Tiefer Fall - DER SPIEGEL
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Unternehmen Tiefer Fall

Die Gebrüder März haben sich übernommen und ein Milliarden-Vermögen verspielt.
• aus DER SPIEGEL 34/1994
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Andreas März, 46, sieht sich als »dynamischen Unternehmer«. Untätig zu sein, sagt der Chefmanager der Nahrungsmittelgruppe Gebrüder März AG, »ist nicht Familienart«.

Doch allzuviel Dynamik tut auch nicht gut. Die Familie im oberbayerischen Rosenheim hat sich zuviel zugemutet. Ihre Firma, ein Konglomerat aus Fleisch- und Wurstfabriken, Brauereien und Molkereien, Viehhandel und Gastronomie, hängt am Tropf der Banken.

Der auf drei Stämme verstreute Inhaber-Clan hat im eigenen Unternehmen nur noch wenig zu sagen. Firmenchef Andreas März verzog sich auf einen wochenlangen Urlaub nach Spanien.

Mitte September wird es spannend. Zur Aufsichtsratssitzung wollen die zehn Gläubigerbanken der März-Sippe mitteilen, was aus dem Lebensmittelkonzern wird.

Die Banken organisieren bereits den Ausverkauf des Unternehmens. Seit Wochen suchen Firmenmakler in ihrem Auftrag Interessenten für große Brocken des März-Imperiums.

Die Londoner Filiale des Schweizerischen Bankvereins bietet die Molkereien und Hersteller von Milchprodukten an. In Frankfurt verhandelt die Beratungsfirma Lazard, Bürklin, Kuna & Co. mit internationalen Getränkekonzernen über die März-Brauereien.

Finden sich Käufer, schrumpft das zwei Milliarden Mark Umsatz schwere Unternehmen im wesentlichen auf eine Drittel-Beteiligung an dem Fleischproduzenten Moksel. Dieser Anteil soll bereits den Banken als Sicherheit für Kredite überlassen worden sein. Die März AG wäre dann weitgehend entschuldet, der wirtschaftliche Zweck aber nicht mehr erkennbar.

Der fabelhafte Aufstieg und der tiefe Fall der März-Gruppe ist ein Lehrstück, wie durch Selbstüberschätzung und eine Kette von Fehlleistungen ein Milliarden-Vermögen verspielt wird.

Vier Brüder und eine Schwester hatten sich vorgenommen, ihr Erbe, eine kleine Molkerei und einen Milchladen in der Rosenheimer City, zum größten deutschen Lebensmittelkonzern auszubauen. Sie begannen mit Viehhandel und der Fleischproduktion.

Bruder Josef, der älteste, bediente sich dabei der Kontakte seines Jagdkameraden Franz Josef Strauß, mit dem er seit 1947 befreundet war. Mit Hilfe von Strauß kamen die Rosenheimer mit der DDR ins große Geschäft. Ihre Firma Marox bezog jahrzehntelang Schlachtvieh aus dem SED-Reich, in guten Jahren bis zu 50 000 Kühe und Kälber.

März, zeitweilig CSU-Schatzmeister in Oberbayern, revanchierte sich für das lukrative Geschäft mit einer Kontaktvermittlung. Auf dem Familiengut Spöck bei Rosenheim machte März am 5. Mai 1983 den Freund mit seinem langjährigen DDR-Geschäftspartner Alexander Schalck-Golodkowski, dem Devisenbeschaffer und Stasi-Obristen, bekannt. Dort fädelten sie den ersten Milliardenkredit für die DDR ein.

Strauß war auch beteiligt am Aufbau der Biersparte. Er redete März gut zu, eine von der Hamburger Holsten-Gruppe angebotene Brauerei in Togo zu kaufen. Strauß erfreute sich bester Kontakte zu den Machthabern in der ehemaligen deutschen Kolonie am Äquator. Anfang 1981 begann März, auch in Deutschland ein Bierreich aufzubauen. Nach dem Mehrheitserwerb an der Ersten Kulmbacher Actienbrauerei (EKU) übernahm er die heruntergewirtschaftete Henninger Bräu in Frankfurt und die Hamburger Bavaria mit der Premium-Marke Jever. Hinzu kamen ein Dutzend kleinerer Bierproduzenten.

Beim Bier lagen die März-Geschwister nun dichtauf hinter dem Branchenprimus Oetker, aber bei der Milchabfüllung und der Weiterverarbeitung machte ihnen der Konkurrent noch etwas vor. Nach dem Zusammenbruch der DDR investierten die Bayern deshalb mehr als 100 Millionen Mark in neue Abfüllanlagen und Betriebe in Ostdeutschland - wie beim Bier in einen übersättigten Markt.

Unbesehen griffen die Brüder und ihre Schwester Balbina Kühbandner, die das Finanzressort leitet, auch zu, als die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank (Bayernhypo) ihnen 1992 eine Drittel-Beteiligung an dem Fleisch-Konkurrenten Moksel vermittelte. Moksel, durch Affären belastet, ist inzwischen hoch verschuldet.

Die März-Brüder bauten sich allmählich einen Konzern von rund 100 Firmen auf. Sie sind auf den Seychellen und in Westsamoa vertreten, vertreiben Mineralwasser und Sekt, handeln mit Computern und Immobilien. Und die Banken, allen voran die Bayernhypo und die Berliner Bank, machten geduldig mit.

Insider wollen wissen, daß die Sippe nicht einmal mehr über die Mehrheit der Aktien verfügen kann. Für den fremdfinanzierten Moksel-Anteil und »Familiendarlehen« über 180 Millionen Mark hätten die Märzens Aktienpakete als Sicherheit hinterlegen müssen.

Die Firma ist hoch verschuldet. Im Frühjahr zogen die beiden Hausbanken die Notbremse. Bruder Willi, 66, mußte seinen Aufsichtsratsvorsitz niederlegen. Der Hamburger Wirtschaftsprüfer Otto Gellert soll als Chefaufpasser für sie Kasse machen.

Die Banken bangen um ihre Kredite. Die Geschäfte, so fürchten sie, gingen in allen März-Sparten so schlecht, daß nicht einmal die Zinsen voll bedient werden könnten. Molkereien und Moksel schreiben tiefrote Zahlen. Auch die Brauereien werden nach Bankenkenntnis im laufenden Geschäftsjahr in die Verlustzone geraten.

Noch im September, hofft Gellert, könnte er die Biersparte komplett oder in Teilen an Konkurrenten verkaufen. Tuborg aus Dänemark, Anheuser-Busch aus den USA, Holsten und Brau und Brunnen zeigen Interesse.

Am weitesten sind die Gespräche mit Brau und Brunnen ("DUB«, »Schultheiß"). In diesem Fall verhandelt der März-Großgläubiger Bayernhypo quasi mit sich selbst: Der Bank gehören 37,5 Prozent von Brau und Brunnen.

Die Banken werden an ihr Geld kommen. Die Brauereien mit ihrem Immobilienvermögen könnten weit über eine Milliarde Mark erbringen.

Betroffen vom Mißmanagement bei März und dem leichtfertigen Kreditspiel der Banken sind wie oft in solchen Fällen die Kleinaktionäre und die Mitarbeiter. Im Vertrauen auf die vollmundigen Versprechungen von Eigentümern und Banken hatten 1991 viele Geldanleger Aktien des Neulings an der Börse gezeichnet. Der Ausgabekurs von 415 Mark verfiel auf derzeit rund 265 Mark.

Von den 5800 Mitarbeitern müssen noch im Jahresverlauf etwa 800 gehen. Nach einem Verkauf werden weitere Arbeitsplätze wegfallen.

Aufmerksam dürfte ein am Tegernsee wohnendes Ehepaar die Entwicklung in Rosenheim verfolgen. Sigrid Schalck-Golodkowski, die Ehefrau des DDR-Devisenbeschaffers, hatte im Jahre 1990, kurz nach ihrer Einreise in die Bundesrepublik, vom März-Clan ein Darlehen erhalten - 600 000 Mark zum Vorzugszins von etwa 5,5 Prozent und ohne Tilgungsverpflichtung.

Das Paar hat den Betrag als Festgeld und in Wertpapieren bei der Bayernhypo und anderen Banken angelegt. Geht es mit den März-Brüdern weiter abwärts, wird wohl der Kredit fällig. Y

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__68b Gebr. März AG Rosenheim: Wesentliche Beteiligungen

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