihren Beschäftigten Arbeitsbedingungen zu, die westdeutsche Kollegen kaum akzeptieren würden. Für ihre Top-Jobs qualifizierten sich manche nur durch Abstammung, Oxford- oder Cambridge-Examen, gelegentlich durch ihren Club.

Klagten etwa die Venezolaner, eines ihrer Kriegsschiffe liege schon seit sieben Jahren zur Überholung in England, mehrere Besatzungsmitglieder hätten sich schon mit Engländerinnen verheiratet, konterten die Werft-Manager kühl: Das Schiff liege erst seit vier Jahren im Dock.

Viele Unternehmen können mit ihren überalterten Maschinenparks gegen ihre kontinentale Konkurrenz nicht mehr bestehen, etliche würden ohne Staatshilfe kaum überleben. So kostet die Sanierung des maroden Autoriesen British Leyland, der in 59 Werken 170 000 Arbeiter beschäftigt und mit überholten Produktionsverfahren eine Vielzahl von zumeist angejahrten Modellen herstellt, den Staat die stattliche Summe von voraussichtlich über zehn Milliarden Mark. Die englische Luftfahrtindustrie wie ein Großteil der englischen Werften wären ohne Steuergelder längst bankrott.

Eine Schrumpfkur nach VW-Rezept wäre in England undenkbar.

So übermächtig ist die ausländische Konkurrenz geworden, daß einzelne Branchen, etwa die Autoindustrie, auch auf dem Inlandsmarkt einbrachen: Fast 40 Prozent der im April zugelassenen Autos stammten von jenseits des Kanals. Alle- Firmen, mit Ausnahme von Rolls-Royce, arbeiteten tief in den roten Zahlen.

Eine Schrumpfkur nach dem Rezept. das VW-Chef Toni Schmücker dem Wolfsburger Volkswagen-Konzern (Verlust 1974: rund 800 Millionen Mark) verordnete und das -- obgleich 25 000 Arbeitsplätze ersatzlos gestrichen wurden -- schließlich sogar die IG Metall akzeptierte, wäre auf der Insel undenkbar. Selbst auf die Gefahr. daß ihr Betrieb endgültig dichtmacht, bestreikten die Arbeiter der Autofabrik Chrysler United Kingdom ihr Unternehmen (SPIEGEL 21/75). Weder die Riesenverluste des Unternehmens noch das späte Angebot des Managements auf Mitbestimmung und Gewinnbeteiligung konnten die Streikführer beirren.

Erst am letzten Mittwoch -- der Streik hatte drei Wochen gedauert, das Unternehmen zehn Millionen Pfund verloren -- einigten sich die zerstrittenen Tarifpartner auf einen vorläufigen Lohnzuwachs von acht Pfund (plus 13 Prozent) in der Woche. Schon in den nächsten Wochen wollen die Shop Stewards neue Verhandlungen erzwingen.

Zersplittert in rund 450 Einzelgewerkschaften, machen Englands Arbeiterführer sich selbst, den Regierenden und den Managern das Überlegen schwer. Der Dachverband, Trades Union Congress (TUC), thront, weitgehend ohnmächtig und einflußlos, über einer Vielzahl überwiegend kleiner Organisationen.

Unter den Gewerkschaften agieren und agitieren willkürlich und selbstherrlich die sogenannten Shop Stewards. Diese Arbeitnehmer-Anführer in den Betrieben können auch ohne Urabstimmung und Einvernehmen mit den Gewerkschaftszentralen Streiks anzetteln und beilegen. Monatelang blockierten zwei rivalisierende Gewerkschaften die Einführung einer neuen Produktionsmethode in der Stahlindustrie, weil jede für ihre eigenen Mitglieder das Recht beanspruchte, die neuen. gut bezahlten Jobs mit Stahlwerkern aus dem eigenen Verband zu besetzen.

In der City versammelt sich die Kaufmanns-Elite der Nation.

Verbittert wehrten sich die Hafenarbeiter gegen die Anlage moderner Container-Terminals, weil sie ihre Arbeitsplätze gefährdet sahen und. schlimmer noch, weil dann Arbeiter einer anderen Gewerkschaft zum Zuge gekommen wären. So hart kämpften die Docker, daß die Terminals des Kontinents, etwa Le Havre und Rotterdam, schließlich die Container aus Übersee übernahmen. Die Kisten wurden auf passende Lkws verladen und schipperten per Autofähre nach England.

Wenig schert es Shop Stewards und Gewerkschaften, ob ihr Betrieb als Profit-orientierte Privatfirma oder als Staatsunternehmen geführt wird. Die Kumpel in den Zechen des National Coal Board streiken ebenso erbittert wie die Chrysler-Beschäftigten, die BSC-Stahlwerker ebenso unnachgiebig wie die Facharbeiter einer privaten Blechfabrik.

Und haben sie sieh einmal nut dem Management auf neue Lohntarife geeinigt, so bedeutet das noch längst nicht Arbeitsfrieden. Sind bei British Leyland die Karosseriearbeiter mit ihren Einkommen vorübergehend zufrieden, so können, wie unlängst geschehen. durchaus die Auto-Elektriker eines Zweigwerkes die Produktion lahmlegen. Und selbst wenn in allen Zweigwerken brav gearbeitet wird, heißt das noch nicht allzuviel: Dann nämlich werden im Zweifelsfall Arbeitskonflikte in einer Zulieferer- oder Abnehmerfirma ausgebrochen sein.

Der Stahl- und Maschinenkonzern Guest Keen and Nettlefolds (6,4 Milliarden Mark Umsatz, 85 000 Beschäftigte) etwa verhandelt mit 26 Einzelgewerkschaften. Allein die Staus bei Kunden und Zulieferern sorgen dafür, daß -- bei gleichen Maschinen und Fertigungsverfahren, gleichem Ausbildungsstand und Einsatz der Arbeiter -- das englische GKN-Werk für Auto-Kardanwellen nur 80 Prozent des Ausstoßes der deutschen Tochter Uni-Cardan AG zustande bringt -- selbst wenn im britischen GKN-Kardan-Werk nicht ein Tag gestreikt wird.

Verschont von derlei Unpäßlichkeiten, von Produktions- und Profitverfall, blieb -- abgesehen von einigen wohlgeführten und prosperierenden Unternehmen -- allein die Londoner City, wo sich immer noch das große Geld dieser Welt sammelt. Fast störungsfrei funktioniert das Zusammenspiel von Banken und Versicherungen, Maklern und Börsenhändlern.

Wie in kaum einer anderen Stadt dieser Welt. weder in Frankfurt noch in Paris, weder in Mailand noch in Brüssel, floriert das Geschäft mit Krediten. Kursen, Policen und Devisen. »Wenn man in Frankfurt eine Milliarde Dollar unterbringen will«, meinte der Finanzmanager eines arabischen Ölmilliardärs, »braucht man dazu 14 Tage. In der City geht"s an einem Tag.« Und auch der deutschstämmige Direktor einer feinen Londoner Privatbank rühmt: »Hier kann man einen financial deal jeder Art und Größe in ein paar Stunden zusammenkloppen.«

In der Tat -- Londons City hat noch immer Empire-Niveau. Ihre Warenbörsen, insbesondere die Metallmärkte, bestimmen weltweit über Preise und Mengen. Allein die City konnte den Verfall des Pfund Sterling bis vor wenigen Wochen unter Kontrolle halten. Denn aus einem Gemisch von »emotionaler Bindung und der Verlockung der finanziellen Flexibilität« (so ein Privatbanker) der englischen Finanzmanager legten die Ölländer einen Großteil ihrer Devisenvorräte in der City an.

Bei den exklusiven und traditionsbewußten Geldhändlern, die sich nur ungern ohne Bowler und dunklem Anzug auf der Straße oder im Fahrstuhl blicken lassen, waren die Investoren gut aufgehoben. Denn in den Kontoren der City versammelt sich die Kaufmanns-Elite der Nation: die »besser ausgebildeten und motivierten jungen Leute, die unternehmerischen Persönlichkeiten Englands« (Sir Kenneth Keith. Chef einer der bedeutendsten britischen Industriebanken, Hill Samuel).

Zu lange hat die Nation auf Pump gelebt.

Die Arbeit wird ihnen doppelt gelohnt: City-Manager beziehen fast ausnahmslos wesentlich höhere Gehälter als ihre Kollegen in vergleichbaren Industriejobs. Nur wer in der City lebt, lebt angenehm -- in der Wertschätzung der feinen Leute gilt ein Bankier oder Broker ungleich mehr als ein Industriemanager oder Entwicklungsingenieur.

Entsprechend fein geht es denn auch in der Beletage der Finanzaristokratie zu. Als GKN-Chef Barrie Heath, immerhin Vorstandvorsitzer eines der größten Maschinenbaukonzerne, unlängst in den Aufsichtsrat der Barclays Bank einzog, machte er sich bald suspekt. Während die Herren über einen unfähigen Manager sprachen und Heath vorschlug, »den Mann schlicht zu feuern«, wurde er zurechtgewiesen: »Nein, so können Sie das nicht sagen.« Heath: »Meine Sprache stößt die Herren ab. Sie halten sich sehr hoch, in sehr reiner Luft.«

Sie können mehr: Englands Dauerkrise überlebten sie bislang nicht zuletzt deshalb, weil »wir uns schon beizeiten auch um andere Währungen und andere Länder gekümmert haben« (Keith). Die City«. schrieb der »Economist«, »weiß viel über fremde Länder, aber wenig über die Industrie im eigenen Hinterhof.« Die Unruhe in Britanniens Wirtschaft und Währung hat freilich auch die City angesteckt. »Was uns bedrückt«, gab Sir Kenneth zu, »ist die hohe Inflationsrate und die Tatsache, daß die Regierung bei der Inflationsbekämpfung so deutlich versagt.«

Die Chancen, die in Europa konkurrenzlose Teuerung zu bremsen, stehen in der Tat schlecht: Premier Wilson müßte eine ohnehin überaus flaue Konjunktur der Preisstabilität zuliebe weiter drosseln, um Gewerkschaften und Unternehmer zum Maßhalten zu zwingen. »Genau in dem Augenblick, wo die Wirtschaft in den Sturzflug übergeht«, urteilte die angesehene britische Wirtschaftszeitung »The Economist«, werde »die Regierung gezwungen sein, die Staatsausgaben zu kurzen und die Löhne einzufrieren«.

Daß Britannien auch diesmal sich mit halbherzigen Eingriffen durchmogeln kann, halten die Experten für unwahrscheinlich: Zu »schlimm und traurig« (Industrieverbandspräsident Ralph Bateman) ist das Land hinter die anderen Staaten der Gemeinschaft zurückgefallen, zu lange hat die Nation auf Pump gelebt.

»Sogar die Upper Class ist jetzt erschrocken.«

Monat um Monat zehren die Briten von ihrem in der Kolonialzeit aufgehäuften Vermögen. Seit mindestens zwei Jahren geben sie mehr aus, als sie verdienen, im Schnitt übersteigt der Konsum die Einkommen um fünf bis sieben Prozent. Selbst der Geldstrom der Reichen, die sich bislang standhaft weigerten, Wirtschafts- und Währungskrisen auch nur zur Kenntnis zu nehmen, fließt allmählich dünner. Ihr Wertpapierbesitz schrumpfte dank anhaltender Börsen-Baisse auf weniger als die Hälfte. Immobilien und Grundstücke, bis 1973 steter Quell von Einkommen und Vermögenszuwachs, sind kaum loszuschlagen. für manches Haus in bester Londoner Wohnlage halbierte sich der Preis binnen weniger Monate. »Sogar die Upper Class«. fand Banker Keith, »ist jetzt erschrocken.«

Die Hauptfinanziers der Nation, die Ölscheichs, spielen beim Poker um Pfundkurs und Konjunkturdaten nicht mehr so recht mit. Seit dem letzten Dezember hat

sich ihr Interesse merklich abgekühlt oder, wie ein City-Banker understatete, »nicht belebt«. Damals lief eine ungewöhnliche Garantie der Bank von England aus: Die Briten hatten den Ölinvestoren zugesichert,- sie würden einen Teil der Verluste decken, die Schwächeperioden des Pfundes für die Geldgeber bedeuteten.

Schon verdichten sich die Gerüchte, daß England schon bald Europa um frisches Geld angehen werde. Weil Wirtschaft und Währung dringend Beistand brauchen, muß sich die EG auf Bittgänger aus London gefaßt machen.

Und das vermutlich auf Dauer. Hatte noch im letzten Jahr die Euphorie über Ölfunde in der Nordsee, wenige Meilen vor den eigenen Küsten, den Briten Hoffnung auf eine neue Zukunft gemacht, so schwinden nun auch diese vagen Erwartungen. Zu teuer ist die Förderung des zum Teil einige hundert Meter unter der Meeresoberfläche lagernden Öls. Schon setzten sich einzelne Amerikaner, auf deren Kapital und Know-how die Engländer angewiesen sind, wegen finanzieller Risiken von der Nordsee-Öljagd vorsichtig ab. Und die optimistische Prognose, schon 1978 werde England zu einem Ölmilliardär mit vergleichbar gesunden Finanzen wie die Staaten des Nahen Ostens, wird von kundigen Experten nicht mehr ernst genommen.

Um so ungerührter bauen alle -- Gewerkschafter und Unternehmer, Banker und Börsianer -- auf die Tugenden der britischen Nationalseele. Banker Keith etwa meint: »Wir Briten sind ein ganz bemerkenswertes Volk. Wir reißen uns erst dann zusammen, wenn wir in eine Ecke gedrängt werden.« Dundas Hamilton, Abteilungsleiter der Londoner Börse, weiß: »Wenn die Engländer sich ihrer Lage richtig bewußt werden, werden sie die Besten sein.«

Jener von Politikern und Publizisten stets herbeigesehnte »Geist von Dünkirchen« läßt freilich bislang auf sich warten -- obgleich er schon seit Jahren beschworen wird. Diesmal soll es ernst werden mit dem Geist. Keith baut auf den befreienden Zusammenbruch: »Wir wollen die Krise haben.«

Wie es dann weitergehen soll, darüber hat der Geist von Dünkirchen seine Gläubigen bisher im unklaren gelassen. Selbst gestandene Finanzmagnaten begnügen sich mit der Floskel: »Je näher die Krise kommt, desto offenkundiger wird die Lösung sein.«

Die feine englische Lebensart vergeht den Managern auch beim Warten nicht. So räsoniert ein Top-Mann der Bank von England, gediegen und gelassen wie es sich ziemt: »Die Lage ist furchtbar, aber nicht ernst.«

Zur Ausgabe
Artikel 31 / 72

Mehr lesen über