Branchen Total abgebaut
Die jetzige Situation«, klagte Hanno Vögele, Baumaschinen-Fabrikant aus Mannheim, »ist kritischer als je zuvor.« Und Demag-Manager Horst Ahlborn aus Düsseldorf stöhnte: »Wir krebsen uns nur noch so durch.«
Immer heftiger klagt Westdeutschlands Baumaschinen-Industrie über die Flaute, die nach einhelliger Meinung der größten Produzenten schon jetzt die Geschäfte gründlicher bedroht als zu Zeiten der Rezession von 1966167. Allein von Juni bis August dieses Jahres sackte der Auftragseingang im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent ab.
Mittlerweile befürchten die Manager der nach der Bauwirtschaft vom Stabilitätskurs der Bundesregierung am härtesten getroffenen Industriebranche eine Welle von Kurzarbeit und sogar Massenentlassungen. Deutschlands größter Baumaschinen-Produzent, Rheinstahl-Hanomag in Hannover, kündigte in der letzten Woche bereits die Entlassungen von 1000 Mitarbeitern an, 28 Prozent seiner Belegschaft.
»Viele Firmen«, weiß Udo Köstlin, Funktionär des Vereins Deutscher Maschinenbau-Anstalten, »leben von der Hand in den Mund.« So die Peiner Maschinen- und Schraubenwerke, bei der nach Auskunft des Verkaufschefs Erwien Gudladt der Auftragsbestand »nur noch wenige Wochen anhält«. So bei dem Ulmer Baukran-Produzenten Reich KG, wo seit einer Woche rund 50 Prozent der Belegschaft auf Kurzarbeit gesetzt sind. Ihr Vertriebschef Karl-Heinz Strube: »Das kann nicht mehr länger gutgehen.«
In die Krise kamen Deutschlands rund 180 Baumaschinen-Fabrikanten (Gesamtumsatz: über drei Milliarden Mark, 50 000 Beschäftigte), als Bundeswirtschaftsminister Friderichs im Mai dieses Jahres ein Stabilitätsprogramm verkündete, das insbesondere die Bauwirtschaft traf. Die steuerlichen Vergünstigungen für Bauherren nach dem Paragraph 7b wurden für ein Jahr ausgesetzt, der Bund drosselte seine Ausgaben im Hoch- und Tiefbau um 1,5 Milliarden Mark.
Gleichzeitig verknappte die Bundesbank die Kredite und schleuste das Zinsniveau auf Rekordhöhe. Innerhalb weniger Monate kletterten die Zinsen für Hypothekendarlehen von acht auf zwölf Prozent. Die Folge: Auf Deutschlands Baustellen wurde es ruhig -- wöchentlich wurden neue Pleiten von Baufirmen gemeldet.
Auch wo weitergebaut werden konnte, setzte »ein psychologischer Schock« (Peine-Manager Gudladt) ein. So stoppte die von Bonn beschlossene Investitionssteuer den Maschinenkauf der Bauunternehmer. In Gudladts Unternehmen »brachen im August die Bestellungen abrupt ab«, der Auftragseingang erreichte nur noch »zehn Prozent des Vorjahres«.
Spürbar wird für die Hersteller von Baggern, Betonmischern, Planierraupen und Walzen auch der Druck aus dem Ausland. der während des westdeutschen Baubooms der vergangenen fünf Jahre von der Industrie kaum bemerkt wurde. Allein bei Turmdrehkränen etwa erzielten vornehmlich französische Firmen wie Cadillon oder Potain in den letzten fünf Jahren im Geschäft mit deutschen Kunden Zuwachsraten von rund 90 Prozent in einem Jahr. Ihr Marktanteil heute: 37,5 Prozent.
An lukrative Auslandsaufträge mag die westdeutsche Baumaschinen-Branche ohnehin kaum glauben. Denn, so Verbandsfunktionär Köstlin: »Durch die übermäßige Nachfrage im Inland wurde der Export in der Vergangenheit vernachlässigt.«
So verkaufen etwa die Produzenten von Hochbaumaschinen nur noch 22 Prozent ihrer Produktion ins Ausland. Und die Rückeroberung der Exportmärkte ist durch die mehrfache Aufwertung der D-Mark und die damit verbundene Verteuerung der deutschen Produkte im Ausland fast ausgeschlossen.
Im Kampf um Kosten, Aufträge und Kredite sah sich sogar der größte Baumaschinen-Fabrikant in Deutschland genötigt, seine Selbständigkeit aufzugeben: Rheinstahls Baumaschinenfabrik in Hannover verhandelte, so ihr Vorstandschef Karl Rabe, »mit Intensität« über einen Zusammenschluß mit dem amerikanischen Baumaschinenunternehmen Case, Tochter des Mischkonzerns Tenneco.
Zunächst hatten die Rheinstahl-Manager lediglich eine Vertriebskooperation oder eine gegenseitige Belieferung von Baugruppen als Verhandlungsziel anvisiert. Später bemühten sie sich um eine »kapitalmäßige Verflechtung« (Rabe) mit den Amerikanern. Doch das Projekt scheiterte, als Friderichs mit seinem Stabilitätskonzept die Gewinnaussichten verdunkelte. Rabe über den amerikanischen Rückzug: »Die haben über unsere Investitionssteuer nur den Kopf geschüttelt.«
Von den finanzkräftigen Ausländern und ihrer voll mit sich selbst beschäftigten Muttergesellschaft Rheinstahl im Stich gelassen, muß die Baumaschinenfabrik nun allein mit der Baisse fertig werden. Die Chancen stehen schlecht: Ihr Auftragseingang ist »nur noch halb so groß wie der monatliche Absatz, der Auftragsbestand wird dadurch über kurz oder lang total abgebaut« (Rabe). Ein Baumaschinenfabrikant aus Augsburg beschreibt die Lage seiner Branche knapper: »Scheiße.«
In der Tat häufen sich Beispiele für die existenzbedrohende Situation: Bei der Peiner Maschinenbau ist es nach Meinung des Verkaufschefs Gudladt »nur eine Frage der Zeit«, bis Kapazitäten stillgelegt werden; bei der Ulmer Reich KG, verkündete Vertriebschef Strube, »werden wir nach den Arbeitern bald auch die Angestellten kurzarbeiten lassen müssen«.
»Wir wissen nicht, wie das weitergehen soll«, jammert Fabrikant Hanno Vogele. »und jetzt wird auch noch gestreikt.