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BANKEN Tiefste Stufe

Die Dresdner Bank verkauft Teile ihres Industriebesitzes - sie ist knapp bei Kasse.
• aus DER SPIEGEL 5/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Deutsche Unternehmen winkten ab, da kamen die Neureichen aus dem Morgenland der Dresdner Bank gerade recht: Noch zum Jahresultimo 1980 verkaufte Bankchef Friderichs ein stattliches Aktienpaket an die Kuweitis.

Für 175 Millionen Mark erwarb das Öl-Emirat eine zehnprozentige Beteiligung am Rohstoff-Konzern Metallgesellschaft (MG). Gern hätte Friderichs, S.60 der zuvor vergeblich Volkswagen und dem Flick-Konzern MG-Anteile angeboten hatte, den Kuweitis noch mehr verkauft. Aber die Deutsche Bank und die Allianz AG, die an der Metallgesellschaft indirekt beteiligt sind, legten ihr Veto ein.

Friderichs, dessen Bank zunächst noch rund 30 Prozent des Metallgeschäft-Kapitals hält, wird nun im Lande nach anderen Käufern suchen. Denn verkaufen will er -- und nicht nur MG-Papiere.

Die Dresdner Bank hat es eilig, ihren Industriebesitz (siehe Schaubild Seite 62) abzubauen. Und sie hat gute Gründe.

Zum einen vertraut der ehemalige Bundeswirtschaftsminister seinen Bonner Gewährsleuten, die ihm wiederholt versicherten, daß die Banken-Novelle zur Begrenzung des Industriebesitzes nicht mehr zu verhindern sei. Zum anderen ist die Bank knapp bei Kasse.

Noch nie in der Nachkriegsgeschichte war der schärfste Rivale des unangefochtenen Branchenführers Deutsche Bank so in die Klemme geraten wie im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr. Die seit nunmehr drei Jahren von Friderichs dirigierte Dresdner Bank mußte -- im Kredit- und im Wertpapiergeschäft -- zu viele dicke Brocken verdauen.

Obwohl sich die Ertragslage »seit dem Sommer stark verbessert« (Friderichs) hat, sehen die letzten Zahlen deprimierend aus: Im Vergleich zum Vorjahr brachte das laufende Geschäft in den ersten zehn Monaten 34,8 Prozent weniger ein. An Zinsen und Provisionen verdiente die Bank nur knapp vier Promille mehr, als sie für Personal, Verwaltung und den Geldeinkauf ausgeben mußte.

Nur bei der Commerzbank, der Nummer drei des privaten Geldgewerbes, sieht es noch schlechter aus: Dort sackte das Betriebsergebnis sogar um 61 Prozent (SPIEGEL 52/1980).

Im vergangenen Jahr mußte die Dresdner ausgerechnet in jener Geschäftssparte Einbußen hinnehmen, die bislang die Schwächen anderer Bereiche verdecken half -- im Devisen- und Goldhandel. Noch 1979 hatten die Edelmetallhändler der Bank in Luxemburg, London und Hongkong glatt 200 Millionen Mark zum Ergebnis beisteuern können. Diesmal bleibt voraussichtlich noch nicht einmal ein Drittel davon hängen.

Viel schwerer wiegt indes, daß 1980 erstmals die Millionenhilfen für den angeschlagenen AEG-Konzern voll zu Buche schlugen. Da mit Ausnahme der Schweizerischen Kreditanstalt fast alle anderen ausländischen AEG-Geldgeber bei der Sanierung kniffen, war Friderichs als neuer Aufsichtsratsvorsitzender des Elektrokonzerns und als Chef der AEG-Hausbank gleich doppelt gefordert.

Die Bank mußte Ende September bei der längst fälligen Kapitalzufuhr für insgesamt 195 Millionen Mark neue AEG-Aktien übernehmen. Da der Börsenkurs der dividendenlosen Elektropapiere bis zum Jahresultimo auf die Hälfte des Ausgabekurses von 150 Mark pro Aktie absackte, muß Friderichs allein 97 Millionen Mark auf sein neues AEG-Paket abschreiben.

Nachdem fünf amerikanische Großbanken im vergangenen Jahr alle Kredite für die AEG stoppten, hat sich überdies der angeschlagene Elektrokonzern inzwischen mit mehr als 600 Millionen Mark bei der Dresdner Bank verschuldet. Sollte Friderichs dem Beispiel der vorsichtigen Deutschen Bank folgen und für die unsicheren AEG-Kredite eine Risikoreserve von gut 20 Prozent anlegen, dann müßte die Dresdner mehr als 120 Millionen Mark dafür zusätzlich verkraften.

Neue Gefahr droht auch aus dem Ausland. Auf die harte Mark bauend, hatte die Dresdner nämlich Anfang der siebziger Jahre als erste unter den deutschen Großbanken zunehmend auf das Geschäft jenseits der Grenzen umgeschaltet.

Dabei gingen die deutschen Bankiers jedoch solche Risiken ein, daß Bundesbank-Direktor Claus Köhler sowie Inge-Lore Bähre, die Präsidentin des Aufsichtsamtes, bereits besorgte Briefe abschickten. Vertreter der Dresdner Bank mußten in den letzten Monaten schon zweimal der Bankenaufsicht in Berlin über ihre Auslandsgeschäfte berichten.

Bundesbank und Aufsichtsamt fürchten nämlich, daß die deutschen Banken längst zu hohe Kreditrisiken im Ausland übernommen haben und daß immer mehr Schuldner in Schwierigkeiten kommen könnten. Die Sorge ist S.62 begreiflich: Allein in den Krisenländern Polen, Türkei und Iran stehen für die deutschen Banken Milliarden auf dem Spiel.

Von den bundesdeutschen Forderungen über annähernd neun Milliarden Mark an den Iran, so errechnete das Bundeswirtschaftsministerium schon Mitte letzten Jahres, sind nur noch rund sieben Milliarden durch Hermes-Garantien des Bundes abgesichert. Hauptgläubiger sind die Luxemburg-Töchter der Deutschen und der Dresdner Bank.

Auch der Dauerschuldner Türkei wird für die Dresdner Bank ein riskanter Kunde. Bei dem illiquiden Nato-Partner wuchsen die Schulden zum Jahresultimo so rasch an, daß die Türken ihre vor zwei Jahren zugesagten Tilgungsraten kurzerhand um die Hälfte kappten.

Schließlich schockierten die Türken am 13. Januar die Unterhändler der Dresdner Bank und fünfzehn weiterer Türkei-Finanziers bei einem »streng vertraulichen Hintergrundgespräch« in London: Die Türkei könnte gezwungen sein, die Tilgung ihrer Schulden völlig einzustellen.

Die Großbankiers, so der türkische Vize-Ministerpräsident Turgut Özal, sollten die Laufzeiten ihrer Milliardenkredite von sieben auf zwölf Jahre ausdehnen. Sie müßten zudem ihre Zinssätze verringern und ihre Kreditlinien abermals um rund 800 Millionen Mark aufstocken, wenn sie das Schlimmste verhindern wollten.

Der größte Auslandsschuldner der Dresdner Bank, die Volksrepublik Polen, ist längst so weit, daß die Tilgungen völlig eingestellt werden müßten.

Allein an Zinsen, so rechneten die westlichen Gesprächspartner der polnischen Bank Handlowy Ende letzter Woche in Wien hoch, müßten die Polen auch im neuen Jahr mehr als fünf Milliarden Mark an westliche Banken überweisen.

Den größten Brocken hätten dabei deutsche Institute, allen voran die Dresdner Bank, zu bekommen. Im vergangenen und im neuen Jahr müßten die Polen an Zins und Tilgung rund vier Milliarden Mark in die Bundesrepublik überweisen.

Die aufgelaufenen Raten der alten Schulden können die Polen jedoch nur noch begleichen, wenn die Dresdner Bank als Konsortialführer rund 1,3 Milliarden Mark bei Bonn und den Banken lockermachen kann. Schon im vergangenen Jahr war eine ähnliche Hilfsaktion notwendig geworden.

Um zu verhindern, daß die mit insgesamt 23 Milliarden Dollar im Westen verschuldeten Polen ihre Kreditwürdigkeit vollends verlieren, schlugen die Handlowy-Bankiers in Wien im Interesse des gesamten Comecon-Blocks einen bewährten Banker-Trick vor. Die Dresdner Bank, meinten die Polen, sollte eine »Umschuldung ohne Moratorium« von sich aus vorschlagen.

So sind die Bankiers in der Bundesrepublik auf alles gefaßt. Wilfried Guth von der Deutschen Bank gab intern bereits die Anweisung, die Bonität der Polen »auf die tiefste Stufe herabzusetzen«.

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