Time Warner: Titanen-Kampf am Central Park - DER SPIEGEL
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Time Warner Titanen-Kampf am Central Park

Zittern bei Time Warner: Der Firmenjäger Carl Icahn will den Medienkonzern zerschlagen und die Konzernspitze stürzen. Der Milliardär ist für seine rüden Attacken auf Unternehmen gefürchtet.
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New York - Mit einer Mischung aus Mitleid und Schadenfreude beobachten Amerikas Wirtschaftsjournalisten gerade, wie gewisse Kollegen über die jüngsten Ränkespiele des Multi-Milliardärs und berüchtigten Profi-Investors Carl Icahn berichten. Besser gesagt, gewisse Kollegen aus dem Hause Time Warner, des weltgrößten Medienkonzerns - namentlich die Reporter von "Time", "Fortune" und CNN.

Icahn "liebt es, sich mit den großen Jungs anzulegen", schreibt "Time" da zum Beispiel. "Und oft gewinnt er." Icahn, kritisiert dagegen "Fortune", "steckt in der Falle". Derweil schenkt CNN dem aktuellen Treiben des Firmenjägers erst mal gar keine Beachtung, sondern wickelt ihn auf seiner Nachrichten-Website kurzerhand als ein Gespenst der Vergangenheit ab, als einen "Firmenaufkäufer der achtziger Jahre". Der redaktionelle Eiertanz verwundert nicht. Schließlich begeben sich die Time-Warner-Journalisten beim Thema Icahn auf dünnes Eis. Denn der Finanzier, dessen bekanntestes Opfer die 2001 beerdigte Fluggesellschaft TWA war, hat jetzt ein neues Objekt der Begierde - Time Warner selbst.

Offener PR-Schlagabtausch

Icahn, 69, will sich die Kontrolle über den Verwaltungsrat von Time Warner verschaffen und die Konzernspitze stürzen. Sprich: Er strebt nach Kontrolle über das gesamte Konglomerat, zu dem neben den TV-Sendern CNN, HBO und besagten Publikationen auch der wankende Internet-Riese AOL gehört. Seit dem Sommer führt eine von ihm angeführte Gruppe von Shareholder-Revoluzzern - denen mit 135 Millionen Time-Warner-Aktien inzwischen knapp drei Prozent der Anteile gehören - einen PR-Krieg gegen Time-Warner-CEO Richard D. Parsons.

Doch nun will es der Hedgefonds-Investor nicht mehr bei Worthülsen belassen und bläst zum Sturmangriff: Icahn hat die renommierte Investmentbank Lazard auf seine Seite gebracht - und damit deren Chef Bruce Wasserstein, einen der erfolgreichsten Dealmaker an der Wall Street, der schon Tausende diffiziler Transaktionen und Übernahmen arrangiert hat.

Damit steuert der Kampf um Time Warner auf sein Finale zu. Es ist ein Krieg der Titanen am Central Park. Das Büro Icahns, der aus dem New Yorker Stadtteil Queens stammt, liegt im 47. Stock des GM-Hochhauses an der Fifth Avenue, an der Südostecke des Parks. Die gläsernen Doppeltürme des Time-Warner-Centers am Columbus Circle stehen an der Südwestecke.

Dramatische Umstrukturierung

Icahn geht es bei seinen Übernahmeplänen um Geld, aber auch um das Prinzip - oder, wie er es gern darstellt, um das Wohl des amerikanischen Marktes. "Von ein paar Ausnahmen abgesehen werden die US-Unternehmen von den falschen Leuten geführt", sagte der sonst eher pressescheue Investor kürzlich in einem Interview mit dem Wirtschaftsblatt "Business Week". "Viele Konzernbosse sind leider nicht qualifiziert, an der Spitze ihrer Firmen zu stehen."

Und damit meint er im Moment vor allem eben Time-Warner-Chef Parsons. Den greift Icahn seit Monaten an. "Im Leben und im Geschäftsleben gibt es zwei Kardinalsünden", schrieb er in einem öffentlichen Brief an die anderen Time-Warner-Aktionäre. "Die erste ist, vorschnell und gedankenlos zu handeln, und die zweite ist, gar nicht zu handeln." Parsons und sein Top-Management hätten sich mit der missglückten Fusion von Time Warner und AOL der ersten Sünde schuldig gemacht - und mit der verpatzten Schadensbegrenzung der zweiten.

Doch Icahn beließ es nicht dabei. Er zählte eine Reihe weiterer "Fehltritte" auf, die die Shareholder Milliarden gekostet hätten, so etwa den Verkauf des Plattenlabels Warner Music und des TV-Senders Comedy Central. Das Resultat: "Eine Zerstörung des Firmenwerts."

Schon zeigt der Dauerdruck Wirkung. Parsons kaufte Aktien im Wert von 12,5 Milliarden Dollar zurück und folgte damit der Linie seines renitenten Großaktionärs. Icahn will aber noch mehr, sein erklärtes Rückkaufsziel ist mit 20 Milliarden Dollar fast doppelt so hoch. Außerdem fordert er eine drastische Umstrukturierung des gesamten Mega-Konzerns, unter anderem durch einen Abspaltung des TV-Kabelgeschäfts.

"Barbaren vor den Toren"

Es ist nicht das erste Mal, dass Icahn als Investor seine Muskeln spielen lässt. Nicht umsonst ist der Mann, der seine Karriere mit 500 gesparten Dollar und einem Philosophie-Abschluss als Praktikant bei einem Brokerhaus begann, heute 8,5 Milliarden Dollar schwer, was ihm auf der aktuellen "Forbes"-Liste der 400 reichsten Amerikaner Platz 24 einbringt.

Sein berühmtester Deal war TWA. Icahn kaufte die marode US-Airline 1985 gegen deren Willen für 300 Millionen Dollar, nach einem brutalen Kampf gegen einen von TWA favorisierten Großinvestor. 1992 meldete Icahns TWA trotzdem Konkurs an, im Jahr darauf stieß er die Gesellschaft wieder ab. Die historische Linie flog noch bis 2001 weiter, dann wurde sie ganz eingestellt. Viele machen Icahn für ihren Ruin verantwortlich.

"Konstruktive Unternehmensalternativen"

Wie bei TWA hatte Icahn bei vielen Geschäften gemischten Erfolg. In den vergangenen Jahren jedoch überwogen die Profite. Von 1996 bis Mitte 2004 zum Beispiel zählte das Branchenblatt "Institutional Investor" Icahn-Beteiligungen an insgesamt 56 Gesellschaften, mit einem Gesamtprofit von 2,8 Milliarden Dollar und einer Jahresrendite von 53 Prozent. So kassierte er bei der Zerschlagung des Tabak- und Lebensmittelkonzerns RJR Nabisco Ende der neunziger Jahre rund 1,3 Milliarden Dollar; der Fall des Unternehmens war die Grundlage für den Bestseller "Barbaren vor den Toren".

Andere Investitionen, die sich für Icahn langfristig lohnten, waren das Gentechnologie-Start-up ImClone (Profit: 417 Millionen Dollar), Revlon (Profit: 281,2 Millionen Dollar) und Samsonite (Profit: 103,6 Million Dollar). Derzeit hält er unter anderem auch noch Anteile an der Videotheken-Kette Blockbuster, dem Energiekonzern Kerr-McGee, der Investmentbank BKF Capital, dem Pharmaunternehmen Mylan, mehreren Casinos in Las Vegas - und eben an Time Warner.

Den Medienriesen versucht er sich jetzt auf dieselbe Weise gefügig zu machen, wie er zuvor schon viele andere Firmen untergekriegt hat - mit einer, wie er es sagt, "allumfassenden" Schlacht um die Stimmrechte. Dazu will er Parsons und mindestens 8 der 14 Board-Mitglieder kippen und durch eigene Leute ersetzen; seine Kandidaten will er bis Januar benennen. Bis März 2006 dann will er der US-Börsenaufsicht SEC ein konkurrierendes Unternehmenskonzept vorlegen, über das die Aktionärsversammlung im Mai abstimmen soll.

"Wir freuen uns darauf", erklärte Icahns neuer Verbündeter Wasserstein, "mit der Icahn-Gruppe zusammenzuarbeiten, um für alle Time-Warner-Shareholder Wertsteigerungen zu erreichen." Notfalls eben auch mit "konstruktiven Unternehmensalternativen".

Time Warner sieht dem Gefecht gelassen entgegen, zumindest nach außen hin. "Unser Geschäftsbereiche laufen gut, und alle sind an der Spitze ihrer Sektoren", erklärte der Konzern kühl. Die anderen Aktionäre jedoch scheinen sich für Icahns Avancen zu erwärmen. Zunächst hatten sie seinen Verbalattacken wenig Beachtung geschenkt. Doch seitdem bekannt wurde, dass ihm Bruce Wasserstein höchstselbst Flankenschutz gibt, hat die Time-Warner-Aktie angezogen.

Der Druck auf den Konzern wächst. Die Wochenzeitschrift "New York Magazine" veröffentlichte kürzlich eine Hitparade der am meisten von Zerschlagung bedrohten US-Großkonzerne. Auf Nummer eins lag Time Warner. Der Verleger von "New York Magazine" ist allerdings Icahns Kumpel Bruce Wasserstein.

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