Toll Collect M-Day auf der Autobahn
Kehl - Keines Blickes würdigt Truckfahrer Mehmet den Ticket-Automaten der Firma Toll Collect, der an der Kehler Aral-Tankstelle zwischen Säften und Sexheftchen steht. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt dem üppigen Zeitschriftenangebot. "Maut-Marke habe ich schon", so der Brummipilot, "alles bereits in Frankreich erledigt."
Offiziell ist die deutsche Autobahngebühr für Lastwagen über zwölf Tonnen bereits seit dem 1. Januar Pflicht. Wegen der Feiertage und dem damit einhergehenden Fahrverbot ist das elektronische System jedoch erst seit Sonntagnacht ersten Belastungen ausgesetzt. Zuvor waren lediglich einige zehntausend Frischtransporte mit Sondergenehmigungen auf deutschen Autobahnen unterwegs. Ab heute werden es wieder bis zu einer Million pro Tag sein.
Verkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) konnte sein Glück über das Ausbleiben von Pannen in den ersten 48 Stunden denn auch kaum fassen. "Es funktioniert", so der etwas ungläubige Minister am Sonntag, der die Maut unlängst als seine anderthalb Jahre währende Folter beschrieb. Das Betreiberkonsortium Toll Collect vermeldete eilfertig, es sei bereits eine Million Euro an Gebühren - drei Promille des erwarteten Jahresumsatzes - kassiert worden.
Kein Stau-Chaos an Grenzübergängen
An der Autobahn-Tankstelle in Brumath, nördlich von Straßburg sitzen zwei junge Franzosen, die blaue Blousons mit Toll-Collect-Logo (Slogan: "Service on the road") über ihre Jogginganzüge geworfen haben und gelangweilt in Lucky-Luke-Comics blättern. Die beiden gehören zu einem Tross von europaweit 5000 Maut-Helfern, die Fernfahrern im Auftrag des Unternehmens die korrekte Bedienung der Ticket-Terminals erklären sollen.
Bisher herrscht Leerlauf, doch Toll Collect wollte nach den Patzern der vergangenen 16 Monate diesmal lieber zu gut vorbereitet sein. Verkehrsexperten hatten prognostiziert, dass es ab Sonntagabend vor allem an den Grenzen zu erheblichen Behinderungen kommen könnte. Denn nur wenige ausländische Lkw sind bisher mit einem Bordpiloten (Obu) ausgerüstet, der die Maut automatisch errechnet (siehe Kasten). Das Gros muss ganz altmodisch Tickets ziehen.
Der Allgemeine Deutschen Automobilclub (ADAC) hatte gewarnt, dass vor allem neuralgische Punkte wie die Grenzübergänge Straßburg/Kehl (Frankreich), Frankfurt an der Oder/Swiecko (Polen) oder Kiefersfelden (Österreich) schnell überlastet sein könnten, wenn Tausende Lkw-Fahrer versuchten, an den Mautstationen zu halten und ein Billet zu kaufen. Bei Kehl etwa müssen die aus Frankreich kommenden Trucks über eine schmale Rheinbrücke zuckeln; schon an normalen Tagen staut es sich.
Bisher blieben größere Behinderungen jedoch aus. Ein Sprecher des Lagezentrums im nordrhein-westfälischen Innenministerium, das zugleich nationale Meldestelle auch für andere Bundesländer ist, sagte am frühen Morgen, es gebe "weder Staus noch Probleme an den Einbuchungsstellen". Im Kehler Toll-Collect-Zentrum wurden bis Mitternacht nicht einmal zwei Dutzend Lastwagen abgefertigt. Lediglich in Frankfurt an der Oder kam es zu kleinen Rückstaus, was aber kurz nach Aufhebung des Sonntagsfahrverbots nichts Ungewöhnliches ist.
Marathonlauf hat begonnen
Gerd Gaster, Geschäftsführer der Kehler Spedition Eurotransit, vermutet, das einige Fahrer auf weniger heikle Grenzpunkte ausgewichen sind. Außerdem sei noch Urlaubssaison. "Interessant wird es in der zweiten Januarwoche", so Gaster. Dann werde der Verkehr auf Normalniveau anschwellen.
Erst in einigen Wochen oder Monaten dürfte sich zeigen, ob das nicht gerade für deutsche Ingenieurskunst bekannt gewordene Maut-Konsortium in der Lage ist, einen dauerhaft einwandfreien Betrieb zu gewährleisten. Toll Collect versichert, das hochkomplexe System arbeite zu 99,6 Prozent fehlerfrei. Die Zahl stammt allerdings aus einem Testlauf, der nach Ansicht vieler Experten über einen viel zu kurzen Zeitraum mit viel zu wenig Lastern durchgeführt wurde. So erklärte der österreichische Mautbetreiber Asfinag laut "Wiener Zeitung", dass Toll Collect lediglich 96,4 Prozent aller Lkw korrekt erfasse.
Ein paar Prozent mehr oder weniger könnten über Wohl und Wehe des deutschen Maut-Systems entscheiden. Jeder falsch erfasste Lkw bedeutet, dass der Vorgang händisch nachbearbeitet werden muss. Eine Fehlerquote von drei Prozent entspricht etwa 30.000 Fehlbuchungen pro Tag. Macht aufs Jahr gerechnet knapp zehn Millionen. Wie Toll Collect mit diesem Problem umgeht, ist unklar - sollte es wirklich dauerhaft auftreten.
Sicher ist hingegen, dass Toll Collects Gesellschafter DaimlerChrysler, Deutsche Telekom und Cofiroute auf Jahre hinaus ihre beiden wichtigsten Maut-Ziele verfehlen werden: Profit und Prestige. Der Imageschaden für die Konzerne ist kaum zu ermessen. Sicher ist hingegen, dass sich mit Toll Collect vorerst kein Geld verdienen lässt. Der Bund versucht derzeit bei dem Konsortium, die bisherigen Maut-Ausfälle von mehr als vier Milliarden Euro einzuklagen, eine weitere Milliarde Euro an zusätzlichen Kosten soll wegen des stümperhaften Projektmanagements angefallen sein. Schwarze Zahlen wird das deutsche Mautsystem damit frühestens 2016 schreiben.