Sanierung Thüringer Modell
Ein normaler Manager wäre mit einer solch gewaltigen Aufgabe voll beschäftigt. Ein Mann wie Lothar Späth fühlt sich offenbar nicht ausgelastet.
Der wuselige Ex-Ministerpräsident versucht in Jena die Reste des ehemaligen Kombinats Carl Zeiss zu retten, jetzt will er zusätzlich einen ähnlich großen Brocken sanieren: den Keramikhersteller Tridelta.
Die Zeiss-Nachfolgefirma Jenoptik wird, so sieht es ein Vertrag zwischen der Firma, der Treuhand und dem Land Thüringen vor, das »operative Geschäft der Tridelta AG« übernehmen, um die Gesellschaft »möglichst schnell zu privatisieren«.
Die Vereinbarung schafft einen Modellfall für die Sanierung von Industrie-Regionen in Ostdeutschland. Mit Hilfe der landeseigenen Jenoptik betreibt die Regierung in Erfurt Strukturpolitik im Osten Thüringens, und geschickt läßt sie dafür die Treuhand zahlen - in dreistelliger Millionenhöhe.
Der ehemalige VEB Keramische Werke Hermsdorf galt zu DDR-Zeiten und auch kurze Zeit nach der Wende als Perle der ostdeutschen Wirtschaft. In 19 Produktionsstandorten erwirtschafteten über 20 000 Mitarbeiter mit technischer Keramik, elektronischen Bauteilen und Elektro-Installationen 1989 einen Umsatz von rund 2,4 Milliarden DDR-Mark.
Die Strategen der Unternehmensberatung Kienbaum empfahlen, das Kombinat weitgehend zu erhalten und in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Die Deutsche Bank wollte die Börseneinführung übernehmen. Tatsächlich brach der Umsatz aber in nur wenigen Monaten total zusammen, das Konzept war gescheitert.
Im Sommer des vergangenen Jahres, die Berater hatten sich längst verabschiedet, handelte die Treuhand. Übrig blieb das Kerngeschäft, die industrielle Keramik, mit rund 3000 Mitarbeitern an den Standorten Hermsdorf, Auma, Sonneberg und Veilsdorf. »Der Personalabbau bei der Tridelta«, räumt Treuhand-Direktor Volker Charbonnier, 53, ein, »hätte früher und sehr viel dramatischer erfolgen müssen.«
Noch immer macht das Unternehmen monatlich zwischen fünf und zehn Millionen Mark Verlust. Die Treuhand wollte alle nicht privatisierten Betriebsteile zum 30. Juni liquidieren.
Da meldete sich Ende Januar ein Interessent: Lothar Späth. Der »heimliche Wirtschaftminister von Ostthüringen« (Wirtschaftswoche) wollte die marode Firma übernehmen.
Die Belegschaft stellte sich sofort hinter den vermeintlichen Retter. Der Treuhand-Vorstand allerdings zierte sich, denn Späth stellte hohe Forderungen: Übernahme der Altschulden von 170 Millionen Mark plus Verlustabdeckung für die nächsten Jahre, alles in allem rund 300 Millionen Mark.
Gleichwohl zweifelte die Treuhand nicht am Konzept: Die Jenoptik, gerade 30 Kilometer von Hermsdorf entfernt, sollte die Tridelta komplett übernehmen, die Einzelteile sanieren und dann verkaufen.
Späth bot sogar eine Garantie für die noch vorhandenen Arbeitsplätze. Für jeden verlorenen Job bei der Tridelta sollte in den neuen Betrieben Ersatz geschaffen werden.
Streit gab es vor allem um die Liegenschaften. Von den gut 54 Hektar benötigt die geschrumpfte Tridelta nur zehn Prozent, auf dem Rest sollten neue Betriebe siedeln.
Und die kommen nach einer einfachen Faustregel: je billiger die Grundstücke desto williger die Investoren. Zum Vorzugspreis aber wollte die Treuhand das Land keinesfalls an die Jenoptik abgeben.
Die Belegschaft drohte daraufhin Protestaktionen an, schon im September hatten Tridelta-Aktivisten das Hermsdorfer Kreuz besetzt. »Die Treuhand«, sagt Betriebsrätin Sybille Kaiser, 34, habe zwar große Summen in die Tridelta gesteckt, »aber ohne Konzept«. Das dürften nun nicht die Arbeiter ausbaden.
Die Politiker, vom Bürgermeister bis zum Bundestagsabgeordneten, stellten sich hinter die Forderungen der Arbeitnehmer. Für die Anstaltsoberen wurde die Situation immer unangenehmer.
Späths Parteifreund Bernhard Vogel vermittelte. Der thüringische Ministerpräsident brachte beide Parteien in Bonn an einen Tisch. Am Ende erzielten sie eine Einigung. Spätestens bis zum Juni wollen die Vertragspartner die Einzelheiten des Transfers geregelt haben.
Der Trick: Das Land Thüringen übernimmt die Liegenschaften - zu einem Bruchteil des eigentlichen Wertes. Die Immobilien werden nicht, wie sonst üblich, ausgeschrieben und meistbietend verkauft, sondern an eine noch zu gründende thüringische Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) weitergereicht.
Die LEG ist nötig, um den Preis kräftig zu drücken. Die Treuhand darf an Länder und Kommunen mit Abschlägen von bis zu 75 Prozent verkaufen. Selbst die betriebsnotwendigen Grundstücke der Tridelta werden deshalb von der LEG erworben und dann wieder an die Tridelta verpachtet.
»Integrierte Standortentwicklung gemeinsam mit der Treuhand«, nennt das Franz Schuster, 48, Minister in der Erfurter Staatskanzlei, und schwärmt von einem »Thüringer Modell«. Immerhin soll die Treuhand von einem etwaigen Mehrerlös einen Teil abbekommen.
Den wird es kaum geben. Zunächst fallen beträchtliche Kosten an: Alte Gebäude müssen abgerissen und verseuchte Böden gereinigt werden. Dazu kommt die Erschließung der Grundstücke. Die LEG wird froh sein, nicht draufzahlen zu müssen.
Für das Zahlen ist die Treuhand zuständig. Neben den Altschulden und einer Übernahme der laufenden Verbindlichkeiten wird sie wohl rund 50 Millionen Mark nach Hermsdorf überweisen. »Mehrere solcher Fälle«, meint ein Treuhandsprecher, »können wir uns nicht leisten.«