Titel-Chat: "Gibt es einen Schmusetier-Kapitalismus?" - DER SPIEGEL
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Titel-Chat "Gibt es einen Schmusetier-Kapitalismus?"

Über den SPIEGEL-Titel: "Der neue Raubtier-Kapitalismus" wurde bei SPIEGEL ONLINE rege diskutiert. Lesen Sie hier, wie Jan Fleischhauer, SPIEGEL-Korrespondent in New York und Co-Autor der Titelgeschichte, im Chat auf die Fragen antwortete.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Moderator SPON:

Herzlich Willkommen zum SPIEGEL-ONLINE-Chat. Insbesondere begrüße ich Jan Fleischhauer, der uns als Experte aus New York zugeschaltet ist.

JanFleischhauer: Hallo aus NY.

ClaasC: Dow Jones und Nasdaq sind angesichts der letzten Bilanzskandale relativ stabil geblieben. Ist das Schlimmste schon überstanden?

JanFleischhauer: Naja, stabil - ich glaube aus Sicht eines Investors ist das ein sehr relatives Wort. Typisches Börsendeutsch, so wie man ja auch bei einem starken Kursabfall gern von "Marktbereinigung" oder "Korrektur" spricht.

jan: Wieso sind wir denn abgesehen vom Neuen Markt von Bilanzskandalen verschont geblieben? Heißt das, in Deutschland ist alles sauber?

JanFleischhauer: Schwer zu sagen, ob wir einen Fall Enron auch bei uns erleben werden. Wenn nicht, dann liegt das möglicherweise daran, dass die Deutschen einfach mit Zeitverzug in die schöne, neue Zeit gestartet sind. Bei den Amerikanern haben die wilden Börsenjahre Anfang der 90er begonnen, in Deutschland im Grunde erst mit der Einführung der T-Aktie, und das war, wenn ich mich richtig erinnere, im Sommer oder Herbst 1996.

ClaasC: Sie schreiben, dass die Gewinne von Gap, Apple und Yahoo um 1000 Prozent fallen würden, wenn man Kostenfaktoren wie Optionspläne herausrechnet. Sind das die nächsten Kandidaten für Bilanzskandale?

JanFleischhauer: Das eigentlich erstaunliche ist ja, dass diese Art der Bilanzblähung in den USA durchgängige, durchaus legale Praxis war, von General Electric bis eben Yahoo. Und übrigens auch, zumindest unter Profis, allgemein bekannt. Wir sollten uns also nicht wundern, wenn in Zukunft die gemeldeten Gewinne bei den genannten Firmen deutlich geringer ausfallen.

ClaasC: Wie beurteilen Sie die Chancen, dass Wirtschaftsprüfer in den USA an die Kandare genommen werden?

JanFleischhauer: Nach den geltenden Gesetzen wird das eher schwierig. Deshalb haben auch diejenigen Recht , die nun die Schwelle, ab der Strafverfahren drohen, deutlich senken wollen. Wenn bei Fehltestaten empfindliche Geldbußen oder gar Gefängnisstrafen zu befürchten wären, würde jedenfalls was auf dem Spiel stehen.

Gegge: Sind die hochbezahlten Manager nicht in der Lage, die Gefahren zu analysieren?

JanFleischhauer: Das Problem war, glaube ich, in den vergangenen Jahren nicht, dass keiner wußte, wie das Spiel läuft.

blacky: Die Herolde des Kapitalismus werden plötzlich zu seinen größten Feinden!!

Besserwisser: Haben die Aktionäre, mit ihren - überzogenen? - Erwartungen zur jetzigen Krise beigetragen?

JanFleischhauer: Sicher haben sich auch die Aktionäre in einem Taumel gesteigert. Aber das eine ist, sein Geld in ein Spielkasino zu tragen, das andere, das Kasino heimlich so zu organisieren, dass immer das Haus gewinnt.

zimmerman1: Herr Fleischhauer, die Newsweek von letzter Woche hatte das Titelthema "big business, bad business", finden Sie die Ansichten Ihrer US Kollegen korrekt?

JanFleischhauer: Ich finde, dass die amerikanischen Wirtschaftsjournalisten in den letzten Monaten einen ziemlich guten Job gemacht haben.

Mohawk: Wird die Kluft zwischen arm und reich in den USA noch größer werden und der Mittelstand noch mehr wegbrechen?

JanFleischhauer: Es spricht jedenfalls einiges dafür, dass sich die Einkommensschere nicht schließen, sondern weiter öffnen wird.

verdichter: Wieso wird nicht aufgehört, nur auf das Maximum im Ertrag zu achten, anstatt die langfristigen Erfolge zu erzielen?

JanFleischhauer: Wenn es eine Lehre aus den Skandalen zu ziehen gibt, dann sicherlich, dass die übertriebene Shareholder-Value-Ideologie einer der wesentlichen Gründe für die Betrugsserie waren.

zar: Was heißt bitte übertriebene Shareholder-Value-Ideologie?

JanFleischhauer: Das meint die geradezu hysterische Fixierung auf den Aktienkurs, mit allen Begleiterscheinungen wie millionenschweren Optionsprogrammen und Firmenbewertungen anhand von Bilanzveröffentlichungen im Dreimonatstakt

Ulrich: Es waren nicht nur Betriebe wir Enron und WorldCom die massenhaft Geld vernichtet haben. Werden nun auch die kleinen und mittleren Betriebe zur Verantwotung gezogen ?

JanFleischhauer: Keine Frage, dass nicht nur diejenigen Millionen verloren haben, die in Enron oder WorldCom investierten. Aber die wirklich haarsträubenden Betrugsvorwürfe treffen vor allem Großunternehmen, gerade die haben ja oft Größe und Größenwahn verwechselt.

mia: Wie reagieren denn die Amerikaner, Freunde von ihnen etc., auf diese Skandalwelle?

JanFleischhauer: Zunächst ist es das Partythema. Jeder weiß einen neuen CEO-Witz, aber im Spott schwingt immer auch Entsetzen mit.

Mohawk: Sie sagen, die Politik sollte für Reformen sorgen, wer aber lenkt eigentlich die US-Wirtschaft oder Politik?

JanFleischhauer: Wenn Sie auf die enge Verbindung zwischen Politik und Industrie in den USA anspielen: die ist sicher deutlich stärker ausgeprägt als in Deutschland. Anderseits will Bush wieder gewählt haben, und deshalb muss er sich entscheiden, zwischen alten Freundschaften und der Liebe zu seinem Amt, und seine jüngsten Auftritte weisen darauf hin, dass er wirklich gern Präsident bleiben möchte.

Besserwisser: Das US-Bilanzsystem steht in der Kritik, wird hier aber ungefragt übernommen. Sind wir Lemminge?

JanFleischhauer: Erstens verhalten sich Aktionäre bekanntlich immer wie Lemminge, das erst macht Blasen ja möglich. Und zweitens: Ich denke, dass die amerikanischen Bilanzrichtlinien viel von Ihrer Vorbildfunktion verloren haben. Für manche Konzerne wird es geradezu ein Ausweis von Seriosität sein, dass sie nach deutschen oder internationalen Regeln bilanzieren.

DrSchneider1: Welche internationalen Bilanzierungnormen würden Sie bevorzugen: US-GAAP oder IAS?

JanFleischhauer: Viele Firmen werden in Zukunft sicher eher auf IAS umstellen, und das aus gutem Grund: Dass sie eine Firma, an der sie drei Prozent veräußert haben, nur noch in den Fußnoten ihrer Bilanz auftauchen lassen müssen, obwohl ihnen also noch 97 Prozent gehören, das ist so nur nach US-GAAP möglich.

ockbert: Was halten Sie von eine definierten Obergrenze für Management-Gehälter? Sagen wir 10 Mio US Dollar, inkl. aller Share-Options.

JanFleischhauer: In der Kritik stehen derzeit in den USA nicht so sehr die Gehälter an sich, sondern die zum Teil absurd hohen Aktienzuteilungen ans Management. Und Überlegungen, die Optionsprogramme zu begrenzen oder zumindest die Fristen deutlich auszuweiten, in denen ein Manager vom Verkauf seiner Optionen gesperrt ist, die gibt es jetzt in der Tat.

DrSchneider1: Wieso lassen sich renommierte Prüfungsgesellschaften wie Andersen oder KPMG auf solche Betrügereien ein?

JanFleischhauer: Weil offenbar die Aussicht auf eine Beratungsgebühr von 100 Millionen Dollar wie im Fall Andersen/Enron so groß ist, dass dabei alle Bedenken zur Seite geschoben werden. Und bislang, bis zum Ableben von Andersen, musste ja auch keine Wirtschaftsprüfungs-Firma ernsthafte Konsequenzen befürchten.

Fisch: Wer oder was, bei aller Spekulation, verhindert denn überhaupt einen rabenschwarzen Börsentag mit anschliessender Weltwirtschaftskrise? Das möchte ich mal wissen...

JanFleischhauer: An rabenschwarzen Börsentagen gab es in den vergangenen Monaten genug, wenn ich mich recht erinnere. Zum Vergleich: Am schwarzen Donnerstag 1929 ist die Börse gerade mal um zwei Prozent abgerutscht. Was die Weiterung in eine tiefe Rezession bislang verhindert, ist die Hoffnung der Anleger, dass nun die Übeltäter zur Rechenschaft gezogen werden, und sich dann alles irgendwie beruhigt, respektive wieder nach oben geht.

Kalligolo: Reichen die Gesetze und die Vollmachten der SEC in den USA nicht aus? Was sollte verbessert werden?

JanFleischhauer: Die SEC gehört zu den Institutionen, die die Krise am meisten beschädigt hat. Dass ihr mit Harvey Pitt ein Mann vorsteht, der als Lobbyist für genau die Industrie gearbeitet hat, die er nun kontrollieren soll, ist da nicht wirklich hilfreich. Anderseits weist der am vergangenen Donnerstag präsentierte Vorschlag der SEC, bei Bilanztäuschungen die Möglichkeit zur Strafverfolgung deutlich zu erweitern, den Weg in die richtige Richtung.

andreas: Gibt es einen Schmusetier-Kapitalismus?

JanFleischhauer: War es nicht genau das, was uns die Sozialdemokraten immer versprochen hatten? Aber im Ernst: zwischen Raubtier- und Schmusetierkapitalismus liegt ziemlich viel; wir sollten vielleicht nicht immer gleich Extreme ansteuern.

Student: Glauben Sie nicht, dass es Bilanztäuschungen schon immer gab, zumal wenn man sich in Krisenzeiten befand ? Was ist denn jetzt so besonders?

JanFleischhauer: Was besonders ist, ist erstens die Höhe der Betrugssummen, zweitens die Normalität der Anlegertäuschung. Drittens vertragen sich die Skandale nun einmal überhaupt nicht mit dem Anspruch und auch den Versprechungen und Hoffnungen, die mit dem amerikanischen Modell verbunden waren.

Moderator SPON: Vielen Dank für die rege Diskussion. Leider konnten wir nur einen kleinen Teil der Fragen beantworten. Wir verabschieden uns und wünschen noch einen schönen Tag!

JanFleischhauer: All the best an alle aus New York!